Windows-Historie, Teil 4 – Die sechste Generation

Autor: Sebastian Gerstl

Über die Jahre etabliert sich Windows XP als beliebtes Betriebssystem. Die Entwicklung des folgenden 6. Kernels verläuft dagegen äußerst wechselhaft. Was bedeutet das für Windows 10? Letzter Teil der Windows-Retrospektive.

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Offiziell solll Windows 10 "das letzte Windows" sein - was aber keinesfalls das Ende der Betriebssystemlinie bedeutet. Als "Platform as a service" wird das OS kontinuierlich gepflegt und erweitert.
Offiziell solll Windows 10 "das letzte Windows" sein - was aber keinesfalls das Ende der Betriebssystemlinie bedeutet. Als "Platform as a service" wird das OS kontinuierlich gepflegt und erweitert.
(Bild: Microsoft)

Auch wenn Heimanwender und Firmen dem ursprünglichen Release von Windows XP etwas verhalten gegenüber standen, so konnte sich das Betriebssystem doch schnell fest im Markt etablieren und fand auch breite Anwendung als Embedded OS. Die Marktführerschaft sollte XP noch bis August 2012 behalten; der Nachfolger, Vista, erreichte zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise die Popularität seines Vorgängers. Was war geschehen?

Windows Vista: Holprige Evolution

Bereits im Mai 2001, noch vor dem offiziellen Release von Windows XP, begann bei Microsoft die Arbeit an einem Nachfolger. Das Betriebssystem einmal mehr runderneuert werden, ein neuer Kernel sollte die Basis bilden. Die unter dem Namen „Longhorn“ begonnene Windows-Version sollte ursprünglich noch im Jahr 2003 erscheinen, was dem üblichen Rahmen der Lebensspanne eines Windows-Betriebssystems entsprochen hätte. Letztendlich sollte sich die Entwicklung allerdings über fünf Jahre hinziehen. Bill Gates, zwischenzeitlich Leiter der Entwicklungsabteilung und Aufsichtsratsvorsitzender von Microsoft, merkte auf der CES 2007 an, für die Entwicklung habe man 6 Milliarden US-$ Dollar und – einmal mehr – die Arbeitsleistung von 2.000 Programmieren aufgewandt.

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Die Volumenlizenz für Windows Vista war ab November 2006 erhältlich, ab Januar 2007 stand das Betriebssystem auch im Einzelhandel. Am Erscheinungstermin war das neue System, das letztlich den Namen „Vista“ erhielt, in 5 verschiedenen Verkaufsfassungen erhältlich: Für Heimanwender existierten eine „Home Basic“ und eine „Home Premium“-Fassung, Firmenkunden hatten die Wahl zwischen „Vista Business“ und „Vista Enterprise“, und „Vista Ultimate“ bot für alle Kunden das teuerste, aber auch umfangreichste OS-Paket. All diese Varianten erschienen, anders als noch bei Windows XP, von Beginn an in 32Bit- und 64Bit-Ausgaben. Zudem gab es noch eine stark abgespeckte Version namens „Vista Starter“, die ausschließlich als OEM-Ausgabe für Netbooks vertrieben wurde.

Für das Betriebssystem mit dem neuem Systemkern hatte sich Microsoft zahlreiche ambitionierte Ziele gesteckt. Die grafische Nutzeroberfläche „Luna“ wurde nun durch „Aero“ abgelöst und durch zahlreiche Gimmicks wie transparente Fensterrahmen, Fenstervorschau bei Programmen in der Taskleiste oder einen optionalen 3D-Desktop ergänzt. Auch das Startmenü wurde überarbeitet und erhielt erstmals eine integrierte Suchfunktion. Zudem ersetzte nun ein einfaches Windows-Logo die zuvor mit dem Schriftzug „Start“ versehene Schaltfläche. Ähnlich wie bereits aus Mac OS X bekannt, konnten Anwender nun auch kleine Schnellzugriff-Tools wie Notizzettel oder Kalender auf dem Desktop platzieren. Der integrierte Windows Media Player enthält nun auch einen DVD-Codec und erlaubt somit das direkte Abspielen von Film-DVDs ohne zusätzliche Software.

Wesentlich wichtiger, wenn auch nicht unmittelbar sichtbar, waren die neu hinzugekommenen Sicherheitsfeatures. Um die Angreifbarkeit des Systems zu verringern führte Microsoft eine erweiterte Benutzerkontensteuerung ein, die sich deutlich feiner justieren ließ als bisher. Standardmäßig war ein arbeiten mit nur eingeschränkten Nutzerrechten vorgesehen, jedoch konnte man nun – etwa für die Installation von Software – vorübergehend Administratorrechte annehmen um eine bestimmte Sache zu erledigen, und anschließend wieder mit eingeschränkten Rechten weiterarbeiten.

Dies adressierte ein Problem bei vielen XP-Rechnern, an denen Anwender gewohnheitsmäßig mit uneingeschränkten Administratorrechten arbeiteten, was das System attraktiv für Hacker und Angriffe über das Internet macht. Um das Vista-Betriebssystem zusätzlich gegen Bedrohungen aus dem Internet abzuschirmen, führte Microsoft in dieser Version den Windows Defender ein, ein Echtzeit-Überwachungssystem zur Abwehr von Spyware-Tools und Trojanern. Mit der digitalen Treibersignatur sollte sichergestellt werden, dass nur von Microsoft abgesegnete Hardware und Treiber am System verwendet werden, um optimale Performance und minimales Risiko durch Hackerangriffe über diese Kanäle sicherzustellen.

Ansonsten erhielt das Betriebssystem zahlreiche Erweiterungen und Aktualisierungen von Systembestandteilen. Der Leistungsmonitor wurde ausgebaut, die meisten Windows-Bestandteile wie DirectX, Media Center und Systemwiederherstellung wurden komplett überholt und ausgebaut. Mit dem Disk-Manager ließen sich nun auch unter Windows Partitionen relativ einfach vergrößern oder verkleinern. Zudem bekam das Betriebssystem, das von Beginn an in 32- und 64-Bit-Versionen erhältlich war (die 64Bit-Fassungen von XP erschienen erst einige Jahre nach dem ursprünglichen Release), eine Option zur Sprachsteuerung spendiert. Deren Popularität hielt sich allerdings in Grenzen, zumal sie Funktion noch kurz vor Release durch einige unangenehme Glitches auffiel.

Auch wenn sich Windows Vista in den ersten Monaten besser verkaufte als seinerzeit Windows XP, geriet das Betriebssystem in der öffentlichen Meinung zum Flop. Schon kurz nach Erscheinen merkten einige Fachmedien an, dass das Betriebssystem langsamer und schwerfälliger wirkte als sein Vorgänger. Schuld daran war wohl die Art und Weise, in der Microsoft die Entwicklung des OS betrieben hatte: Um möglichst viele Features schnell in das System integrieren zu können, arbeiteten mehrere Programmierteams, mehr oder weniger losgelöst von anderen, an einzelnen Komponenten und fügten diese nach Fertigstellung wieder in die jeweiligen Builds ein. Das führte dazu, dass einzelne Bauteile oft nicht gut zusammenarbeiteten, was in der Folge zu Performance- und Stabilitätsproblemen führte.

Einige der neuen Features wurden von vielen Anwendern eher als störend denn als hilfreich empfunden. Die digitale Treibersignatur ließ in vielen Fällen die Installation offizieller, aber älterer Gerätetreiber nicht zu. Selbst bei angepassten Vista-Treibern kam es oft noch zu Kompatibilitätsproblemen. Auch die erweiterte Benutzerkontensteuerung war, wie einige Kritiker ironischerweise anmerkten, nicht benutzerfreundlich: Das Betriebssystem neigte dazu, Nutzer dermaßen oft zur Eingabe des Administratorpassworts aufzufordern, dass gerade viele Heimanwender ihre eigenschränkten Kontos gleich in uneingeschränkte Admin-Accounts umwandelten. Das angedachte Sicherheitsfeature wurde so effektiv zum Sicherheitsrisiko. Im ersten Service-Pack zu Vista reduzierte daher Microsoft die Anzahl der entsprechenden Aufforderungen signifikant.

Im Laufe der Zeit, spätestens mit dem zweiten Service Pack, bekam Microsoft die Performance-Probleme des Systems zwar in den Griff. Die meisten Nutzer und Firmen hielten allerdings weiterhin an XP fest: Die Umstiegshürde war zu groß, die Probleme des Systems wurden von vielen als hinderlich wahrgenommen. Einige Fachmagazine wie „PC World“ oder „InfoWorld“ zählten das OS zu den „größten Tech-Enttäuschungen des Jahres“. Selbst Partner und OEM-Hersteller wie Acer bezeichneten das Betriebssystem von Microsoft als eine „Enttäuschung“. Für die Entwicklung des Nachfolgers nahm sich Microsoft die Kritikpunkte zu Herzen.

Windows 7: Dominanter Marktführer

Mit dem nächsten Nachfolger ließ sich Microsoft deutlich weniger Zeit: Bereits zwei Jahre nach Vista erschien Windows 7 auf dem Markt. Anders als die Namensgebung vermuten lässt handelte es sich diesmal aber nicht um eine komplett neue Kernel-Version, sondern „nur“ um den aktualisierten Vista-Kern NT 6.1. Mit der Namensgebung wollte Microsoft wohl in erster Linie von der Verwandtschaft zum wenig erfolgreichen Vorgänger ablenken. Offiziell begründete das Unternehmen den Schritt damit, mit Windows 7 die siebte Serie der Windows-Produktpalette gestartet zu haben.

Funktional ist Windows 7 mit seinem Vorgänger Vista in weiten Teilen identisch. Am auffälligsten ist noch die nochmals überarbeitete Taskleiste, auch „Superbar“ genannt, in der nun alle offenen Fenster eines Programms hinter einem gemeinsamen Symbol gruppiert sind. Außerdem wurde in dem System von Beginn an die Unterstützung von Multi-Touch-Kontrollen integriert. Im Explorer sind nun vier sogenannte „Bibliotheken“ integriert, in denen Dateien je nach Art – Bilder, Dokumente, Musik oder Videos – unabhängig vom Speicherort gesammelt zusammengefasst werden können. Auch der Media Player wurde abermals erweitert, diesmal um einen .H264-Codec zum Abspielen von HD-Videos.

Die Performance- und Stabilitätsprobleme, mit denen Vista zu Beginn stark kämpfen musste, sind in Windows 7 weitgehend ausgebügelt. Technische Neuerungen halten sich dabei in Grenzen. Eine Neuerung ist die Eingabeaufforderung „Powershell“. Im Gegensatz zu den früheren DOS-Prompts erinnert sie nun mehr an die Terminal- oder Shell-Umgebungen aus Linux-Systemen und erlaubt somit auch Programmiervorgänge. Ebenfalls aus Linux oder Mac OS X entlehnt ist die Möglichkeit, ISO-Images nun direkt ohne zusätzliches Programm auf CDs oder DVDs zu brennen. Die in Vista viel kritisierte Benutzerkontensteuerung ist nun einfacher zu bedienen und besser strukturiert. Dank deutlich verbesserter Spracherkennung und zusätzlichen Bedienungsoptionen wurde in Windows 7 zudem eine deutlich größere Barrierefreiheit als in bisherigen Ausgaben geschaffen.

Im Gegensatz zum Vorgänger wurde Windows 7 vom Markt ausgesprochen gut aufgenommen: Nach Angaben von Microsoft setzte das Unternehmen im ersten Jahr nach Erscheinen bereits 240 Millionen Lizenzen ab, derzeit nutzen weltweit 3 von 5 Rechnern das Betriebssystem. Ähnlich wie schon 1998 geriet Microsoft allerdings wieder wegen einer Browserangelegenheit in Schwierigkeiten mit Wettbewerbshütern, diesmal von Seiten der EU-Kommission: Da man weiterhin seinen Webbrowser Internet Explorer mit dem Betriebssystem bündelte, verfügten die Kartellwächter im Jahr 2009, dass das Unternehmen bei der Installation auch alternative Angebote auflisten müsste.

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Um dem zu entsprechen, richtete Microsoft das Webangebot browserchoice.eu ein, das bei der Installation des Betriebssystems für die Browserauswahl automatisch aufgerufen wurde. Als nach Erscheinen des Service Packs 1 für Windows 7 dieses Angebot zwischenzeitlich nicht mehr auftauchte, leitete die EU erneut ein formelles Kartellverfahren gegen Microsoft ein und verurteilte letztlich das Unternehmen zu einer Geldstrafe in Höhe von 561 Millionen €. Mit dem Auslaufen der EU-Auflagen schaffte Microsoft die Browserwahl unter Windows nach fünf Jahren im Dezember 2014 wieder ab.

Trotz der großen Verbreitung des Systems stellte Microsoft den Mainstream Support des Betriebssystems zum 13. Januar 2015 ein: Es wird keine größeren Feature- oder Service-Pack-Updates für Windows 7 mehr geben. Voraussichtlich bis zum 14. Januar 2020 sollen allerdings weiterhin noch Hotfixes und Sicherheitsupdates bereitgestellt werden.

Windows 8, 8.1 & RT: Apps, Kacheln und Tablet-Ausrichtung

Windows 7 hatte zwar bereits Multi-Touch-Funktionalität eingeführt, war jedoch kein auf Tablet-Nutzung optimiertes Betriebssystem. Um das verstärkte Wachstum in diesem PC-Marktsegment zu adressieren, entschloss sich Microsoft für die nächste Fassung von Windows daher zu einem radikalen Neudesign. Dieses war allerdings in erster Linie nur optischer Natur – im Inneren von Windows 8 schlägt weiterhin der NT6-Kernel, diesmal in der Version NT 6.2. Zudem reduzierte das Unternehmen die Zahl der angebotenen Varianten wieder: an Stelle der sechs verschiedenen Fassungen von Windows 7 traten bei Windows 8 die für Heimanwender gedachte Version „Windows 8 Core“ (im Handel nur „Windows 8“ genannt), das an die Verwendung von Domänennetzwerken gerichtete „Windows 8 Pro“ und schließlich das umfangreiche „Windows 8 Enterprise“ für große Lizenzkunden.

Windows 8 erschien weltweit am 26. Oktober 2012. Um Streitigkeiten mit EU-Kartellwächtern zu entgehen und auf alternative „N“-Fassungen wie in XP, Vista und 7 zu verzichten, ist das Windows Media Center nun nicht mehr in der Basisinstallation von Windows 8 vorhanden. In der Pro-Ausgabe kann es allerdings für einen separaten Aufpreis nachgerüstet werden. In OEM-Fassungen ist die Software allerdings meist bereits vorinstalliert.

Wie bereits erwähnt entschloss sich Microsoft mit Windows 8 zu einer radikalen Umgestaltung der GUI. Anders als bislang gewohnt landeten Nutzer nach dem Systemstart nicht mehr direkt auf dem Desktop. Stattdessen wurde ein neues, bildschirmfüllendes Startmenü präsentiert, dass zunächst „Metro“ genannt wurde – nach einer Klagedrohung der Handelsgruppe Metro AG benannte man das User Interface in „Modern UI“ um.

Die neue Oberfläche wurde für die Nutzung auf Tablets optimiert: Mit Wischgesten konnte durch die Übersicht der installierten Anwendungen hin- und hergeblättert werden, Apps ließen sich in zwei verschiedenen Größen frei auf der Oberfläche anordnen. Such- und Einstellungsfunktionen wurden nun versteckten Schnellzugriffsleisten untergebracht, die sich nach Bedarf ein- und ausblenden lassen. Per Tipp auf die Windows-Taste auf Tablet oder Tastatur oder über die Auswahl der entsprechenden Schaltfläche ist ein schneller Wechsel zwischen der Modern UI und der gewohnten Desktop-Oberfläche möglich.

Der Desktop selbst wurde ebenfalls überarbeitet. Die Schaltfläche für das Startmenü fehlt, da diese Funktion von der Modern UI übernommen wurde. Der Explorer bekam neue Schaltflächen zur schnellen Funktionsauswahl spendiert, die optisch an die bereits seit Office 2007 eingeführten „Ribbons“ angepasst wurde. Der Taskmanager erfuhr weite weitgehende Neugestaltung, in ihn wurden zudem die Funktionalitäten zur Überwachung von Diensten, Steuerung zum Autostart von Anwendungen und ein App-Verlauf integriert. In den Fassungen „Windows 8 Pro“ und „Windows 8 Enterprise“ ist zusätzlich die Virtualisierungssoftware Hyper-V enthalten. ISO-Images können somit direkt ins System eingebunden und wie Laufwerke ausgeführt werden. Der Windows Defender funktioniert in Windows 8 nun auch als Basisschutz inklusive Virenscanner.

Vollkommen neu ist dagegen der Windows-Store, der direkt als Schaltfläche in die Modern UI integriert wurde und sich stark an vorhandene Angebote wie der App Store von Apple oder Google Play orientiert. Nutzer sollen hier schnell und unkompliziert Anwendungen suchen, bewerten und direkt installieren können.

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Auch die Benutzerkontensteuerung wurde erneut aktualisiert. Ähnlich wie von iOS- oder Android-Systemen gewohnt besteht nun die Möglichkeit, Nutzerkonten direkt mit einem Email-Konto zu verbinden. Damit lassen sich mehrere Angebote der Microsoft-Welt verknüpfen: Derselbe Account kann für Microsofts Spiele- und Konsolenplattform XBOX Live, den Windows Store, dem MSN Messenger und andere Angebote genutzt werden, was einen höheren Komfort beim Nutzen der Dienste verspricht. Zudem erhalten Nutzer mit Angabe der Email Zugriff auf Microsofts Cloud-Dienst OneDrive (vormals SkyDrive, ehe eine weitere Klagedrohung zu einer neuerlichen Namensänderung führte), in dem Bilder und Dokumente gespeichert und übers Internet mit Kontakten geteilt werden können.

Windows 8 wurde von Nutzern deutlich weniger positiv angenommen als sein Vorgänger. Schuld daran war in erster Linie die Modern UI. Die Nutzeroberfläche ist zwar praktisch für Touch-Bedienung, für die Steuerung mit Maus und Tastatur allerdings weniger gut geeignet, was vor allem viele Laptop- und Desktop-PC-Nutzer verärgerte. Viele Anwender waren zudem anfänglich durch die scheinbare Abwesenheit des Desktop verwirrt. Viele OEM-Hersteller wie Acer und Samsung reagierten darauf, indem Sie ihre Rechner standardmäßig in die Desktop-Anwendung starten ließen. Zudem integrierten diese Anbieter oft eigene Anwendungen, die das abwesende Startmenü nachahmen sollten.

„Neue“ Version 8.1

Aus diesen Gründen und zur Verbesserung der Systemperformance reichte Microsoft daher ein Jahr später über den Web Store ein umfangreiches, kostenloses Systemupdate namens „Windows 8.1“ nach, das auch den Systemkernel auf Version NT 6.3 aktualisierte. In dieser Version war es Anwendern nun möglich, wahlweise auch selbst direkt in den Desktop-Modus zu starten.

Die Start-Schaltfläche kehrte ebenfalls zurück, stellt aber nur eine weitere Möglichkeit für den Wechsel zwischen Modern UI und Desktopumgebung dar. Zudem wurde auch die Modern UI selbst gründlich überarbeitet, so gibt es nun beispielsweise die Möglichkeit, mehrere Größen für einzelne Schaltflächen auszuwählen. Auch wenn es sich bei Windows 8.1 essentiell um ein umfangreiches Service Pack handelt, behandelt Microsoft diese Version wie einen eigenen Betriebssystem-Release: Support für Windows 8 Endet offiziell im Oktober 2015. Damit sollten Nutzer bereits frühzeitig zu einem Update auf 8.1 bewegt werden.

Parallel zu Windows 8 bot Microsoft erstmals auch eine Windows-Variante für ARM-Prozessoren an. Windows RT war nur in vorinstallierten Fassungen für Tablets erhältlich und ausschließlich auf Touch-Bedienung ausgelegt. Der Name leitete sich von Windows RunTime ab, was der Name für die Laufzeitumgebung der Modern-UI-Oberfläche ist. Auch wenn das OS auf dem ersten Blick Windows 8 stark ähnelte, handelte es sich bei Windows RT um ein von Grund auf neu gebautes Betriebssystem mit unterschiedlicher Architektur – mit seinem PC-Cousin hatte es nur die kachelbasierte Touch-Oberfläche.

Der aus Windows bekannte Desktop war – außer zum Ausführen der speziellen Office-Versionen für RT – nicht vorhanden. Zudem ließen sich ausschließlich Apps aus dem Windows App Store installieren. Da es allerdings an nützlichen Anwendungen mangelte verzichteten die meisten Tablet-Hersteller darauf, Windows RT zu lizensieren, so dass es hauptsächlich in Microsofts hauseigenen Surface-RT-Tablets Verwendung fand. Da auch diese Produktreihe nicht die erhofften Verkaufszahlen erreichte, gab Microsoft am 29. Januar 2015 die Einstellung der Produktlinie bekannt, was gleichzeitig auch das Ende des RT-Betriebssystems bedeutete.

Windows 10: Windows „als Service“

Darüber hinaus sollen alle Besitzer eines Windows der 6. Generation, also Vista, 7, 8 und 8.1, ab dem 29. Juli ein Jahr lang in der Lage sein, ihr Betriebssystem kostenlos per Download auf Windows 10 – und damit Kernel-Version NT 6.4 – zu aktualisieren. Ansonsten liegen die Kaufpreise für eine Handelsversion von Windows 10 Home bei 135€, eine Pro-Edition kostet 280€. Ein Preismodell für die Enterprise-Fassung ist derzeit noch nicht bekannt.

Einen konkreten Grund, warum Microsoft auf Windows 8 gleich Windows 10 folgen ließ, nannte das Unternehmen nicht. Ein vorgeblicher Microsoft-Entwickler gab in einem Post auf Reddit an, Tests hätten gezeigt, dass viele Treibersignaturen und Software-Codes älterer Produkte, die noch abwärtskompatibel für Windows 95 und Windows 98 entwickelt wurden, sich bei der Systemauswahl nur auf die Kurzform „Windows 9“ bezogen hätten. Der Sprung im Namen diene also, um Konflikte im Bezug auf diese alten Betriebssysteme zu vermeiden. Eine offizielle Stellungnahme zu diesem Gerücht gab es allerdings nicht.

Anders als in Windows 8 startet Nutzer in Windows 10 wieder direkt von der Desktop-Oberfläche. Das altbewährte Startmenü fand auch wieder Einzug, wenn auch in abgewandelter Form: Unter der Schaltfläche befinden sich dabei nicht nur die altbekannten Systemeinstellungen, der Befehl zum Herunterfahren des Rechners oder die Liste der meistgenutzten Programme wieder. Die aus „Modern UI“ bekannte Kacheloberfläche wurde ebenfalls in dieses Menü integriert. Das ständige Umschalten zwischen den beiden Nutzerinterfaces entfällt damit, ohne dass Anwender auf deren Vorzüge verzichten müssten.

Zu den weiteren Neuerungen zählte unter anderem der Sprachassistent „Cortana“. Die erweiterte Suchfunktion lässt sich auf Wunsch auch über Sprachbefehle nutzen. Cortana dient dabei als digitaler Assistent und kann sowohl lokale wie Internetsuchen durchführen, als auch den Nutzer bei der Bedienung bestimmter Anwendungen unterstützen. Ebenfalls neu war in Windows 10 die Unterstützung virtueller Desktops – ein Feature, dass Ubuntu- und MacOS-X-Nutzern schon länger vertraut war. Damit ist es auch Windows-Nutzern nativ möglich, unterschiedliche Arbeitsflächen anzulegen, die individuell sortiert sowie gestaltet werden können und die sich je nach Bedarf schnell auswechseln lassen.

Mit Windows 10 schickte Microsoft den altbewährten Browser Internet Explorer in den Ruhestand – auch wenn dieser aus Kompatibilitätsgründen in einer „Legacy“-Ausgabe, Internet Explorer 11, noch vorhanden ist, wird er doch nicht mehr prominent platziert. Stattdessen führte Microsoft das neue Modell „Edge“ ein. Als neuer hauseigener Browser setzte Edge auf volle Konformität zu modernen Webstandards wie HTML5 und CSS3 und verzichtete auf Plugins wie Adobe Flash oder Silverlight. Edge wurde allerdings von Nutzern nur sehr zögerlich akzeptiert und schaffte es nicht so recht, sich gegen die etablierte Blink/v8-Browserengine von Google Chrome auf dem Markt durchzusetzen. 2019 beschloss Microsoft daher, auf die hauseigene EdgeHTML-Browser-Engine zu versichten und die weitere Entwicklung von Edge auf der Open-Source-Technologie von Chromium aufzusetzen; seitdem stützt sich die Desktop-Version des Brwosers ebenfalls auf die Blink-Engine.

Auffällig ist die im Vergleich zu den Vorgängern wesentlich schnelle Ladezeit des Systems: nur wenige Momente nach Einschalten des Rechners kann ein Anwender sich in der Regel anmelden und den Desktop nutzen – weitere Bestandteile des Betriebssystems werden in der Zwischenzeit im Hintergrund nachgeladen. Eine Nachrichtenzentrale, die sich in einer versteckbaren Spalte am rechten Bildschirmrand verbirgt, informiert zusätzlich den Nutzer über wichtige Updates und andere Systemnachrichten. Der Microsoft App Store wird zudem nun auch um Desktop-Anwendungen erweitert und hält damit nicht nur die Tablet-orientierte App-Auswahl bereit.

Allerdings mussten Anwender beim Umstieg auf Windows 10 auch von einigen gewohnten Funktionen Abschied nehmen. So verschwand nach dem Update das Windows Media Center aus dem System, mitsamt der Eigenschaft, DVDs ohne zusätzlicher Software abspielen zu können. Bei einigen USB-Geräten mussten Anwender zudem neue Treiber installieren, um diese störungsfrei nutzen zu können. In den allermeisten Fällen blieben aber Windows-7- oder Windows-8-Treiber weiterhin voll kompatibel.

Worüber sich viele Nutzer allerdings nach dem Umstieg auf Windows 10 beklagten war die Updateverwaltung des Betriebssystems: Anders als von Früher gewohnt konnten Nutzer einer Home Edition von Windows ab dem Umstieg auf Windows 10 zunächst nicht mehr selbst entscheiden, wann und in welchem Umfang sie Windows-Updates installieren möchten. Selbst Besitzern einer Professional-Fassung ist das nur im eingeschränkten Umfang möglich, die volle Kontrolle bleibt nur Besitzern einer vollen Enterprise-Lizenz erhalten. Zudem zeigte sich die Updateverwaltung als überaus ressourcenhungrig: Größere Update-Pakete wurden über einen längerem Zeitraum im Hintergrund des laufenden Betriebs heruntergeladen und in einem Cache zwischengelagert. Dies kann durchaus schon einmal einen zweistelligen Gigabyte-Bereich auf der Festplatte in Anspruch nehmen. In der Anfangsphase von Windows 10 wurde diese Update-Cache auch nur unzureichend gelehrt, so dass sich Anwender häufig wunderten, warum ihre Festplatte plötzlich wieder so voll war. Seit Einführung der Version 1703 wurden allerdings einige der geschilderten Probleme weitgehend entschärft.

Windows 10 war von Beginn an plattformübergreifend und skalierbar ausgelegt. Das Betriebssystem steht gleichermaßen für Tablets, Note- und Netbooks sowie Desktop-PCs zur Verfügung. Dabei soll das Desktop-Design responsiv reagieren, je nach dem, auf welcher Plattform das Betriebssystem verwendet wird. Hinzu kommt mit Windows 10 IoT eine abgespeckte Variante für Single-Board-Computer wie Arduino oder das Raspberry Pi. 2018 erschien mit Windows 10 on ARM eine maßgeschneiderte Betriebssystemsvariante für Systeme, dia auf bestimmte Qualcomm- oder NXP-Basierte Prozessoren mit Kernen auf Basis der ARM-Architektur aufsetzen.

Über die Entwickler-Suite Visual Studio (seit Version 2015) sowie der Anwendungsumgebung .NET (seit Version 4.6) ist es dabei möglich, Anwendungen plattformübergreifend zu entwickeln – ein Feature, dass im Grunde genommen schon seit den Zeiten des allerersten NT-Betriebssystems vermisst wurde. Microsoft legt großen Wert darauf, mit Windows 10 quasi ein Betriebssystem für alle Bedürfnisse geschaffen zu haben. Im Gegenzug wurden allerdings nach und nach alle möglichen gesonderten eigenen Versionen - wie beispielsweise das alte auf den Embedded-Markt abzielende Betriebssystem Windows CE - abgekündigt und deren Support nach und nach konsequent eigestellt.

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