Nachhaltigkeit Wir brauchen eine neue Mondlandung!

Redakteur: Johann Wiesböck

Georg Steinberger, Vorsitzender des FBDi, sinniert über Chip-Knappheit, Smart Cities, Klimaschutz & Innovation und wie Europa sich im globalen Wettbewerb positionieren kann.

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Georg Steinberger: „Dass die menschliche Innovationskraft helfen wird, uns Münchhausen-mäßig aus dem Sumpf zu ziehen, wird nicht der Fall sein.“
Georg Steinberger: „Dass die menschliche Innovationskraft helfen wird, uns Münchhausen-mäßig aus dem Sumpf zu ziehen, wird nicht der Fall sein.“
(Bild: FBDi)

Fühlen Sie das auch? Etwas ist in Bewegung geraten in den letzten eineinhalb Jahren. Eine neue Aufbruchsstimmung: Es muss sich was ändern, sowohl im Persönlichen, aber auch gesellschaftlich. Ob sich diese Veränderungen auch wirtschaftlich positiv manifestieren, das muss sich zeigen – es liegt an uns.

Die sich hoffentlich abschwächende Pandemie hat gezeigt, dass wir, wenn „et mutt“, aufeinander aufpassen können; wir haben jeder für uns viel dazu gelernt über unsere Fähigkeit, Arbeit und Leben anders zu organisieren. Und wirtschaftlich: der derzeitige Aufschwung geht einher mit einer wachsenden Einsicht – Bundesverfassungsgericht sei Dank für den Weckruf – dass Ökonomie ohne ernst gemeinte Ökologie nicht mehr lange funktionieren wird und – guess what? – wenn wir es richtig anpacken, zu einer Renaissance der deutschen Innovationsindustrie führen kann… ja ja, ich höre die Kritiker: „Ja, wir sind doch innovativ.“ Doch gemach, ich werde drauf zurückkommen.

Das Bundesverfassungsgericht hat eine Diskussion über das richtige Maß an Klimaschutz zur Erreichung der CO2 Neutralität ausgelöst, der US-Präsident tut mit seiner hoffentlich ernst gemeinten Initiative ein Übriges. Man sollte hier nicht außer Acht lassen, dass wir bei weitem nicht nur ein CO2-Problem haben, es geht um Ressourcenverschwendung allgemein. Lassen Sie uns das mal in Zahlen darstellen:

  • Im Jahr 2020 verbrauchten knapp acht Milliarden Menschen rund 1,7 Planeten – blenden wir uns mal nicht dadurch, dass die Pandemie und das einhergehende kurzzeitige Abbremsen der Wirtschaftstätigkeit den Earth-Overshoot-Day leicht nach hinten verschoben hat: Ende Juli sind die Ressourcen einer Erde aufgebraucht.
  • Im Jahr 2050 werden rund zehn Milliarden Menschen den Planeten bevölkern. Enormer Einsparungen in der entwickelten Welt zum Trotz wird dies auf einen Verbrauch von zwei Planeten pro Jahr hinauslaufen, denn jeder möchte gern die Annehmlichkeiten der modernen Gesellschaft genießen.

Leben auf der Erde muss auch zukünftig möglich sein

Dass das nicht funktionieren kann, sollte jedem klar sein, doch was sind die Konsequenzen? Ich erspare uns mal die zynische und undenkbare Antwort und sage es optimistisch/realistisch: wir müssen – als Menschheit (schließt übrigens Unternehmen, Lobbyisten, Autokraten und andere „More-Equals“ mit ein) – darauf hinarbeiten, dass wir mit zehn Milliarden Menschen nur EINEN Planeten verbrauchen, und diesen EINEN Planeten, wenn möglich, wieder so instand setzen, dass dieses Leben nicht nur 2050 möglich ist, sondern auch 2060, 2070 und so weiter. Alles, alle unsere Aktivitäten als Menschheit, ob individuell, als Gesellschaften oder als Wirtschaft, die dieses Ziel nicht unterstützen, sind irrelevant.

Innovation per se ist kein Retter sondern ein Hilfsmittel

Das ist eine große Aufgabe, größer als alles, was wir bisher unternommen haben, und es bedarf einer gigantischen globalen gesellschaftlichen Anstrengung dieses „geteilt durch 2“ umzusetzen. So wie 1969 alle Menschen „mit zum Mond“ geflogen sind, brauchen wir diesen Geist einer „neuen Mondlandung“, an der wir alle beteiligt sind, nur eben um den Planeten Erde zu erhalten.

Wir befinden uns noch in einer Komfortblase, die uns vorgaukelt, dass die menschliche Innovationskraft uns helfen wird, uns Münchhausen-mäßig aus dem Sumpf zu ziehen. Das wird nicht der Fall sein. Ich darf nur daran erinnern, dass die Nutzung des Internets zu einem monströsen Anstieg des Stromverbrauchs weltweit geführt hat – und IoT via 5G hat noch nicht mal richtig angefangen. Wenn Sie bedenken, unter welch prekären Umständen viele für moderne Technik notwendige Rohstoffe erzeugt oder geschürft werden, dann wird Ihnen dabei das Wort Nachhaltigkeit nicht begegnen. „Innovation“ per se ist kein Retter sondern ein Hilfsmittel, um die oben genannten Ziele zu erreichen und hat sich dem gleichen :2-Prinzip unterzuordnen. Ebenso „Nachhaltigkeit“, „CSR“, „ESG“ oder „Circular Economy“. Wenn jemand zu Ihnen „nachhaltig“ sagt, dann fragen Sie, wie er das definiert …

Sicherstellen, dass Smart-Technik auch Gewinn bringt

Smart Cities, die derzeit allerorts diskutiert werden und sukzessive entstehen, sind ein hervorragendes Beispiel, was die „neue Mondlandung“ bedeutet: Wenn im Jahr 2050 70 Prozent dieser zehn Milliarden Menschen in Städten leben – Städte von bis zu 50 Millionen Menschen oder mehr – dann ist die Organisation solcher Mega-Cities mit heutigen Methoden nicht mehr zu realisieren, weil diese nicht auf Ressourcenschonung basieren. Setzen Sie nun Technologien ein – IoT, KI, Big Data – um mehr Effizienz, Lebensqualität und Nachhaltigkeit rauszuholen, müssen Sie sicherstellen, dass diese immense Technik (sprichwörtlich Milliarden von Sensoren, die Daten liefern) nicht den Effizienz-, Qualitäts- und „Nachhaltigkeits“-Gewinn wieder auffrisst.

Immer vorausgesetzt, dass Smart-City-Projekte von den Menschen her gedacht werden, dass Smart-City-Protagonisten Städte nicht nur mit Technik vollstopfen, sondern dem „wahren“ Nachhaltigkeitsprinzip (:2) folgen und den Effizienzgewinn auch realisieren, können sie einen wahren Innovationsschub auslösen. Was Zukunftsarchäologe Markus Iofcea von UBS-Y die „trillion sensor society“ nennt, bedeutet intelligente IoT-Module, 5G-Verbindungen, KI und Data-Center-Performance zuhauf – ein Riesenmarkt, in dem derjenige, der stabile Geschäftsmodelle findet à la „living as a service“, jede Menge Umsatz machen kann – allein in Deutschland – zig Milliarden Euro.

Die Wettbewerbsfähigkeit Europas im globalen Kontext

Jetzt kommen wir zur Wettbewerbsfähigkeit Europas im globalen Kontext und was die derzeitige Chipknappheit damit zu tun hat. Fangen wir mit letzterer an. Die dramatische Entwicklung des weltweiten Halbleitermarktes in den letzten Monaten mit einem riesigen Auftragsschub aus allen Branchen, der nur unzureichend bedient werden kann, lässt viele europäische Kunden im Regen stehen – und nicht nur die, die Allokation trifft alle Kunden weltweit, wenngleich sicher unterschiedlich stark. Ist doof, kennen wir aber vielfach aus der Vergangenheit. Viel wichtiger ist die Frage, ob die derzeitige Chipknappheit anders ist als diejenigen in der Vergangenheit und ob dies zu Strukturveränderungen in der Halbleiterindustrie führen kann und wird. Die Antwort ist auf beide Fragen ja, und die treibende Kraft sind die USA.

Während in der EU noch drüber diskutiert wird, US-Halbleiterherstellern Milliardengeschenke zu machen für die Produktion von 5-nm-Chips, welche dann an US-Unternehmen verkauft werden, organisieren die USA die komplette Halbleiterlieferkette neu, um sicherzustellen, dass man nicht in eine Abhängigkeit von China gerät oder Taiwan zum geostrategischen Hochrisikogebiet wird. Das kann man dann machen, wenn der Großteil der in Wafer-Fabs produzierten Chips auf US-IP (Intellectual Property) basiert und/oder in US-Endprodukten landet.

Deutschland veröffentlicht weniger zum Thema IC-Design als Belgien

Anders Europa: Der gesamte europäische Chipverbrauch ist wohl kleiner als der eines einzigen bekannten amerikanischen Telefonherstellers. Europas Anteil am weltweiten Chipverbrauch liegt unter zehn Prozent, und der IP-Anteil dürfte nicht viel größer sein. Wie die Stiftung Neue Verantwortung in ihrer Publikation „Who is developing the chips of the future?“ klar aufzeigt, ist der Anteil Deutschlands an weltweiten Veröffentlichungen zum Thema IC-Design kleiner als der Belgiens und bestenfalls vertreten durch die Fraunhofer-Gesellschaft.

Wo sind bitte die deutschen Hochschulen, Studenten und Unternehmen, die sich mit massenmarkttauglichen Chip-Designs beschäftigen? Was hilft es, wenn hier teure High-End-Fabriken gesponsert werden, deren Chips nicht hier designt und schon gar nicht hier verwendet werden, weil zu Hightech?

Sensorik statt Highend-IC-Fabs: Politik muss den richtigen Fokus setzen

Hier muss die Politik ansetzen, wenn sie langfristig etwas ändern will und nicht nur die Automobilindustrie und den Maschinenbau im Sinn hat. Statt sich mit Industrie 4.0 auf die Schulter zu klopfen, sollte man vielleicht auf Cleantec 2.0 setzen. Das ist in meiner Definition alles, das dem oben beschriebenen :2-Ziel dient – und zwar nicht nur nach Worten, sondern nach Effekt für die Umwelt (nicht nur Klima, auch Ressourcen).

Wer, wenn nicht der (deutsche) Mittelstand wäre prädestiniert, digitale Fabrik und digitale Stadt vorantreiben zu helfen, mit IP-Konzepten, die alles von IoT, KI, Cloud, Energieeffizienz und Umweltverträglichkeit mit einschließen, und zwar massentauglich. Warum sollten die –zig Milliarden intelligenten Sensoren, die dafür notwendig wären, nicht von hier kommen, nicht leading-edge sein und nicht auch in China und den USA milliardenfach gefragt sein? Ein Massenmarkt, der nicht dem Wegwerfen dient, sondern der „neuen Mondlandung“: hier ist er.

Hören Sie Georg Steinberger live bei Green Shift – Cutting Emissions

Georg Steinberger, Vorsitzender des FBDi
Georg Steinberger, Vorsitzender des FBDi
(Bild: FBDi)

Cleantec 2.0 oder der 6. Kondratieff Zyklus: Welche nachhaltige Wirkung die zunehmende Technologisierung auf den Klimaschutz hat. So lautet der Titel des Keynote-Vortrages von Georg Steinberger am 1. September bei Green Shift – Cutting Emissions in Berlin. Er erläutert welche Technologien das Potential haben, den Verbrauch an Rohstoffen und Energie derart signifikant zu senken, dass Planetenressourcen erhalten werden und nachhaltig gewirtschaftet werden kann.

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