Wie wird das Jahr 2020 für die Elektronikbranche?

| Autor: Margit Kuther

2020: Alle müssen den Gürtel enger schnallen
2020: Alle müssen den Gürtel enger schnallen (Bild: gemeinfrei / Pixabay)

Die fetten Jahre sind vorbei. Die Elektronikbranche muss den Gürtel enger schnallen. Doch ist Untergangsstimmung gerechtfertigt? Lesen Sie, wie die Branchenkenner, die Distributoren, ins Jahr 2020 blicken.

2019 war kein einfaches Jahr für die Elektronikbranche: endlose Handelsstreitigkeiten, Spionagevorwürfe, Huawai auf der Schwarzen Liste, „ewige“ Brexitdebatten, Stellenabbau beispielsweise bei Bosch, Standortschließungen etwa bei Chiphersteller Intel in Duisburg und Nürnberg. ... Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) rechnet für 2020 mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland von 0,5%. Das sei „keine Positivnachricht“, sagte BDI-Präsident Dieter Kempf Mitte Januar 2020 in Berlin, „sondern eine Warnung. Eines ist sicher: die fetten Jahre in der Elektronikbranche sind erst einmal vorbei. Doch muss gleich von Krisenstimmung die Rede sein? Die ELEKTRONIKPRAXIS bat etliche Bauelemente-Distributoren um einen Ausblick auf das Jahr 2020. Denn kaum einer hat einen weiteren Blick auf die Supply Chain als die Distributoren – sind sie doch Mittler zwischen Hersteller und Kunde und up-to-date in puncto Technologietrends.

An der Umfrage der ELEKTRONIKPRAXIS haben teilgenommen: Georg Steinberger, Vorstandsvorsitzender des Fachverbands Bauelemente Distribution (FBDi); Jörg Strughold, Vice President Sales EMEA bei Arrow; Ottmar Flach, Geschäftsführer Atlantik Elektronik; Sven Krumpel, CEO Codico; Dave Doherty, President & COO bei Digi-Key; André Hoffmann, Vertriebsleiter Deutschland bei Distrelec; Thomas Gerhardt, Managing Director bei Glyn; Graham Maggs, Vice President, EMEA Marketing bei Mouser; Jürgen Lampert, Vice President Central Europe bei RS Components; Bert Schukat, Geschäftsführer Schukat Electronic und Rolf Aschhoff, Vice President Sales & Marketing bei SE Spezial-Electronic.

Verhalten positiver Ausblick auf das Jahr 2020

Durchwegs optimistisch beantworteten die Bauelemente-Distributoren die Frage „Wie wird das Jahr 2020 für die Bauelemente-Branche: Angesichts der vielen politischen und wirtschaftlichen Unwägbarkeiten sei es zwar nach wie vor schwer, für die „nächsten zwölf Monate eine zuverlässige Prognose abzugeben“, betont Rolf Aschhoff von SE Spezial-Electronic, aber „nachdem die Bookings letztes Jahr bei manchen großen Distributoren zeitweise auf 0,6 und weniger zurückgegangen sind, gehe ich aus heutiger Sicht eher von einer signifikaten Markterholung als von einem weiteren Abschwung aus“. Ottmar Flach, Atlantik Elektronik stimmt zu, denn man befinde sich in „Wachstumsmärkten“. Und Thomas Gerhardt, Glyn ergänzt: Selbst wenn die Aufschwungphase zunächst gestoppt sei, „die Branche weiß mit Schwankungen umzugehen.“ Auch Bert Schukat verneint einen Abschwung: „Ich sehe eindeutige Hinweise, die nach den wirtschaftlichen Entwicklungen in 2018 und 2019 für eine Normalisierung in 2020 sprechen.“

Die Vertreter von Arrow und Mouser gehen „von schwächeren Quartalen im ersten Halbjahr aus und einem möglicherweise wachsenden Markt im zweiten Halbjahr 2020.“ Distrelec gibt zu bedenken: „Viele inländische Distributoren bewegen sich in Branchen mit einem hohen Exportanteil. Die offenen oder schwelenden internationalen Konfliktlagen und Handelsboykotte werden auch 2020 einen deutlichen Einfluss haben. Gleichwohl haben wir seit Anfang Januar einen kräftigen Aufschwung im Halbleiter-Sektor.“ Georg Steinberger, FBDi, fasst die Stimmung zusammen: „Wir gehen eher davon aus, dass der Markt sich zur Jahresmitte hin wieder erholt, sofern nicht irgendwelche große globale Störfeuer dagegen stehen, etwa der Konflikt USA-Iran.“ Thomas Gerhardt, Glyn ergänzt: „Alles hängt von der Stimmung der Marktteilnehmer ab.“

Lieferengpässe etwa bei MLCC und Speichern

„Die Lieferzeiten sind bei fast allen Komponenten wieder weitgehend normal“, so Graham Maggs, Mouser, auf die Frage nach Lieferengpässen. Viele „Commodity-Produkte“ wurden im Laufe des Jahres 2019 wieder „leichter verfügbar“, so Jörg Strughold, Arrow. „Die Situation hatte sich ja ab Anfang 2019 entspannt“, ergänzt Steinberger, FBDi. „Allerdings können punktuell immer Verknappungen auftreten, die Lager der Kunden sind zunehmend leer.“ „Ja“, ergänzen Bert Schukat und Jörg Strughold, Arrow: „wir sehen etwa für MLCC bereits erste Anzeichen“. Und Rolf Aschhoff, SE Spezial-Electronic bemerkt bei MLCCs bereits eine Rückkehr zu Lieferzeiten „zwischen acht und zwölf Wochen“.

Weitere mögliche Engpässe sieht Ottmar Flach, Atlantik Elektronik, bei Speichern und André Hoffmann, Distrelec, bei SMD-Kondensatoren. „Keine Engpässe“ vermeldet hingegen Sven Krumpel, Codico. In puncto Verknappung sieht Rolf Aschhoff, SE Spezial-Electronic, auch eine „schwindende Sensibilisierung“ bei manchen Unternehmen. Dabei komme es über die letzten Jahrzehnte hinweg betrachtet auf keinem anderen Markt so oft zu Verkappungen wie auf dem Markt für elektronische Bauteile. So zeige die Erfahrung: „Nach der Allokation ist vor der Allokation.“

Die Vorbereitungen auf den Brexit sind abgeschlossen

Die zentralen Vorbereitungen auf den Brexit hat das Gros der Distributoren schon seit Monaten abgeschlossen: Unisono stimmen die Distributoren Sven Krumpel von Codico zu: „Wir stehen mit unseren Kunden in enger Beziehung, haben Prozesse erarbeitet und sind somit schon längst auf den Umstieg vorbereitet.“ Und Jürgen Lampert von RS Components ergänzt: „Unsere Priorität liegt darauf, Beeinträchtigungen zu minimieren und den Kunden unabhängig vom Verlauf des Brexits ein Höchstmaß an Service und Support zu bieten.“

Trends sind AIoT, proaktive Wartung, Bandgap, Backscatter

Iot und Industrie 4.0 befinden sich in der Umsetzung. Immer bedeutender würden hier, so Jörg Strughold, Arrow, „Artificial Intelligence of Things (AIoT)“ und laut Jürgen Lampert, RS Components„Predictive Maintenance“, also das Sammeln von Maschinendaten für eine proaktive Anlagenwartung. In puncto Elektromobilität sei „Wide-Bandgap“ interessant, so Jörg Strughold, Arrow, also „Halbleiter und Stromversorgungen, mit denen sich die Effizienz von leistungselektronischen Komponenten weiter steigern lässt“. Dave Doherty, Digi-Key, betont die „Entwicklung von Anwendungen als Erweiterungen der im IoT definierten Kernkompetenzen“. Die aus grundlegenden Bausteinen aufgebauten Anwendungen würden „in allen Bereichen, etwa Industrie, autonome Roboter, Medizin und Transport expandieren“.

Relevant sei zudem, so Rolf Aschhoff von SE Spezial-Electronic, „Backscatter“. Die Netzwerktechnologie ermögliche es, Daten mit sehr geringem Stromverbrauch zu senden. Weitere Trendsetter seien, so sind sich die Befragten einig, 5G samt der Entwicklung neuer Anwendungen, LPWA, Wireless Sensing, E-Mobilität, vernetzte Systeme, Safety, Security, Miniaturisierung und dezentale Stromerzeugung.

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