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Mutmacher "Wir Europäer müssen Digitalweltmeister werden"

| Autor / Redakteur: Philip Harting * / Kristin Rinortner

"Aus Europa kommen die Industrie-4.0-Lösungen des digitalisierten, industrialisierten Mittelstandes. Industrie 4.0 – das ist unsere Stärke, auf die wir bauen müssen. Dazu brauchen wir zuverlässige Netze", ist Philip Harting, HARTING, überzeugt.

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Philip Harting, HARTING: „Wir müssen uns nicht klein machen, nicht verstecken in Europa. Aus Europa kommen die Industrie-4.0-Lösungen des digitalisierten, industrialisierten Mittelstandes.“
Philip Harting, HARTING: „Wir müssen uns nicht klein machen, nicht verstecken in Europa. Aus Europa kommen die Industrie-4.0-Lösungen des digitalisierten, industrialisierten Mittelstandes.“
(Bild: Harting)

Die vergangenen Monate haben deutlich gemacht, wie wichtig die digitale Transformation ist. Die weltweite Corona-Pandemie hat wie ein Katalysator gewirkt und vor allem die digitale Kommunikation enorm beschleunigt. Wir bei der HARTING Technologiegruppe haben erkannt, dass wir noch stärker als bisher den Kunden in den Fokus rücken und sämtliche Prozesse – von der Ansprache über „digitale Messen“ bis hin zur sicheren Belieferung – auf ihn ausrichten müssen. Auf seine Bedürfnisse, seinen Anspruch, seine Erwartungen.

Bereits vor Corona haben wir beim Bau unseres (2019 eröffneten) hochmodernen European Distribution Center (EDC) in Espelkamp für einen optimalen Logistikprozess und maximalen Automatisierungsgrad auf allen Ebenen digitale Produkte und Lösungen integriert.

Dann kam die Pandemie – und zeigte uns, wie Selbstverständlichkeiten plötzlich erheblichen Störungen ausgesetzt sein können. Corona führte uns vor Augen, dass die Wertschöpfungskette an der Nahtstelle zum Kunden fragil ist, nämlich bei der Zustellung der Waren.

Teilweise hatten unsere Kunden ihre Produktionsstätten geschlossen, sodass eine Anlieferung praktisch unmöglich war. Oftmals waren zudem ganze Regionen aufgrund behördlicher Anordnungen für unsere Logistikunternehmen nicht erreichbar.

Es gab unterschiedliche Gründe für die Nichtbelieferungen – und jedem Einzelfall sind wir nachgegangen, was mit einem erheblichen Zeitaufwand verbunden war.

In der Region und für die Region produzieren

Bereits vor Jahren haben wir unseren „Global Footprint“ nach und nach vergrößert. Unser Credo lautet: „In der Region für die Region produzieren“. Die HARTING Produktion findet vor Ort statt – in Rumänien, in China, in den USA oder in Russland. Dort schaffen wir Arbeitsplätze, zahlen Steuern und beteiligen uns an der Entwicklung der Regionen. Dementsprechend richten wir unsere lokalen Lieferketten aus, ebenfalls nach der Maxime in der Region für die Region. Diese Strategie hat sich in Corona-Zeiten als erfolgreich erwiesen. Es gab für uns, bis auf die beschriebenen Einzelfälle, keine signifikanten Beeinträchtigungen. Unsere Lieferanten stammen aus dem Gebiet, in dem wir tätig sind.

Wir sehen unsere Lieferanten als Partner auf Augenhöhe. So haben wir schon sehr früh in der Corona-Krise mit ihnen gemeinsam Lösungen erarbeitet, etwa wie Warenströme für systemrelevante Kunden – beispielsweise aus der Medizintechnik, die Beatmungsgeräte herstellen – aufrechterhalten und erweitert werden können.

Obwohl wir uns regional ausrichten, arbeiten wir gleichzeitig an weltweit identischen Produktions- und Logistik-Abläufen. Wenn wir beispielsweise eine Optimierung in der Produktion in Mexiko erfolgreich realisiert haben, dann implementieren wir diese auch in China oder in Espelkamp.

Die Basis dafür ist die Digitalisierung. Sie ermöglicht es uns, die Regionalisierung mit einer internationalen Ausrichtung zu verbinden. Die Daten sind das Bindeglied zwischen unseren regionalen Produktionswerken, die wir miteinander vernetzen. Lieferketten und Arbeitsteilung bleiben für mich weiterhin international. Das Bindeglied ist nicht mehr die Arbeitskraft, sondern die Digitalisierung. Dreh- und Angelpunkt ist also die Digitalisierung, das Handlungsfeld für die Politik, um für uns Unternehmen verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Denn in unseren Unternehmen ist die industrielle Transformation fest verankert: Das gilt für jedes Projekt und für jeden Tag.

Zuverlässige Netze und Datenhoheit sind entscheidend

Wir haben – als industrieller Mittelständler– aus Deutschland heraus Industrie 4.0 zu dem internationalen Erfolgsmodell entwickelt. Das ist sichtbar in unserer Produktion, in unseren Geschäftsprozessen. Deshalb muss Deutschland Digitalweltmeister werden! Voraussetzung dafür sind zuverlässige Netze, die für die entsprechenden Datenmengen und Geschwindigkeit ausgelegt sind, damit sich unsere Anstrengungen auch lohnen. Zum Glück können wir Campus-Netze aufbauen, an denen auch wir aktiv arbeiten.

Familienunternehmen in 3. Generation: HARTING befindet sich seit seiner Gründung 1945 durch Wilhelm und Marie Harting zu 100% im Familienbesitz. Im Oktober 2015 übernahm Philip Harting den Vorstands­vorsitz von seinem Vater Dietmar, der sich als Vorstand vor allem auf die Themen Zukunft und Neue Technologien fokussiert. Philip Harting führt zusammen mit seiner Mutter Margrit, Vorstand und Gesellschafterin, und seiner Schwester Maresa Harting-Hertz, Vorstand Finanzen und Einkauf, die Gruppe.
Familienunternehmen in 3. Generation: HARTING befindet sich seit seiner Gründung 1945 durch Wilhelm und Marie Harting zu 100% im Familienbesitz. Im Oktober 2015 übernahm Philip Harting den Vorstands­vorsitz von seinem Vater Dietmar, der sich als Vorstand vor allem auf die Themen Zukunft und Neue Technologien fokussiert. Philip Harting führt zusammen mit seiner Mutter Margrit, Vorstand und Gesellschafterin, und seiner Schwester Maresa Harting-Hertz, Vorstand Finanzen und Einkauf, die Gruppe.
(Bild: Harting)

Eine verlässliche Infrastruktur – das ist die eine Sache. Darüber hinaus und umfassender müssen wir uns natürlich Gedanken machen, wo unsere Daten gespeichert werden und wer die Hoheit über sie besitzt. Wir wollen unsere „Kronjuwelen“ auf Servern hier in Europa speichern, und nicht in Ländern oder von Unternehmen, die eigene, ganz andere Interessen verfolgen.

Mit GAIA-X liegt ein Ansatz für Europa vor, den wir zum europäischen Erfolgsmodell entwickeln müssen. Nur so können wir die Hoheit über unsere Daten erlangen, und auch die Normen und Standards hinterlegen, die unseren Vorstellungen von Datenschutz und Datensouveränität entsprechen. Nur durch eine europäische Cloud-Infrastruktur sind wir in der Lage, der Übermacht von US-amerikanischen sowie chinesischen Unternehmen wirkungsvoll Einhalt zu gebieten.

Die Industrie-4.0-Lösungen kommen aus Europa

Immer wieder höre und lese ich von den Erfolgen der großen Internetkonzerne wie Facebook und Amazon, Tencent oder Alibaba. Wir müssen uns nicht klein machen, nicht verstecken in Europa. Wir dürfen selbstbewusst sein. Aus Europa kommen die Industrie-4.0-Lösungen des digitalisierten, industrialisierten Mittelstandes. Industrie 4.0 – das ist unsere Stärke, auf die wir bauen müssen. Das wissen auch unsere Kunden weltweit.

Kunden müssen in Zukunft „digital“ abgeholt werden

Diese Kunden müssen künftig zunehmend „digital abgeholt“ werden, denn vor dem Hintergrund der Pandemie sind in diesem Jahr zahlreiche Messen ausgefallen. Als Vorsitzender des AUMA – Verband der deutschen Messewirtschaft – weiß ich um die Bedeutung von Messen.

Ein erfolgreicher Kundenkontakt braucht weiterhin beide Wege, beide Ansprachen: Die physischen, emotionalen Touchpoints auf Messen zur Live-Experience, wie auch die auf die Zielgruppe exakt zugeschnittene digitale Kommunikation. Aktuell entfallen leider die meisten realen Kundenerlebnisse. Daher forcieren wir sehr stark die Elemente der digitalen Kundenkommunikation. Hier setzen wir mit unserer neuen Digital Business Plattform (CMS, E-Shop und CRM in einem gemeinsamen Frontend) auf Tools wie Webinare, Talks, oder Produktpräsentationen. Auch dabei ist es wichtig, mit dem Kunden in einen Austausch zu kommen, was wir durch Live-Webinare schon sehr erfolgreich haben umsetzen können.

Diesen Beitrag lesen Sie auch in der Fachzeitschrift ELEKTRONIKPRAXIS Ausgabe 15/2020 (Download PDF)

Warum sich die Rolle von Messen künftig ändern wird

Gleichzeitig ist für mich jedoch klar, dass sich die Rolle der Messen in Zukunft etwas ändern wird. Durch die stark gewachsene Bedeutung der digitalen Kommunikationsmöglichkeiten im Internet, die punktgenau der jeweiligen Zielgruppe angepasst werden können, ergibt sich die Chance, mit neuen Services Kunden zu erreichen, die in der Vergangenheit auf einer Messe nicht präsent gewesen wären.

Auf der anderen Seite wird ein gewisser Rückgang an Internationalität einer eher regionalen Fokussierung gegenüberstehen. Das ist nicht unbedingt nachteilig, sondern bietet beispielsweise für den Kunden den Vorteil kürzerer Wege. Es braucht daher zukünftig einen doppelten, einen komplementären Ansatz in der Kundenkommunikation, der aus einer physischen und einer digitalen Experience besteht. Daher werden wir die digitale Transformation bei uns weiter pushen!

* Philip Harting ist Vorstandsvorsitzender der HARTING Technologiegruppe in Espelkamp.

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