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Wie sich die Mess- und Regeltechnik in der vernetzten Industrie aufstellen muss

| Redakteur: Dipl.-Ing. (FH) Hendrik Härter

Industrie 4.0 verändert die Branche der Mess-, Regel- und Automatisierungstechnik. Sei es durch bessere Sensorik, modularen Systemen oder neuen Geschäftsmodellen. Michael Juchheim von Jumo gibt Antworten.

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Michael Juchheim von Jumo erklärt, wie sich Unternehmen aus der Mess- und Regelungstechnik künftig aufstellen müssen.
Michael Juchheim von Jumo erklärt, wie sich Unternehmen aus der Mess- und Regelungstechnik künftig aufstellen müssen.
(Bild: Jumo)

Viele Reden von der vierten industriellen Revolution. Doch was bedeutet das für Hersteller von Mess-, Regel- und Automatisierungstechnik? Welche Chancen und Risiken erwachsen auf dem Weg zur digitalen Fabrik? Fragen, die sich auch Michael Juchheim, geschäftsführender Gesellschafter bei Jumo, stellt.

Fakt ist: Immer mehr Anlagen und Prozesse werden vollautomatisch gesteuert und überwacht. Der Umsatz der deutschen Automationsbranche lag 2016 bei fast 50 Mrd. Euro und steigt seit Jahren konstant. Sowohl bei Anwendern als auch bei den Produzenten von Automatisierungstechnik liegt Deutschland weltweit auf Platz drei. Im Zuge der Industrie 4.0 wird sich diese Entwicklung weiter beschleunigen.

Für die Hersteller industrieller Mess- und Regeltechnik bieten sich drei Ansatzpunkte. „horizontale Integration“, „vertikale Integration“ und „neue Geschäftsmodelle“. Bei der horizontalen Integration geht es vor allem darum, die Kommunikation auf der Feldbusebene zu verbessern. Sensoren müssen viel mehr können als Messwerte zuverlässig erfassen und weitergeben.

Von der Feldbus- zur Steuerebene

In den Sensor integrierte Elektroniken vereinfachen nicht nur die Inbetriebnahme und Kalibrierung vor Ort, sie ermöglichen es auch, den kompletten Lebenszyklus des Sensors zu erfassen und auszuwerten. Die Erfassung und der Abgleich aller Daten in einer industriellen Cloud kann in einem nächsten Schritt wichtige Erkenntnisse für zukünftige Sensorentwicklungen geben. Wir als Jumo haben mit der Vorstellung des digiLine-Systems für die Flüssigkeitsanalyse und mit neuen Sensoren mit IO-Link-Schnittstellen einen ersten Schritt in diese Richtung getan.

Bei der vertikalen Integration geht es vor allen darum, die Kommunikation von der Feldbus- zur Steuerungsebene zu verbessern. Die klassische Regelungstechnik stößt mit der ständig wachsenden Zahl an Sensoren sehr schnell an ihre Grenzen. Deshalb sind Automatisierungslösungen gefordert, die im besten Fall eine einfache Bedienung mit einer großzügigen Skalierbarkeit verbinden.

So erhalten Anwender die Möglichkeit, maßgeschneiderte und zukunftsfeste Applikationen für ihr Problem zu entwickeln – und das ohne große Programmierkenntnisse. Die Nachfrage nach solchen einfachen modularen Automatisierungssystemen, dem Jumo mTRON T-System, steigt über alle Branchengrenzen hinweg seit Jahren ständig.

Der gesamte Produktlebenszyklus

Besonders interessant sind dabei die neuen Geschäftsmodelle. Ziel ist hier die Entwicklung in Richtung eines hybriden Unternehmens. Darunter versteht man Firmen, die ihre Kunden über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg umfassend betreuen. Das beginnt bereits mit der gemeinsamen Produktentwicklung. Doch auch nach der Lieferung beziehungsweise der Inbetriebnahme der fertigen Kundenlösung müssen weitere Serviceleistungen angeboten werden. Dazu gehören Schulungen und Trainings ebenso wie umfangreiche Wartungskonzepte. Wir haben deshalb beispielsweise eine eigene Engineering-Abteilung mit einem umfangreichen Portfolio ins Leben gerufen, um Kunden noch besser unterstützen zu können.

Bei all den Chancen, die die zunehmende Digitalisierung für die Hersteller von Mess- und Regeltechnik mit sich bringt, dürfen aber auch die Herausforderungen nicht vergessen werden, die in dieser Entwicklung stecken. Das ist zum einen das Problem der Standardisierung. Solange jedes Unternehmen ein eigenes „Industrie 4.0-Süppchen“ kocht, kann der Traum der vernetzten digitalen Fabrik niemals Realität werden.

Sicherheit in der Produktion

Der zweite kritische Punkt betrifft das Thema Sicherheit. Denn es ist ein großer Unterschied, ob mithilfe einer App die private Heizung im Eigenheim oder das Leitsystem einer kompletten Produktionsanlage gesteuert werden soll. Deshalb ist es wichtiger denn je, verantwortungsvoll mit den Chancen und Risiken umzugehen.

Wir stehen am Anfang einer Reise in eine neue Welt. Ein Aufbruch, der ähnlich spektakulär wie der in das Eisenbahn- oder das Computerzeitalter ist. Damals wie heute gibt es Mahner und Kritiker, die diese Reise verhindern wollen. Und damals wie heute werden sie keinen Erfolg haben. Denn neue Entwicklungen sind wie Flüsse – sie können gesteuert oder gelenkt, aber auf keinen Fall aufgehalten werden.

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