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Mutmacher „Wir sehen eine Chance in dieser Krise“

| Redakteur: Sebastian Gerstl

NewTec ist ein Anbieter von Lösungen für Functional Safety und Embedded Security. Matthias Wolbert, Geschäftsführer und Leiter Vertrieb/Marketing bei NewTec, sieht in den Herausforderungen der Coronakrise auch eine große Chance für die Zukunft von Unternehmen und deren Geschäftsmodelle.

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Geschäftsführer Matthias Wolbert: 
„Die Krise wirkt in vielen Bereichen wie ein Katalysator. Strukturen werden hinterfragt, bessere Antworten gesucht – und gefunden.“
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Geschäftsführer Matthias Wolbert: 
„Die Krise wirkt in vielen Bereichen wie ein Katalysator. Strukturen werden hinterfragt, bessere Antworten gesucht – und gefunden.“
(Bild: NewTec)

Wie gehen Sie mit der Krise um?

Für uns haben sich drei Prinzipien bewährt: zeitiges Handeln, Flexibilisierung und Ergebnisorientierung. Wir begannen schon Anfang März, als sich abzeichnete, dass Corona ein größeres Problem werden könnte, mit zeitversetztem Arbeiten. So konnten wir schnell die Anzahl der Mitarbeiter reduzieren, die zeitgleich in den einzelnen Standorten arbeiteten. Gleichzeitig wurden die Möglichkeiten dezentraler Projektarbeit ausgebaut, darunter sichere VPN-Zugänge aus dem Homeoffice, Videokonferenzsysteme und Online-Coaching-Möglichkeiten.

Damit wir unsere Kundenprojekte auch in diesen neuen Settings weiter effektiv umsetzen konnten, haben wir einige Komponenten der agilen Softwareentwicklung auf die gesamte Projektarbeit übertragen. Arbeiten mit Sprints beispielsweise und tägliche Teamtreffen per Videokonferenz, wo Fortschritte und Probleme besprochen werden. Standup-Themen wie „Was habe ich gestern geschafft?“, „Wo brauche ich Unterstützung?“, „Was habe ich für heute vor?“ helfen bei Strukturierung und Orientierung.

Wichtig ist aber auch, den Mitarbeitern, die aufgrund ihrer häuslichen oder privaten Situation nicht effektiv im Homeoffice arbeiten können, den gewohnten Arbeitsplatz im Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Das gilt natürlich auch für alle Arbeitsprozesse, die nicht Homeoffice geeignet sind.

Das funktioniert bei NewTec über alle Standorte hinweg sehr gut. Wir konnten bisher alle Projekte in Time und Budget abwickeln. Wichtig ist dabei gegenseitiges Vertrauen. So ist z. B. die reine Nettoarbeitszeit unserer Mitarbeiter im Homeoffice nicht wichtig. Was zählt, sind die Ergebnisse. Und die stimmen.

Was hilft in diesen schwierigen Zeiten?

Zusammenstehen, Transparenz und besonnenes, proaktives Handeln, um die Gesundheit und den Arbeitsplatz der Mitarbeiter zu erhalten. Indem man außerdem Mitarbeiter und Partner frühzeitig informiert und einbindet, wächst Vertrauen. Wir haben z. B. aufgrund diverser Ängste, die um das Thema Kurzarbeit entstanden, Gespräche mit jedem Mitarbeiter über seine Sorgen geführt. Das wäre eigentlich nicht nötig gewesen, da wir bis heute – Stand Anfang Juli – keine Kurzarbeit einführen mussten. Für die Stimmung im Unternehmen war es aber sehr wichtig.

Wie unterstützt Ihr Unternehmen Mitarbeiter?

Wir versuchen, jedem unter den gegebenen Umständen das Arbeitsumfeld zu bieten, das ihn am besten unterstützt. Mitarbeiter, die klarere Strukturen benötigen oder im Homeoffice nicht arbeiten können, ermöglichen wir sichere Präsenzzeiten im Unternehmen. Mitarbeiter im Homeoffice unterstützen wir durch eine gute Kommunikationsinfrastruktur. Hier hat NewTec es natürlich leichter als produzierende Unternehmen.

In der Zeit des größten Lockdowns gab es jeden Mittag um 11:30 Uhr einen sogenannten „Corona-Call“, d. h. ein Gespräch der Geschäftsführung mit Mitarbeitervertretern. So werden unsere Mitarbeiter in die Entscheidungsfindung nötiger Maßnahmen wie Hygiene, zeitversetztes Arbeiten etc. einbezogen. Dadurch gab es auch weniger Ängste und Vorbehalte in der Firma. Diesen regelmäßigen Call gibt es heute noch, aber nicht mehr täglich.

Wie binden Sie Ihre Partner ein?

Auch hier durch Transparenz und proaktives Handeln. Wir haben unsere Partner und Kunden frühzeitig mit ins Boot geholt und sie über die Maßnahmen informiert, die wir ergreifen, um die Projektziele wie geplant zu erreichen. Eventuell nötige Anpassungen, z. B. in Hinblick auf Abstimmungsprozesse, wurden zeitnah und lösungsorientiert abgestimmt. Auch Datenschutzfragen und -anforderungen wurden proaktiv geklärt.

Wie sehen Sie die Zukunft?

Die Coronakrise wirkt in vielen Bereichen wie ein Katalysator. Zum Beispiel bei der Frage, wie wir in Zukunft arbeiten und Unternehmen führen werden. Mit den Erfahrungen aus dem Lockdown wird Arbeit weiter flexibilisiert. Als Unternehmer werden wir Arbeit in manchen Bereichen weniger an Präsenzzeiten messen, sondern an Ergebnissen. Für die Mitarbeiter kann das eine weitere Verbesserung der Work-Life-Balance bedeuten und mehr eigenverantwortliches Arbeiten.

In Hinblick auf die Software- und Elektronikbranche sehen wir zahlreiche Chancen. Insbesondere im Zusammenspiel mit Strukturwandel und Digitalisierung, denn hier steht die Branche im Brennpunkt der Entwicklung. Auch für kleine und mittelständische Unternehmen werden sich attraktive neue Möglichkeiten und Geschäftsmodelle ergeben, z. B. durch die Digitalisierung ihrer Produkte oder neue Dienstleistungen.

Wenn Unternehmen jetzt die Zeit nutzen, um die Erfahrungen der Krise auszuwerten und über grundlegende Fragen der unternehmerischen Zukunft nachzudenken, werden sie sich Potenziale erschließen können, die bislang vielleicht unter der Unternehmensroutine verborgen waren. Auch beim Thema Globalisierung von Entwicklungsprozessen sowie Produktions- und Lieferketten sehen wir Zeichen für ein Umdenken. Weil sich in der Krise vielerorts gezeigt hat, dass Projektmanagement über den Erdball sehr aufwendig und anfällig für Störungen ist, insbesondere wenn es um Qualitätssicherung geht. Das ist eine Chance für deutsche Entwickler und Zulieferer.

Diesen Beitrag lesen Sie auch in der Fachzeitschrift ELEKTRONIKPRAXIS Ausgabe 15/2020 (Download PDF)

Und wie bereiten Sie sich darauf vor?

Bei NewTec werden wir die Branchendiversifizierung weiter vorantreiben. Es hat sich gezeigt, dass es gut war, sich nicht nur auf eine Branche zu konzentrieren. Wo es nur um Kostenreduktion geht, hat die Krise uns klare Grenzen aufgezeigt – prominentestes Beispiel ist wohl die Fleischproduktion.

Ähnliches gibt es aber auch in der Elektronikentwicklung. Beispielsweise wurden Entwicklungen von Steuerelementen für autonomes Fahren ausgebremst, weil die Ingenieursleistungen aus Kostengründen nach Asien ausgelagert worden waren und in der Krise dort nichts mehr ging. Für uns heißt das, noch stärker auf Qualität und Zuverlässigkeit zu setzen.

Darüber hinaus: Weiter sehr kunden- und partnerorientiert arbeiten. Schon lange beraten wir unsere Kunden und Partner auch technologisch in Hinblick auf neue Produktideen oder Geschäftsmodelle und entwickeln gemeinsam mit ihnen Wege in die Zukunft. Dieses Unternehmensprofil werden wir stärken. Was unsere internen Strukturen anbelangt, werden wir versuchen, die guten Erfahrungen, die wir mit der Flexibilisierung von Arbeit und Transparenz in der Führung gemacht haben, zu konsolidieren.

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