Wie sich Deutschlands Raumfahrt im All behaupten will

| Autor / Redakteur: Thomas Körbel, dpa / Julia Schmidt

Die künstlerische Darstellung der Nasa zeigt das Orion-Raumschiff auf dem Weg zum Mond. Das greifbarste Mondprojekt unter deutscher Führung sieht aus wie ein Zylinder – vier Meter hoch, vier Meter Durchmesser – und hat den sperrigen Namen European Service Module, kurz: ESM. Seit 2016 schraubt der Konzern im Auftrag der Esa an dem Modul, das der Antrieb für das Orion-Raumschiff der US-Raumfahrtbehörde Nasa werden soll.
Die künstlerische Darstellung der Nasa zeigt das Orion-Raumschiff auf dem Weg zum Mond. Das greifbarste Mondprojekt unter deutscher Führung sieht aus wie ein Zylinder – vier Meter hoch, vier Meter Durchmesser – und hat den sperrigen Namen European Service Module, kurz: ESM. Seit 2016 schraubt der Konzern im Auftrag der Esa an dem Modul, das der Antrieb für das Orion-Raumschiff der US-Raumfahrtbehörde Nasa werden soll. (Bild: NASA)

50 Jahre nach der historischen Mondlandung befindet sich die Welt in einem neuen Wettlauf zum Erdtrabanten, und Deutschland steckt mitten drin. Private Unternehmen und Staaten suchen auf dem Mond wissenschaftliche Erkenntnis, Prestige – und Profit.

Als der US-Astronaut Neil Armstrong am 20. Juli 1969 als erster Mensch den Mond betrat, wurde ein Menschheitstraum wahr. 50 Jahre später beflügelt der Erdtrabant die Träume erneut. Großkonzerne und Start-ups ringen um ihren Anteil am sogenannten New Space, der stark wachsenden privaten Raumfahrtindustrie.

Aufbruchstimmung herrscht in der Branche, Mondfieber. Da wittert auch die deutsche Raumfahrtszene ihre Chance. „Wir sind gerne bei einer internationalen Mondmission dabei“, sagt der Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt, Thomas Jarzombek (CDU). „Aber das muss auf Augenhöhe passieren.“

Die USA als traditioneller Partner

Jarzombeks Worte zeugen von Selbstbewusstsein. Doch in der Branche weiß man auch: Weder Deutschland noch Europa werden eigene bemannte Mondmissionen auf die Beine stellen. Die USA gelten als traditioneller Partner. „Die deutsche Grundhaltung zur astronautischen Raumfahrt war immer transatlantische Kooperation“, sagt Marco Fuchs vom Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI).

Seit die aufstrebende Raumfahrtmacht China im Januar erstmals in der Geschichte eine Sonde auf dem erdabgewandten Teil des Mondes abgesetzt hat, kommt politisch Bewegung in die Mondfahrt. Zahlreiche Nationen und Unternehmen wollen zum Mond, auch die Europäische Weltraumorganisation (Esa). Im März kündigten die USA an, bis 2024 wieder US-Astronauten auf den Mond zu bringen. Zudem planen die USA eine Raumstation, Gateway genannt, die um den Trabanten kreisen soll. Dabei kommt auch – so hoffen viele – deutsche Technik ins Spiel.

Das greifbarste Mondprojekt unter deutscher Führung sieht aus wie ein Zylinder – vier Meter hoch, vier Meter Durchmesser – und hat den sperrigen Namen „European Service Module“, kurz: ESM. „Das Service Module ist das eigentliche Raumschiff, das die Amerikaner überhaupt erst in die Lage versetzt, zum Mond zu fliegen“, sagt Oliver Juckenhöfel, Leiter der bemannten Raumfahrt bei Airbus. Seit 2016 schraubt der Konzern im Auftrag der Esa an dem Modul, das der Antrieb für das „Orion“-Raumschiff der US-Raumfahrtbehörde Nasa werden soll.

Bedarf bis Ende des nächsten Jahrzehnts

Die erste ESM-Version hat Airbus bereits geliefert. Sie soll dem Konzern zufolge 2020 unbemannt um den Mond fliegen. Das zweite Modell soll 2022 mit Astronauten an Bord fliegen und wird derzeit gebaut. Rund 600 Millionen Euro hat Airbus im Auftrag der Esa in Entwicklung und Bau gesteckt. „Wir gehen davon aus, dass die Nasa Bedarf hat bis Ende des nächsten Jahrzehnts“, sagt Programmchef Juckenhöfel.

Ob das so kommen wird, ist nicht abzusehen. Die Konkurrenz schläft nicht. Für das geplante Gateway hat die Nasa ein Antriebsmodul bei einer US-Firma in Auftrag gegeben. Drei US-Wettbewerber sollen unbemannte Mond-Lander entwickeln.

Zwar hält sich die deutsche Industrie für konkurrenzfähig, dennoch ist die Sorge groß, ob sie wird Schritt halten können. „Europa muss aufpassen, dass wir nicht zurückfallen. Unsere Budgets stagnieren“, warnt Airbus-Mann Juckenhöfel. „Ich glaube, dass wir aus Europa heraus es nicht schaffen werden, im US-Markt eine Rolle zu spielen, wenn Europa keinen klaren politischen Willen bekundet. Da ist vor allem Deutschland gefragt, das klar zu formulieren.“

Eine Meinung, die auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) teilt. „Bei der Rückkehr zum Mond sollte die Bundesrepublik eine zentrale Rolle spielen“, forderte dieser im Mai. Deutschland solle mehr Geld in den „Zukunftsmarkt Weltraum“ stecken.

285 Millionen Euro für das Nationale Weltraumprogramm

285 Millionen Euro hat die Bundesregierung 2019 für das Nationale Weltraumprogramm reserviert. Hinzu kommen dem Wirtschaftsministerium zufolge 857 Millionen Euro als Beitrag für die Esa sowie eine gute halbe Milliarde für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Den Gesamtumsatz gibt der Branchenverband BDLI für 2018 mit 2,9 Milliarden Euro an. Das entspricht nach Angaben des BDI gut einem Prozent des globalen Raumfahrt-Umsatzes von 260 Milliarden Euro.

Raumfahrtkoordinator Jarzombek sieht die Probleme. „Wir müssen als Deutsche echt Gas geben, damit wir nicht den Zug verpassen.“ Für ihn heißt das: „Aufträge nicht nur an die Großen vergeben, sondern auch an die, die groß werden wollen“, also: Start-ups fördern.

Einer von jenen, die groß werden wollen, sind die PTScientists. Das Start-up aus Berlin tüftelt seit 2008 mit inzwischen rund 70 Mitarbeitern an hochfliegenden Mond-Plänen. Ziel sei, regelmäßige Transporte zum Mond anzubieten und ein LTE-Funknetzwerk auf dem Trabanten aufzubauen, sagt Sprecher Andreas Schepers.

Dafür entwickelt die Firma „Alina“, ein Raumschiff, das auf dem Mond landen und 300 Kilo Ladung mitnehmen soll. Mit Hilfe des Mobilfunkanbieters Vodafone soll „Alina“ die erste LTE-Antenne auf dem Mond werden. Der Jungfernflug ist für 2021 geplant; 120 Millionen Euro gibt Schepers als Hausnummer für das Projekt an. Doch Experten halten den Plan, schon 2021 zu fliegen, für ambitioniert.

Marco Fuchs, Chef des Bremer Raumfahrtunternehmens OHB, glaubt nicht an schnelle Gewinne in dem Bereich. „Mit Mondflügen verdienen Sie kein Geld. Das macht man aus ideellen oder Prestigegründen“, sagt er. Daher setzt OHB auf Anwendungen. „Wir wollen nützliche Geräte auf den Mond bringen, damit man dauerhaft dort bleiben kann“, sagt Fuchs. Lediglich ein paar Millionen Euro machten die Investitionen von OHB im Mondgeschäft aus, sagt Fuchs. „Unser Geld verdienen wir mit Satelliten, die um die Erde fliegen und Nutzen stiften sollen.“

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