Moral und Maschine Wie sollen selbstfahrende Autos über Leben und Tod entscheiden?

Autor / Redakteur: Annika Middeldorf, dpa / Sebastian Gerstl

Weniger Verkehrsunfälle dank selbstfahrender Autos – so klingt das Versprechen der automobilen Zukunft. Aber nicht jeder Zusammenstoß wird zu vermeiden sein. Brauchen Roboterautos ein Ethik-Programm, um im Zweifel über Tod und Leben zu entscheiden?

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Im Zweifelsfall Passanten opfern oder den Fahrer schützen? Eine im Fachmagazin „Science“ veröffentlichte Studie macht das ethische Dilemma deutlich: Die meisten Befragten sagen, selbstfahrende Autos sollten im Zweifelsfall die Insassen gefährden – aber nur, solange es nicht sie selbst sind, die im Auto sitzen.
Im Zweifelsfall Passanten opfern oder den Fahrer schützen? Eine im Fachmagazin „Science“ veröffentlichte Studie macht das ethische Dilemma deutlich: Die meisten Befragten sagen, selbstfahrende Autos sollten im Zweifelsfall die Insassen gefährden – aber nur, solange es nicht sie selbst sind, die im Auto sitzen.
(Bild: MIT Media Lab)

Eine Fahrt durch die Stadt, plötzlich stehen Fußgänger auf der Straße. Fahren Sie geradeaus, könnten die Passanten sterben. Lenken Sie zur Seite, könnte das Ihren eigenen Tod bedeuten. Was tun? Eine im Fachmagazin „Science“ präsentierte Umfrage zeigt die Widersprüchlichkeit moralischer Entscheidungen: Roboterautos sollen Autoinsassen opfern, wenn dadurch mehr Passantenleben geschützt werden können, sagen die Befragten - aber nur dann, wenn sie nicht selbst im Wagen sitzen.

Nie abgelenkt, zu schnell, betrunken oder irrational – vieles spricht dafür, dass rollende Rechner die besseren Fahrer sind. Nach einer Analyse der Unternehmensberatung McKinsey könnte es dank der fahrerlosen Vehikel bis zu 90 Prozent weniger Verkehrsunfälle geben. Bleiben noch immer etliche Zusammenstöße, bei denen mitunter Sekunden über Leben und Tod entscheiden.

Der Psychologe Jean-Francois Bonnefon hat untersucht, wie sich autonome Fahrzeuge nach Ansicht von US-Amerikanern verhalten sollen, wenn es zu einem Zusammenstoß zwischen Roboterauto und Mensch kommt. Fast 2000 US-Amerikaner befragten er und sein Team für die in „Science“ vorgestellte Studie. Die Mehrheit wünscht sich demnach ein Fahrzeug mit einem sogenannten utilaristischen Programmiercode. Die philosophische Theorie des Utilitarismus richtet sich nach dem Nützlichkeitsprinzip: Moralisch gut ist, was der Gemeinschaft nützt.

Die Befragten wünschen sich einen Wagen, der sich den Konsequenzen seiner Handlung bewusst ist und mit der Absicht handelt, das Wohlergehen aller zu maximieren. Das große „Aber“ dabei: Sitzen sie selbst oder ihre Familienangehörigen im Auto, möchten die Befragten zuallererst die Insassen geschützt wissen – ganz gleich, wie viel Menschenleben dadurch gefährdet wären.

„Die meisten Menschen wollen in einer Welt leben, in der Autos die Zahl der Unfälle auf ein Minimum bringen,“ sagt Iyad Rahwan, ein außerordentlicher Professor des MIT Media Labs und Co-Autor eines Papers, dass die Studie umschreibt. „Aber ein jeder will, dass sein eigenes Auto ihn oder sie selbst um jeden Preis schützt.“

„Die Studie zeigt deutlich das menschliche Bedürfnis, das moralisch Richtige als normative Verhaltensanforderung zu akzeptieren und gleichzeitig im Notfall davon abweichen zu können“, führt Georg Borges, Professor für Rechtsinformatik an der Universität des Saarlandes, weiter aus. Ein Beispiel: Wer durch den Tod eines anderen das Leben des eigenen Kindes schützt, hält sein Verhalten für moralisch eher vertretbar, als wenn er nur sein eigenes Leben schützen würde.

„Das Freiheitsrecht des Einzelnen, sich normabweichend verhalten zu können, gibt es in der automatisierten Welt nicht mehr. Das ist das Dilemma der digitalen Gesellschaft“, sagt Borges, Experte für Rechtsfragen autonomer Systeme. Softwareprogramme kennen den Luxus von Vagheit nicht. Die Moral nach Zahlen in Computersystemen ist eine exakte Wissenschaft. Und sie setzt gleiche Regeln für alle. Für Bonnefons experimentellen Kollisionsfall heißt das: Entweder das Auto schützt immer seine Insassen oder immer zuallererst die Passanten.

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