Bundestagswahl Zwei Drittel der Deutschen wollen online wählen

Redakteur: Johann Wiesböck

Die Stimme bequem zu Hause auf dem Sofa abgeben zu können, scheint verlockend. Aber die technische Umsetzung eines Systems, das zwischen einem manipulierten und einem nicht manipulierten Ergebnis unterscheiden kann, ist hochkomplex.

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Liegt es an der Bequemlichkeit? Zwei Drittel der Deutschen würde gerne online wählen, wenn dies möglich wäre. Bis es soweit st, sind jedoch noch einige technische Hürden zu überwinden.
Liegt es an der Bequemlichkeit? Zwei Drittel der Deutschen würde gerne online wählen, wenn dies möglich wäre. Bis es soweit st, sind jedoch noch einige technische Hürden zu überwinden.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Die Covid-19-Pandemie hat viele Vereine, Parteien und Unternehmen veranlasst, Wahlen und geheime Abstimmungen online abzuhalten. Zwei Drittel der Deutschen sprechen sich auch bei künftigen Bundestagswahlen für Online-Stimmabgaben aus, wie eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e. V.) ergab.

Expertinnen und Experten für IT-Sicherheit des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) weisen auf die hohen technischen und rechtlichen Anforderungen hin, die notwendig sind, um digitale Abstimmungen mit komplexen kryptographischen Verfahren sicher zu machen. Gemeinsam mit internationalen Fachkolleginnen und -kollegen haben sie das Positionspapier Aktuelle Entwicklungen im Kontext von Online-Wahlen und digitalen Abstimmungen veröffentlicht.

Bis zum manipulationssicheren Online-Voting ist es noch ein weiter Weg

„Es gibt noch große Forschungsherausforderungen, bevor man ernsthaft darüber nachdenken kann, bei einer Bundestagswahl Online-Voting einzuführen“, sagt Professorin Melanie Volkamer von der Forschungsgruppe SECUSO – Security, Usability, Society am KIT. „Es ist ein Unterschied, ob ich in einem kleinen Verein ein Online-Wahlsystem nutze, um am Ende des Tages Aufgaben zu verteilen, oder ob es wie bei politischen Wahlen um Macht und Einfluss geht.“

Die Wissenschaftlerin betont: „Die Stimme bequem zu Hause auf dem Sofa abgeben zu können, scheint verlockend, aber die technische Umsetzung eines Systems, das es möglich macht, zwischen einem manipulierten und einem nicht manipulierten Ergebnis zu unterscheiden, ist hochkomplex.“ Dass bei einigen Wahlen bereits Online-Stimmabgaben möglich gewesen seien, bedeute nicht, dass diese Unterscheidung dort möglich gewesen sei, und entsprechend auch nicht, dass sich diese Verfahren für politische Abstimmungen eigneten, so Volkamer.

Mit ihrer Veröffentlichung zur aktuellen Entwicklung in Deutschland stellen die Autorinnen und Autoren Informationen bereit, die Wählende, Kandidierende und Ausrichtende von politischen Wahlen dabei unterstützen, eine informierte Entscheidung zu treffen. Verantwortliche sollten verstehen, welche Risiken zu beachten und wie diese zu bewerten sind, um Vor- und Nachteile für den Einsatz bei einer konkreten Online-Wahl abwägen zu können.

Transparenz aller verwendeten Software und Prozesse

„Wir brauchen maximale Transparenz aller verwendeten Software und technischen Prozesse, um den gesamten Wahlvorgang nachvollziehen zu können – das ist die Meinung aller beteiligten Expertinnen und Experten“, sagt der IT-Sicherheitsexperte Professor Jörn Müller-Quade vom KASTEL — Institut für Informationssicherheit und Verlässlichkeit am KIT. „Wir haben die Sorge, dass die Bevölkerung kein Bewusstsein für die Gefahr hat, und das wäre schlecht für die Demokratie.“

Prof. Melanie Volkamer, KIT: „Es ist ein Unterschied, ob ich in einem kleinen Verein ein Online-Wahlsystem nutze, um Aufgaben zu verteilen, oder ob es wie bei politischen Wahlen um Macht und Einfluss geht.“
Prof. Melanie Volkamer, KIT: „Es ist ein Unterschied, ob ich in einem kleinen Verein ein Online-Wahlsystem nutze, um Aufgaben zu verteilen, oder ob es wie bei politischen Wahlen um Macht und Einfluss geht.“
(Bild: Amadeus Bramsiepe, KIT)

Die beteiligten Fachleute forschen unter anderem an Methoden zur benutzbaren und verständlichen Umsetzung der Nachvollziehbarkeit und Überprüfbarkeit der individuellen Stimmabgabe sowie der Auszählung aller abgegebenen Stimmen bei digitalen Abstimmungen. Ein wichtiger Aspekt ist hierbei die Ende-zu-Ende-Verifizierbarkeit, die es ermöglicht, nachzuprüfen, ob die eigene Stimme gezählt wurde, und dabei zugleich das Wahlgeheimnis wahrt.

Neben den Forschenden des KIT, Bernhard Beckert, Armin Grunwald, Jörn Müller-Quade und Melanie Volkamer, haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Stuttgart, der Hochschule Heilbronn, der IT-Universität Kopenhagen und der Universität Tartu die Veröffentlichung mitverfasst.

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