ZVEI: Bei Zukunftstechnologien ist Europa weltweit führend

Autor: Michael Eckstein

Laut der neusten ZVEI-Analyse entwickelt sich der Welt-Halbleitermarkt besser als die globale Konjunktur. Europa kann demnach Schlüsseltechnologien wie Intelligent Edge und Sensorik als Chance nutzen, seine Position zu stärken. Dazu sei aber technische Souveränität nötig, nicht nationaler Protektionismus.

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Heterogenes Bild: Der enorme Chipverbrauch in den USA und China sorgen für ein insgesamt moderates Wachstum des Halbleitermarktes. In vielen anderen Regionen – Europa eingeschlossen – sind deutliche Umsatzverluste zu verzeichnen.
Heterogenes Bild: Der enorme Chipverbrauch in den USA und China sorgen für ein insgesamt moderates Wachstum des Halbleitermarktes. In vielen anderen Regionen – Europa eingeschlossen – sind deutliche Umsatzverluste zu verzeichnen.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Klimawandel, Handelskonflikte und Pandemien werden auf absehbare Zeit die größten Herausforderungen für die weltweite Wirtschaft sein. Innovative elektrotechnische Produkte können helfen, diese Probleme zu bewältigen. Die Situation bietet auch heimischen Unternehmen die Chance, mit ihren Produkten weltweit erfolgreich zu sein.

Davon ist Stephan zur Verth überzeugt: „Innovation kann zum Schutz des Klimas einen entscheidenden Beitrag leisten“, sagt der der Vorsitzende der Fachgruppe Halbleiter-Bauelemente im ZVEI-Fachverband Electronic Components and Systems, und verweist auf Green-ICT-Bestrebungen und den Ende 2019 vorgestellten „European Green Deal“. Mit IPCEI II stehe ein geeignetes Instrument bereit, um die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Schlüsseltechnologien zu stärken.

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Eigene Hochtechnologien besser schützen

Man müsse eine „technologische Souveränität“ erreichen. Gemeint ist damit unter anderem, Schlüsseltechnologien, in denen europäische Firmen weltweit führend sind, nicht mehr leichtfertig aus der Hand zu geben. Dazu passt die gerade durch die Bundesregierung vereitelte Übernahme des 5G- und Radarspezialisten IMST aus Nordrhein-Westfalen durch das chinesische Addsino. Addsino ist ein Tochterunternehmen des chinesischen staatlichen Rüstungskonzerns Casic. Zur Verth blickt in die Zukunft: „Europa hat die Chance, bei 6G eine weltweit führende Rolle einzunehmen.“

Anlässlich des traditionellen jährlichen ZVEI-Pressegesprächs zur Entwicklung des weltweiten Mikroelektronikmarktes präsentiert zur Verth zunächst zum Teil überraschende Zahlen: „Weltweit wächst der Halbleitermarkt im laufenden Jahr um 4% auf 428 Mrd. US-$.“ Der Welthalbleitermarkt habe sich „überraschend gut entwickelt“, vor allem getrieben durch die Chipnachfrage in den USA und in China. Erstmals habe er sich zudem von der globalen Konjunktur entkoppelt, die durch die Corona-Krise in diesem Jahr deutliche Einbußen erlitten hat.

Deutschlands Abhängigkeit von der Automobilbranche rächt sich

Der europäische Markt erlebt laut zur Verth 2020 allerdings einen starken Umsatzrückgang. In der Region Europa, zu der auch der Nahe Osten und Afrika (EMEA) hinzugerechnet werden, gehe der Markt im laufenden Jahr um etwa 8% auf 38 Mrd. US-$ zurück.

Vor allem Deutschland verzeichne einen hohen Umsatzrückgang von rund minus 14% auf 12,3 Mrd. US-$. „Europa und besonders Deutschland erleben aufgrund ihrer hohen Anteile im Automotive-Markt sowie durch Segmente mit niedrigerem Speicheranteil einen stärkeren Umsatzeinbruch durch die Corona-Pandemie als andere Teile der Welt“, erklärt zur Verth.

Trotzdem fällt seine Prognose für den Halbleitermarkt positiv aus: „Im kommenden Jahr erwarten wir weltweit eine Umsatzsteigerung von 8% auf 463 Mrd. US-$ und europaweit eine Umsatzsteigerung von 5% auf 38 Mrd. US-$“, sagt zur Verth.

Auch Marktanalyst WSTS sieht Chipmarkt im Aufschwung

Der renommierte Marktanalyst World Semiconductor Trade Statistics (WSTS) erwartet ähnliche, noch etwas höhere Wachstumsraten: In der neuen Prognose vom November 2020 erwartet WSTS, dass der Welt-Halbleitermarkt im Jahr 2020 um 5,1% auf 433 Milliarden US-Dollar steigen wird. Dies spiegelt das erwartete Wachstum in allen wichtigen Produktkategorien mit Ausnahme von Optoelektronik und diskreten Halbleitern wider. Die größten Wachstumsträger sind Speicher mit 12,2%, gefolgt von Sensoren mit 7,4%.

Ab 2021 werde das Wachstum auf 8,4% zunehmen, getrieben in erster Linie durch ein zweistelliges Wachstum der Speicher- und Optoelektronik. Auch für alle anderen Produktkategorien erwartet WSTS positive Wachstumsraten. Insgesamt wirke sich die Covid-19-Pandemie nicht so negativ auf den Halbleitermarkt aus, wie noch im Frühjahr befürchtet.

Wachstumstreiber: „Die nächste Dekade gehört der Edge!“

Einen großen Anteil daran werden die Mobilfunktechnik 5G, Künstliche Intelligenz und eng damit verbundene Edge-Technologien haben, erklärt zur Verth: „Diese Technologien beschleunigen das weltweite Wachstum für Mikroelektronik enorm.“ Europäische Firmen seien hier sehr gut positioniert, in einigen Bereichen wie Industrie 4.0 sowie Safety & Security und Sensorik sogar weltweit führend.

Immer intelligentere Edge-Lösungen seien die Voraussetzung für den Trend, relevante Daten („Relevant Data“) statt „Big Data“ in die Cloud zu bringen. Edge-Technologien könnten zum Beispiel dazu beitragen, dass weniger Energie verbraucht werde, „da sie Datenmengen unmittelbar nach ihrer Generierung erheblich reduzieren, so dass weniger Daten etwa über Mobilfunkverbindungen übertragen werden müssen.“ Dies komme letztlich auch der Informationssicherheit und dem Datenschutz zugute.

Ausbau der Kommunikationsinfrastruktur ist erforderlich

Außerdem begünstige die Edge-Technologie Analysen und Handlungen in Echtzeit, beispielsweise beim Internet of Things und beim autonomen Fahren, da keine Verzögerung durch Netzwerklatenz vorhanden sei. „Wir gehen davon aus, dass Cloud-Devices zunehmend um Edge-Devices ergänzt werden. Für Europa ist das eine große Chance“, erklärte zur Verth.

Ein Show-Stopper auf dem Weg zur technologischen Souveränität gerade in diesem Bereich dürfte allerdings die nach wie vor mangelhafte Kommunikationsinfrastruktur gerade in Deutschland sein. Denn die technische Voraussetzung für Egde-Services sind modernste, überall verfügbare Netzwerke wie 5G. Diese Techniken werden stand heute weitestgehend von chinesischen Unternehmen entwickelt und kontrolliert. „Deswegen ist es umso wichtiger, sich bereits jetzt auf 6G zu konzentrieren“, sagt zur Verth.

Mit IPCEI II Europa für internationalen Wettbewerb stärken

„Ich bin sicher, dass unsere Branche in den kommenden Jahren nochmals mehr an Bedeutung gewinnen wird“, blickt zur Verth nach vorn. „Die gesellschaftlichen Herausforderungen, die unter anderem aus dem Klimawandel, der demografischen Entwicklung und der Ressourcenknappheit resultieren, erfordern neue digitale Lösungen.“ Und hier seien viele europäische Unternehmen gut aufgestellt.

Der ZVEI befürwortet daher ausdrücklich, dass die EU-Kommission und die Bundesregierung mit einem zweiten IPCEI (Important Projects of Common European Interest) zur Mikroelektronik die europäische und deutsche technologische Souveränität in diesem Schlüsselbereich stärken und einseitige Abhängigkeiten reduzieren wollen.

Nachwuchs- und Forschungsförderung sind essenziell

„Damit Europa bei Schlüsseltechnologien wie 5G, KI und Edge Computing eine führende Rolle einnimmt, müssen jetzt die Weichen neu gestellt und mithilfe des IPCEI-Instruments Investitionen in zukünftiges Wachstum angestoßen werden“, erklärt zur Verth. Die Politik müsse dafür nicht nur einen Rahmen setzen, sondern auch Anreize schaffen, die die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen in einer zunehmend volatilen Welt stärken.

Dazu zähle insbesondere auch das Stärken des Forschungs- sowie Aus- und Weiterbildungsangebots. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung sei das vom Bundesforschungsministerium (BMBF) beschlossene Rahmenprogramm für die Förderung der Mikroelektronik-Forschung in Deutschland. Es soll helfen, Deutschland zu einem internationalen Treiber bei der Entwicklung und Fertigung nachhaltiger und vertrauenswürdiger Mikroelektronik auszubauen.

„Protektionismus ist keine Lösung, gefragt ist vielmehr technologische Souveränität“

Nur so sei es möglich, dass Europa wieder eine maßgebliche Rolle im weltweiten Marktgeschehen einnehmen könne. Um dies zu erreichen, müsse der europäische Anteil am globalen Halbleitermarkt wenigstens auf 20% steigen, „besser wären 30%“. Angesichts der Entwicklung in den letzten Jahren, in denen Europa kontinuierlich Marktanteile verloren hat und derzeit bei rund 9 bis 10% herumdümpelt, wird dies eine Herkulesaufgabe sein.

Die Versuche der noch amtierenden Trump-Administration, chinesische Chiphersteller vom US-Markt auszuschließen, sieht zur Verth kritisch: „Mikroelektronik ist ein globales Geschäft. Protektionismus ist eine vielleicht kurzfristig wirksame Maßnahme, die aber im Endeffekt die Entwicklung der Halbleiterindustrie in allen Ländern hemmt.“

BMBF: Mit vertrauenswürdiger Elektronik zu mehr technologischer Souveränität

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