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ZVEI-Analyse: Weltweiter Chipmarkt ist stabil – auch wegen Corona

| Autor: Michael Eckstein

Nach dem Rekordjahr 2018 hat der weltweite Markt für Mikroelektronik 2019 um rund 12% nachgelassen. Hauptgrund waren abgestürzte Speicherpreise. Für die nächsten Jahre erwartet der ZVEI rund 5% Wachstum per anno. Ein wichtiges Signal könnte die electronica 2020 im November geben.

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Die meisten Chips werden heute auf 300-mm-Wafern produziert. Der Anteil anderer Wafer-Größen ist stark gesunken – doch selbst Siliziumscheiben mit Durchmessern unter 150 mm spielen noch eine wichtige Rolle.
Die meisten Chips werden heute auf 300-mm-Wafern produziert. Der Anteil anderer Wafer-Größen ist stark gesunken – doch selbst Siliziumscheiben mit Durchmessern unter 150 mm spielen noch eine wichtige Rolle.
(Bild: Clipdealer)

Wie in den vielen Jahren zuvor folgt der Gesamtmarkt für Mikroelektronik weiter dem Schweinezyklus aus Allokation und Überproduktion: Während besonders Flash-Speicher in den Jahren 2017 und 2018 rar und damit entsprechend teuer waren, fiel ihr Preis aufgrund rasch aufgebauter Produktionskapazitäten im Folgejahr rasant – der Umsatz damit brach um rund ein Drittel ein. Aufgrund ihres großen Anteils am Gesamtumsatz gab auch dieser deutlich nach.

In Zahlen stellt sich die Situation so dar: Von 2014 bis 2019 legte der Weltmarkt für Mikroelektronik von 336 auf 412 Mrd. US-Dollar zu – einen Wert, den er bereits 2017 erreicht hatte. 2018 erreichte er seinen Peak mit fast 470 Mrd. US-Dollar. Danach folgte der stärkste Einbruch seit der Finanzkrise 2009: „Im Vergleich zum Vorjahr hat der weltweite Markt für Mikroelektronik 2019 um 12,1% nachgegeben“, erklärt Dr. Sven Baumann, Experte für Mikroelektronik, Sensorik und Aktorik im Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI), bei der Vorstellung der aktuellen Mikroelektronik-Trendanalyse.

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Insgesamt entspricht die Entwicklung von 2014 bis inklusive 2019 einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 4,2%. Damit sollte Dr. Ulrich Schäfer, Marktexperte und Referent des ZVEI, Recht behalten: Er prognostizierte Anfang 2019 trotz zeitweisen sogar negativen Wachstums eine Zunahme, die sich „bei etwa 3 bis 5% einpendeln wird“. Auch in der aktuellen, schwierigen Situation – Stichwort Coronakrise und damit einhergehender weltweiter Wirtschaftseinbruch von über 10% – geht Baumann davon aus, dass „der Wachstumspfad des weltweiten Mikroelektronikmarkts im langjährigen Trend intakt ist“ und rechnet für die nächsten Jahre mit einem Zuwachs von jährlich etwa 5 Prozent.

Wichtigen Anteil daran hat ausgerechnet die Coronakrise: Die aktuelle Ausnahmesituation hätte die Nachfrage nach Homeoffice- und Unterhaltungstechnik emporschnellen lassen – und sie wird voraussichtlich weiterhin ein erhöhtes Niveau halten.

„Die electronica 2020 wäre ein wichtiges Signal für die Branche“

Die Entscheidung der Messe München, die electronica 2020 vom 10. bis 13. November auszurichten, sieht Christoph Stoppok, Leiter des Bereichs Components, Mobility and Systems im ZVEI, als wichtigen Impuls für die ganze Branche: „Damit setzt die Messe München ein positives Signal nach schwierigen Monaten für die Unternehmen, aber auch für alle anderen Messen, die jetzt wieder neu planen können.“

Die Entscheidung kommt zur rechten Zeit. Wie aus einer aktuellen ZVEI-Umfrage bei Mitgliedsunternehmen hervorgeht, gibt es erste vorsichtige Zeichen einer Erholung in Deutschland und der Eurozone. Zudem zieht auch die Nachfrage aus China wieder an. „Die Talsohle des wirtschaftlichen Abschwungs, der durch die Covid-19-Pandemie ausgelöst wurde, scheint durchschritten zu sein“, erklärt Stoppok. Es sei wichtig, der Branche jetzt – unter Einhaltung schlüssiger Schutz- und Hygienemaßnahmen – eine Plattform zum direkten und internationalen Austausch zu bieten. Die vergangenen Monate hätten gezeigt, dass digitale Formate zwar eine gute Ergänzung seien, Präsenzmessen aber nicht vollständig ersetzen könnten.

Chipmarkt und Weltwirtschaft sind nicht mehr im Gleichtakt

Gleichwohl weisen die ZVEI-Experten darauf hin, dass eine belastbare Prognose, wie sich der Markt für Mikroelektronik in den nächsten Jahren entwickeln wird, derzeit kaum möglich sei – zuviel Ungewissheit liegt wegen der Coronakrise in der Waagschale. „Bisher hat es immer eine recht gute Korrelation zwischen dem realem, weltweiten Bruttoinlandsprodukt und dem Halbleitermarkt gegeben“, sagt Baumann. Das ist in diesem Jahr anders: Während der Chipmarkt weiterhin stabil ist, ist das BIP um rund 8% eingebrochen. „Rechnet man die sonst üblichen durchschnittlich 2,5% Wachstum hinzu, verzeichnet die Weltwirtschaft derzeit eine massive Rezession von über 10%!“, sagt der ZVEI-Experte.

Sorgen macht sich Baumann auch aufgrund der weltweit sinkenden Zulassungszahlen für Autos: Ab 2017 brach die Nachfrage in dem für deutsche Hersteller besonders wichtigen chinesischen Markt um durchschnittlich 6,4% jährlich ein, während die Märkte in den USA, EU, Brasilien, Indien und Russland mehr oder weniger mit Nullwachstum stagnierten. Seit Ende 2019 zeichnet sich jedoch ab, dass in all diesen Märkten die Zulassungszahlen rückläufig sind. Mit dem Beginn der Coronakrise sind sie geradezu abgestürzt – in China um –54%, in den USA und der EU um jeweils –42%.

Dies sind keine guten Signale für die europäischen Halbleiterhersteller wie Infineon, NXP und ST Microelectronics, für die die Automobilindustrie ein wichtiger Absatzmarkt ist. Sie tun sicher gut daran, sich noch stärker für aufstrebende Wachstumsmärkte wie (Industrial) IoT, KI, Hardware-basierte Security, Energietechnik, Sensorik usw. aufzustellen. Immerhin: Laut ZVEI wird Europa auch in den nächsten vier Jahren in Punkto Automotive-Chips mit weitem Abstand tonangebend sein.

Kommunikationstechnik: Europa hat führende Rolle verspielt

Die Untersuchung der Marktsegmente entwickelt sich analog zu den letzten Jahren: Weltweit steigt der Anteil von Chips, die für die (Tele-)Kommunikation gefertigt werden. Auch die Industrie und Automotive sind weiter wichtige Absatzmärkte, während der Anteil der Unterhaltungselektronik bestenfalls stagniert und der für Computer weiter deutlich sinkt.

Leider hat Europa seine ehemals führende Rolle in der Kommunikationstechnik mittlerweile verspielt, berichtet der ZVEI. Die bestimmende Position von chinesischen Herstellern wie Huawei, ZTE bei modernen Mobilfunktechniken wie LTE und 5G unterstreichen diese Aussage. Marktforscher Dell’Oro hat für 2019 ermittelt, dass allein Huawei als Telekommunikationsausrüster einen Anteil am weltweiten Markt von fast 30% hat. ZTE hat auf 10% zugelegt, während Nokia und Cisco deutlich verloren haben. Immerhin konnte Ericsson etwa 14% behaupten.

Automotive und Industrie sind die europäischen Fackeln im Sturm

Europäische Unternehmen sind traditionell stark in den Bereichen Automotive und Industrie. Entsprechend ist der Halbleiterumsatz in diesen Märkten stark gewachsen – von 2000 bis 2019 um 258% respektive 139%. Doch auch hier warnt der ZVEI: Die Umsätze außerhalb Europas stiegen deutlich stärker um 339% und 211%. „Die Automobilelektronik wird dominiert von Europa, doch das höchste Wachstum verzeichnet mittlerweile China“, sagt Baumann.

Das höchste Wachstum verzeichnet mittlerweile der Insassenschutz, bedingt durch die Fahrerassistenzsysteme. Er hat den Antriebsstrang als Hauptanwendung abgelöst. Dieser bleibt aber nach wie vor wichtig. Auch Infotainment-Anwendungen inklusive Fahrzeugvernetzung (Internet, V2X) werden in den folgenden Jahren eine wichtige Rolle einnehmen. Trotzdem folgten 2019 beide Märkte – Automotive und Industrie – dem weltweiten Trend: Der Umsatz ging um knapp 7% zurück.

Regionale Verschiebungen der letzten Jahre setzen sich fort

Laut ZVEI festigt China seine Position als entscheidender Absatzmarkt für Chiphersteller. In der Ship-to-Statistik, die den Chipverbrauch im jeweiligen Land angibt (unabhängig davon, ob die produzierten Güter das Land wieder verlassen oder nicht), ist das Reich der Mitte seit 2017 der größte Abnehmer, aktuell mit einem Anteil von ca. 35% am Gesamtmarkt. Es folgen die restliche Asien/Pazifik-Region (27,5%), Amerika (19%) und weit abgeschlagen Europa (9,7%) und Japan (8,7%).

Apropos Japan: Wie in den letzten Jahren gibt es im ehemals weltweit wichtigsten Elektronikstandort eine krasse Diskrepanz zwischen der Produktion elektronischer Geräte und deren Konsum: Während der Chipverbrauch im weltweiten Vergleich nur noch eine geringe Rolle spielt, ist der Pro-Kopf-Verbrauch im Land der aufgehenden Sonne mit Abstand am höchsten – die Japaner lieben offensichtlich elektronische Geräte.

Japans Pro-Kopf-Verbrauch liegt mit 287 US-Dollar 2019 nach wie vor mit weitem Abstand an der Spitze und steigt bis 2024 voraussichtlich weiter deutlich. In Amerika (Nord-, Mittel- und Südamerika) lag dieser wichtige Wert 2019 mit 76 US-Dollar pro Kopf an zweiter Stelle, während die EMEA-Länder lediglich 17 US-Dollar pro Kopf erreichen.

Mikroelektronik ist ein reifer, stabiler Markt

Insgesamt attestiert der ZVEI der Mikroelektronikindustrie einen hohen Reifegrad. Das schließt er aus dem langfristigem Wachstum der Branche: Nach rasantem Wachstum in den ersten Jahrzehnten und einer folgenden Übergangsphase zwischen 2000 bis 2010 hat die Industrie laut Baumann mittlerweile eine gesunde Wachstumsrate von knapp 6% pro Jahr im gleitenden 10-Jahresdurchschnitt erreicht.

2019 wurden insgesamt etwa 290 Mrd. Chips produziert. Im weltweiten Durchschnitt hat sich der Verbrauch an ICs pro Kopf der Weltbevölkerung von 8 ICs im Jahr 1995 auf 39 ICs 2019 erhöht. „Elektronik ist heute praktisch allgegenwärtig“, resümiert Baumann.

Natürlich wagt der ZVEI auch wieder einen Blick in die Kristallkugel: Bis 2024 wird der Mikroelektronikmarkt demnach ein Volumen von 532 Mrd. US-Dollar erreichen. „China wird daran einen Anteil von 183 Mrd. US-Dollar haben, entsprechend gut 33%, und Gesamtasien einen Anteil von rund 341 Mrd. US-Dollar“, prognostiziert Baumann. Europas und Japans Anteil wird sich gegenüber 2019 wohl kaum verändern.

Amerikas Anteil könnte bis dahin wieder leicht auf 21% steigen, glaubt der Experte. Das entspräche einem mittleren jährlichen Wachstum von 7,1% von 2019 bis 2024 (statt 2,5% in den letzten fünf Jahren) – und wäre ein Erfolg für Trump: Mit seiner lautstarken, erratischen und mit unverhohlenen Drohungen durchsetzten „America first“-Politik hat der aktuelle US-Präsident erreicht, dass einige Hersteller wieder Produktionen in den USA aufbauen. Offenbar ist die Furcht zu groß, in dem wichtigen amerikanischen Markt sonst mit einem Vertriebsbann belegt zu werden. Als Beispiel sei hier die weltweit größte Chipschmiede TSMC genannt: Die Taiwanesen planen, in Arizona eine Fab für 5-nm-Chips aufzubauen. Kostenpunkt: rund 12 Mrd. US-Dollar.

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