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Windows-Historie, Teil 3 – Trennung und Konsolidierung der Systeme

Autor: Sebastian Gerstl

Während Millionen Anwender die DOS-basierte Windows 9x-Reihe nutzen, baut Microsoft parallel das alte OS/2-Projekt zu einer parallelen Windows-Familie aus – auch abseits der Intel-Prozessoren. Erst Jahre später werden beide Linien in der bislang populärsten Version vereint. Teil 3 der Windows-Retrospektive.

Eine neue 'XP"-rience: Mit Windows XP sollte Microsoft 2001 eine Dauerbrenner etablieren, von dem sich manche PC-Besitzer selbst heute noch nicht so recht trennen möchten.
Eine neue 'XP"-rience: Mit Windows XP sollte Microsoft 2001 eine Dauerbrenner etablieren, von dem sich manche PC-Besitzer selbst heute noch nicht so recht trennen möchten.
(Bild: Microsoft)

Wie bereits im ersten Teil erwähnt, veröffentlichte Microsoft in den Jahren 1992 und 1993 nominell drei Varianten von Windows 3.1: Ein „reguläres“ Windows für Heimanwender, das an kleine bis mittelgroße Netzwerke gerichtete „Windows 3.1 for Workgroups“, und schließlich – am 27. Juli 1993, Windows NT 3.1, das an große Netzwerke gerichtet war. Trotz des ähnlichen Namens und der nahezu identischen grafischen Oberfläche zu den anderen erwähnten Windows-Versionen schlug im Inneren von NT ein komplett anderes Herz.

Ende der 80er Jahre arbeiteten Microsoft und IBM noch gemeinsam an einem möglichen Nachfolger zu MS-DOS (bzw. PC-DOS, wie es in einer von IBM vertriebenen und weiterentwickelten Fassung auch hieß). Es sollte ein modernes, zukunftsorientiertes Betriebssystem werden und mehrere Eigenschaften verknüpfen, die DOS fehlten. Dazu zählten Dinge wie echte bzw. verbesserte Multitasking-Eigenschaften, effizientere Speicherverwaltung und ein neues, optimiertes Dateisystem.

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Die Entwicklung von OS/2 verlief allerdings sehr holprig, was nicht zuletzt an den unterschiedlichen Geschäftsphilosophien der beiden Partner lag: Microsoft wollte wie schon mit MS-DOS eine Softwareplattform, die für möglichst viele verschiedene PCs verfügbar war. IBM wollte hingegen ein Betriebssystem, das exklusiv für die eigenen Rechner optimiert war, um deren Verkauf anzukurbeln.

Auch hatten beide Unternehmen zu jenem Zeitpunkt unterschiedliche Ansätze, was die Softwareentwicklung betraf. IBM nutzte noch Lines of Code, die Anzahl geschriebener Codezeilen, als Maßeinheit, um die Produktivität von Programmierern zu ermitteln. Microsoft-Entwickler nutzten dagegen kürzeren, direkteren Code. Während IBM daher Microsoft als unproduktiv wahrnahm, empfanden die Microsoft-Programmierer IBM als ineffizient.

Das ursprünglich gemeinsam mit IBM entwickelte OS/2 sollte zur Grundlage für das erste 32Bit-Betriebssystem von Microsoft werden.
Das ursprünglich gemeinsam mit IBM entwickelte OS/2 sollte zur Grundlage für das erste 32Bit-Betriebssystem von Microsoft werden.
(Bild: Microsoft)

Als die erste Version von OS/2 schließlich erschien, geriet der Release zum Flop. Das Betriebssystem war noch auf die breite Masse von 286-Rechnern ausgelegt, doch inzwischen war bereits der 386-Prozessor auf dem Markt, dessen Vorteile nicht genutzt werden konnten. Eine Version mit grafischer Nutzeroberfläche (dem bereits aus Windows 2 bekannten „Presentation Manager“) erschien erst ein Jahr später und wurde zudem nur durch IBM-Verkaufskanäle vertrieben. Der hohe Preis des Betriebssystems – OS2 1.0 kostete 325 US-Dollar, während gleichzeitig MS-DOS für weniger als 100 US-Dollar zu haben war – schreckte ebenfalls viele potentielle Käufer ab.

Während die Entwicklung und die allgemeine Akzeptanz von OS/2 stagnierten, wuchs gleichzeitig die Popularität von Microsoft Windows enorm. Insbesondere das äußerst erfolgreiche Release von Windows 3.0. OS/2 Version 1 setzte innerhalb von 4 Jahren gerade einmal 300.000 Exemplare ab. Microsoft verkaufte dagegen innerhalb von nur 4 Monaten über eine Millionen Kopien von Windows 3.0.

1990 beschlossen daher die beiden Unternehmen, die Zusammenarbeit zu beenden. Ursprünglich war wohl vorgesehen, dass IBM sich komplett der Entwicklung von OS/2 v2 widmen sollte, während sich Microsoft der Pflege von OS/2 v3 widmete. Das Softwareunternehmen gab diese Pläne jedoch schon bald auf, und nutzte die bereits vorhandenen Ressourcen lieber als Grundstein für sein erstes „richtiges“ Windows-Betriebssystem.

Windows NT: Die „neue Technologie“

Zwei Jahre vor dem Release von Windows 95 war Windows NT 3.1 Microsofts erstes richtiges Windows-Betriebssystem. Das OS/2-Erbe bedeutete, dass die NT-Linie bereits vollkommen losgelöst von der DOS-Ebene war; anders als seine „Geschwister“ Windows 3.1 und Windows for Workgroups, die immer noch auf ein bereits bestehendes DOS-System aufgesetzt werden mussten. Um das System in die bereits bestehende Produktlinie einzugliedern, wurde die Optik im gleichen Stil wie Windows for Workgroups gestaltet.

Die Versionsbezeichnung 3.1 ergibt sich aus zwei Überlegungen: Zum einen handelte es sich im Grunde genommen um die dritte Version des OS/2-Kernels, den Microsoft in Windows NT 3.1 umbenannte. Laut Microsoft-PR sollte das NT für „New Technology“ stehen, andere Quellen behaupten dagegen, das Unternehmen habe zur Entwicklung des Systems einen RISC-Emulator namens N10 (beziehungsweise „N-Ten“) verwendet. Zum anderen sollte, wie auch durch die Optik, eine bestehende Nähe zu der Anwenderversion Windows 3.1 suggeriert werden – auch wenn die Architektur von Grund auf unterschiedlich war.

Der Arbeitstitel für das spätere Windows NT 3.1 lautete „Portasys“, ein zusammengesetztes Wort aus „Portable System“. Anders als die übrigen Windows-Betriebssysteme waren alle Windows-Versionen, die „NT“ im Namen tragen, nicht ausschließlich auf klassische Intel-Architekturen ausgelegt. Windows NT 3.1 sowie die Nachfolger NT 3.5, NT 3.51 und NT4 waren neben x86-Varianten auch für Prozessoren mit MIPS-, DEC-Alpha- und (von NT3.5 bis NT4 SP2) Power-PC-Architekturen verfügbar. Da diese Architekturen häufig im Workstation- und Server-Bereich auftauchten, fand die NT-Familie auch in erster Linie dort Anwendung.

Im Gegensatz zu MS-DOS lief NT 3.1 bereits mit 32 Bit. Das erlaubte dem Betriebssystem eine deutliche Erweiterung des Speicherraums: 4G Byte RAM, davon maximal 2 GByte pro Programm, waren für die Verhältnisse von 1993 enorm. Darüber hinaus unterstützte NT 3.1 das bereits mit OS/2 V1.2 eingeführte Dateisystem HPFS sowie die eigene überarbeitete Variante NTFS, wodurch erstmals Partitionen von bis zu 2 GByte Festplattenspeicher möglich waren. Microsoft führte mit NT 3.1 auch „präemptives Multitasking“ (im Gegensatz zu kooperativem Multitasking) ein: ein Scheduler verteilt Rechenzeit dynamisch auf alle laufenden Programme und Threads und legt Prioritäten fest.

Um Kompatibilität mit den anderen Windows-Versionen herzustellen, existierte in NT eine VDM („virtuelle DOS Maschine“). Für 16Bit-Windows geschriebene Software konnte somit in dieser virtuellen Umgebung laufen, allerdings nur mit eingeschränkter (kooperativer) Multitasking-Funktion: Alle 16-Bit-Windows-Programme mussten sich eine VDM teilen. Da es Windows NT 3.1 gerade in der Anfangsphase an speziellen 32-Bit-Anwendungen fehlte, wurde diese Version daher – gerade wegen der für damalige Verhältnisse überaus hohen Systemanforderungen – oft als unangemessen langsam wahrgenommen.

Der aktualisierte Nachfolger Windows NT 3.5 erschien im November 1994 und verbesserte zahlreiche Unzulänglichkeiten. Erstmals war in Windows nun auch Unterstützung für RAS-Verbindungen und eine Druckfunktion über Netzwerke via TCP/IP-Protokoll vorhanden. Microsoft führte mit dieser Version erstmals eine Trennung zwischen Workstation- und Server-Editionen ein: Die Server-Edition beherrschte 256 eingehende RAS-Verbindungen (die Workstation-Version hingegen nur eine), eine nominell unbegrenzte Zahl an Clientverbindungen (10 bei der Workstation) sowie zusätzliche Funktionalitäten wie DHCD-Server, Windows Internet Name Server und weitere, speziell für den Serverbereich gedachte Funktionen. Das schlug sich auch im Umfang nieder: Die aktualisierte Fassung Windows NT 3.51 Server wurde auf 42 3,5-Zoll-Disketten ausgeliefert.

Windows NT hatte allerdings stets mit Kompatibilitätsschwierigkeiten zu kämpfen. Es existierte kein Cross-Plattform-Compiler, der es erlaubt hätte, eine Software einheitlich für die diversen unterstützen Plattformen zu entwickeln, was den Preis für eigene Anwendungen enorm in die Höhe trieb.

Auch das im August 1996 veröffentlichte Windows NT 4.0 konnte diese Problematik nur bedingt adressieren. Auch wenn der Kernel auf NT Version 4.0 aktualisiert war, enthielt es als einzige nennenswerte Neuerung – neben einer verbesserten allgemeinen Performance – nur die Unterstützung von Netware 4, eine direkte Unterstützung von Grafik- und Audioanwendungen und eine von Windows 95 übernommene grafische Benutzeroberfläche.

Im Gegensatz zur 9X-Familie fehlte bei Windows NT 4.0 allerdings die Unterstützung von Plug&Play-Hardware, was ein Aufrüsten vorhandener Systeme deutlich komplizierter machte. Da die alternativen Prozessorarchitekturen und die Entwicklung entsprechender Software nicht die erhoffte Verbreitung fanden, wurde deren Support schließlich seitens Microsoft nach und nach eingestellt: Mit Service Pack 1 verabschiedete man sich von MIPS-, mit Service Pack 2 schließlich auch von Power-PC-Architekturen. DEC-Alpha-Systeme wurden noch bis zum Ende von Windows NT 4.0 unterstützt, beim direkten Nachfolger stellte Microsoft allerdings auch hierfür den Support ein.

Windows 2000: Das „professionelle“ Betriebssystem

Bereits 1997 begann Microsoft an der Entwicklung des Nachfolgers, in ersten Betaversionen noch Windows NT 5.0 genannt. Schon bald darauf erfolgte aber die Umbenennung in Windows 2000, auch wenn die Kernel-Bezeichnung weiterhin die Versionsnummer NT 5.0 trug. Eigentlich hatte Microsoft mit diesem Betriebssystem bereits vor, die beiden OS-Familien zu vereinen und einen gemeinsamen Nachfolger sowohl zur 9X- als auch zur NT-Familie zu präsentieren.

Da man allerdings im Jahr 2000 letztendlich die DOS-Unterstützung für den Heimanwendermarkt nicht komplett einstellen wollte, wurde als Zwischenlösung noch Windows Me eingeschoben. Windows 2000 sollte sich dagegen an erfahrenere Anwender richten, woraus sich auch der Name „Windows 2000 Professional“ für Einzelplatzrechner-Versionen erklärt. Neben dieser Variante existieren mit „Windows 2000 Server“ (von der zwei limitierte Fassungen sogar Intels 64-Bit-Ithanium-Prozessor unterstützten), „Windows 2000 Advanced Server“ und „Windows 2000 Datacenter Server“ noch drei weitere Editionen. Es war bis dato Microsofts umfangreichstes Softwareprojekt: Nach Angaben des Unternehmens verschlang die Entwicklung etwa zwei Milliarden US-Dollar und beschäftigte mindestens 2000 Programmierer.

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Das neue Betriebssystem fand vor allem in Firmen mit größeren Netzwerken schnell Verbreitung. Erstmals fand in der NT-Familie die Unterstützung von echtem Plug&Play Anwendung, was sogar reibungsloser funktionierte, als es Nutzer der 9X-Familie gewohnt waren. Das neue Domänenverwaltungssystem „Active Directory“ war vor allem bei Systemadministratoren beliebt, da es neue Möglichkeiten zur Gliederung von Netzwerken eröffnete, die sich beispielsweise leicht an die Struktur eines Unternehmens anpassen ließ. Mit dem Power-Manager wurden zudem die Stromsparfunktionen nach ACPI-Standard integriert: Erstmals ließ sich ein Windows-System nach Betrieb nicht nur herunterfahren, sondern alternativ auch nur in den Ruhezustand versetzen. Zudem unterstützte das Betriebssystem zahlreiche neue Schnittstellen wie Ports für Infrarot-Geräte, nach Service-Pack-Upgrades auch USB 2.0 oder Firewire.

Windows 2000 erschien am 17. Februar 2000 und wurde schnell als ausgereifter und stabiler wahrgenommen als seine Vorgänger oder die 9X-Familie – einschließlich des erst später erscheinenden Windows Me. Auch wenn die DOS-Ebene nur noch über einen Eingabeprompt emuliert wurde, fanden daher im Laufe der Zeit auch viele Heimanwender zu dem Betriebssystem – auch wenn der Kaufpreis von Windows 2000 deutlich höher war (386 € für die Vollversion) als der von Windows Me (205 €). Das lag auch daran, dass sich Windows 2000 leicht parallel zu einem DOS-basierten System – und damit auch zur Win9X-Familie – installieren ließ. Das funktionierte zwar prinzipiell auch bei den NT-Vorgängern, allerdings war der Betrieb meist etwas umständlich. Windows 2000 besaß hierfür erstmals einen integrierten Bootmanager.

Windows 2000 war die letzte Windows-Version, die nicht nach der Installation noch einmal separat bei Microsoft aktiviert werden musste – eine einfache Eingabe des beiliegenden 25-stelligen Produkt-Keys genügte. Wahrscheinlich trug dieser Umstand, zusammen mit der Stabilität, zur Popularität des Systems auch bei Heimanwendern bei. Gerade viele Unternehmen mit großen Netzwerken hielten noch lange an dem Betriebssystem fest. Microsoft stellte den Firmen-Support für Windows 2000 nach mehrmaligen Verlängerungen letztendlich erst am 13. Juli 2010 endgültig ein.

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