Chipmangel: Chinas Offensive „Wir machen das selbst“: Peking fährt seine Halbleiterproduktion hoch

Autor / Redakteur: Henrik Bork * / Kristin Rinortner

China arbeitet fieberhaft daran, den Chipmangel im Land zu beheben. Bis zum Ende diesen Jahres könnten Halbleiter mit Strukturbreiten von 28 nm bereits komplett selbst produziert werden. Davon profitieren sowohl die Autoindustrie als auch IoT-Geräte-Hersteller im Land.

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China-Chips: Schon kurz nach dem Beginn des Handelskrieges und des folgenden Halbleiter-Boykotts aus Washington hat China begonnen, den Aufbau der heimischen Chip-Industrie massiv zu forcieren.
China-Chips: Schon kurz nach dem Beginn des Handelskrieges und des folgenden Halbleiter-Boykotts aus Washington hat China begonnen, den Aufbau der heimischen Chip-Industrie massiv zu forcieren.
(Bild: Gerd Altmann / Pixabay)

Die Zentralregierung in Peking und Provinzregierungen stellen Milliardensummen für Investitionen bereit, um vor dem Hintergrund von US-Boykotten und internationaler Lieferschwierigkeiten die heimische Produktion zu forcieren. Dabei konzentriert man sich derzeit auf Halbleiter mittlerer Qualitäts- und Preisklassen, ist chinesischen Medienberichten zu entnehmen.

Besonders bei 28-nm- und 14-nm-Chips gibt es in diesem Kontext gerade viel Bewegung. Bis Ende diesen Jahres könnten 28-nm-Chips für den chinesischen Markt bereits zu 100 Prozent in China selbst produziert werden, zitierte die chinesische Autozeitung Zhongguo Qiche den Direktor des regierungsnahen „Instituts für die Erforschung der Elektronischen Information“, Bao Wen Xiaojun.

Für 14-nm-Chips erwarte er die Serienproduktion in der Volksrepublik bis Ende kommenden Jahres, sagte der chinesische Chip-Experte in dem Interview.

Halbleiter für IoT- und KI-Anwendungen

Halbleiter dieser mittleren Kategorien werden in den kommenden Jahren besonders gefragt sein, weil Megatrends wie IoT und KI-Funktionen in immer besser vernetzten Endgeräten insgesamt für einen Nachfrage-Boom bei Chips sorgen.

In Autos, Robotern und biomedizinischen Geräten reichen oft 28-nm-Chips, in besonderen Fällen 14-nm-Chips, während nur für eine relativ kleine Anzahl besonders moderner Anwendungen die teureren und schwerer zu produzierenden 7-nm-Chips gebraucht werden.

Bis 2024 werden beispielsweise in der Industrie weltweit 11 Mrd. mit Halbleitern ausgerüstete IoT-Geräte benötigt werden, schätzt das Marktforschungs-Institut GlobalData.

China forciert Digitalisierung der Fertigungsindustrie

China ist nicht nur der weltweit größte Hersteller solcher Geräte, sondern forciert auch die Digitalisierung seiner Fertigungsindustrie schneller als andere Länder und ist damit gleichzeitig einer der am schnellsten wachsenden Absatzmärkte für die meisten Endgeräte und ihre Halbleiter.

Mit der Hilfe örtlicher Regierungen in Peking, Shanghai und Shenzhen hätten Chip-Hersteller in der Volksrepublik derzeit Expansionsprojekte für die Produktion von Chips mittlerer Kategorien in der Höhe von rund 12 Mrd. US-Dollar aufgelegt, berichtet das britische Technologie-Medium Verdict in einer auf Fakten von GlobalData beruhenden Analyse.

Während Chinas Kommunistische Partei ihren 100-sten Geburtstag feiert, ist der vom ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump begonnene und von seinem Nachfolger Joe Biden fortgesetzte US-Halbleiter-Boykott eine ihrer größten Sorgen.

Autoindustrie in China: Starker Rückgang der Produktion

Die Unterbrechung von globalen Lieferketten aufgrund von Corona-Lockdowns haben das Problem weiter verschärft. Besonders Chinas Autoindustrie leidet momentan stark unter dem Chipmangel.

„Der Chipmangel hat zu einer Reduktion der Produktion großen Ausmaßes geführt,“ berichtet das chinesische Auto-Fachportal Weilai Qiche Ribao in einer aktuellen Ausgabe.

Elf große Autohersteller in China hätten im Juni wegen der unzureichenden Verfügbarkeit von Halbleitern eine Verringerung ihrer Produktion um insgesamt 36,6 Prozent hinnehmen müssen, heißt es. Sowohl traditionelle OEM wie FAW-Volkswagen oder Great Wall Motors als auch chinesische E-Auto-Startups wie NIO sind von dem Chipmangel betroffen.

„Derzeit machen 28-nm- und 50-nm-Auto-Chips 80 Prozent aller in Automobilen verbauten Halbleiter aus,“ schreibt die chinesische Autozeitung. Dies ist einer der Hauptgründe, warum sich Chinas Regierung momentan besonders auf die Behebung des Mangels in diesem Halbleiter-Segment konzentriert.

Folgen des Handelskrieges: 140 Chip-Fertigungsprojekte

Schon kurz nach dem Beginn des Handelskrieges und des bald danach begonnenen Halbleiter-Boykotts aus Washington hat Peking begonnen, den Aufbau der heimischen Chip-Industrie massiv zu forcieren.

„Allein in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres sind in 21 Provinzen mehr als 140 Chip-Fertigungs-Projekte implementiert worden.“ Die gesamten, veröffentlichten Investitionen betrugen mehr als 307 Mrd. Yuan (knapp 40 Milliarden Euro), berichtet die Autozeitung.

DUV-Lithografie für 28 nm

Wie konzentriert China momentan weiter an der Behebung des Chipmangels arbeitet, zeigt sich auch bei der Fertigung von Lithographie-Maschinen. Exporte dieser Schlüsseltechnologie nach China sind ebenfalls im Rahmen der US-Sanktionen eingeschränkt worden.

Nun berichten chinesische Medien, dass die „Shanghai Micro Electronics Equipment Group Co., Ltd.“ gerade die Forschung und Entwicklung für DUV-Lithographie-Maschinen im 28-nm-Bereich abgeschlossen habe und sich auf eine Serienproduktion bis zum Ende dieses Jahres vorbereite.

* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den chinesischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.

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