Moral und Maschine

Wie sollen selbstfahrende Autos über Leben und Tod entscheiden?

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Vertrauen für den Menschen, Selbstbewusstsein für die Maschine

Die Entwickler autonomer Fahrzeuge kennen das Dilemma. Seit 2009 arbeitet Google an einem selbstfahrenden Auto. Chefentwickler Chris Urmson erklärte im vergangenen Jahr, wie sich das Google-Auto bei einem unvermeidbaren Unfall entscheiden würde: Es versuche zuallererst, Fußgängern und Radfahrern auszuweichen. Dann vermeide es den Kontakt mit anderen fahrenden Fahrzeugen. Und erst an dritter Stelle kämen stillstehende Objekte wie Bäume.

Man kann derlei Äußerungen als vertrauensbildende Maßnahmen verstehen. Vorbehalte gegenüber Geräten oder Fahrzeugen mit Künstlicher Intelligenz sind in der Bevölkerung verbreitet. Wer setzt sich schon in ein Auto, dem er nicht vertraut? Raúl Rojas, Professor für Informatik an der Freien Universität Berlin, sieht in der Diskussion um moralische Algorithmen eine Scheindebatte. Die Ängste der Bevölkerung wahrnehmen: Ja. Aber dazu braucht es Aufklärung, so Rojas.

„Es wird der Eindruck vermittelt, dass Maschinen bereits so klug sind, dass sie selbstständig bewusste Entscheidungen treffen könnten. Das wird aber nie der Fall sein“, sagt Rojas, der mit seinem Team selbst an einem fahrerlosen Fahrzeug arbeitet. Man traue den Maschinen viel zu viel zu. Statt von Künstlicher Intelligenz würde Rojas lieber von Künstlicher Dummheit sprechen, um keine falschen Erwartungen zu erwecken und in Ruhe an der Verbesserung der Technik arbeiten zu können.

„Wir sind froh, dass unsere Autos mittlerweile Passanten erkennen können.“ Regen, Schnee, Schlaglöcher – all das bereite den autonomen Fahrzeugen noch Probleme, sagt Rojas. „Grundsätzlich gilt: Die Ethik einer Maschine ist die Ethik seines Programmierers“, ergänzt er. Der Maschine fehle es an Selbstbewusstsein und dem Bewusstsein für Handlungen und deren Folgen, eine Voraussetzung für jede Form der Ethik. Schon deshalb könne die Maschine nicht ethisch sein, meint Rojas.

Und im Kern gehe es doch auch um etwas ganz anderes. 26 000 Menschen sind nach EU-Daten im vergangenen Jahr in den Ländern der Europäischen Union bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen. Zudem gab es rund 135 000 Schwerverletzte. „Der Idealzustand wäre doch, wenn das Auto gar nicht töten müsste“, sagt Rojas. Eine grundsätzlich geringere Geschwindigkeit, mehr Sicherheit durch Form und Material der Autos und eine Stadtplanung, die der Verkehrssicherheit zuträglich ist – so ließen sich laut Rojas in Zukunft Unfallszenarien vermeiden.

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