Hightech-Filmaufnahmen Wie Optoelektronik und Robotik Gravity 7 Oscars eingebracht haben

Redakteur: Peter Koller

Bei der Oscar-Verleihung in der Nacht zum Montag hat der Weltraum-Thriller Gravity sieben der begehrten Academy Awards abgeräumt. Möglich wurde der Film erst durch eine neuartige Filmtechnik, basierend auf Optoelektronik und Robotik.

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Musste bei den Dreharbeiten einiges ertragen: Sandra Bullock als Astronautin in Gravity
Musste bei den Dreharbeiten einiges ertragen: Sandra Bullock als Astronautin in Gravity
(WarnerBros)

Schwerelos schweben die Astronauten Matt Kowalski (George Clooney) und Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock) in Gravity bei Reparaturarbeiten am Hubble-Teleskop durchs All, bis Weltraumschrott die Internationale Raumstation ISS pulverisiert. Clooney geht in der Weite des Weltalls verloren, Bullock kämpft sich bis zu einer verlassenen chinesischen Station durch und schafft es so zurück auf die Erde.

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Um diesen relativen simplen Plot in derart faszinierenden Bilder wiederzugeben, wie es Gravity tut, war ein enormer technischer Aufwand notwendig, der sich ingesamt über fast fünf Jahre hingezogen hat – viel länger, als Regisseur Alfonso Cuaron erwartet hatte: „Ich hatte eigentlich gedacht, dass es viel einfacher werden würde. Aber wir stellten fest, dass die vorhandene Technik für unsere Vorstellungen nicht ausreichte...also mussten wir etwas ganz Neues erfinden.“ Der Neue, von dem Cuaron spricht, ist folgendes: Statt den Schauspieler in scheinbarer Schwerelosigkeit durch den Raum zu bewegen, bewegt sich der Raum um den Schauspieler herum.

Hunderttausende von LEDs...

Dazu war ein völlig neue Art von Lightbox für eine Rundum-Beleuchtung notwendig: Ein Kubus, drei Meter breit und sechs Meter hoch, bestehend aus insgesamt 196 Panels von 70 x 70 Zentimetern mit jeweils 4096 LEDs. Jede der insgesamt 802.816 Leuchtdioden ist dabei einzeln steuerbar in Farbe und Helligkeit.

Die Panels sind beweglich, um Platz für zusätzliche Beleuchtungselemente oder Kameras zu machen und wurden teilweise auf computergesteuerten Roboterarmen montiert. Auf diese Weise konnten nicht nur einzigartige Beleuchtungseffekte realisiert werden, sondern den beiden Schauspieler auch eine grobe Version des Hintergrundes zur Orientierung eingespielt werden – anders als bei einem klassischen Blue Screen. Die hochaufgelöste Version der Umgebung wurde dann aber wie bei diesem erst später am Computer eingefügt.

...und ein grobmotorischer Roboter

Die zweite Neuerung war eine Kamera (ARRI Alexa), die an einem Industrieroboterarm angebracht war und über die Software Maya computergesteuert bewegt wurde: Das System IRIS des Herstellers Bot & Dolly, das über sieben Freiheitsgrade verfügt. Keine ganz ungefährliche Technik, IRIS bewegt sich immerhin mit einer Geschwindigkeit bis zu vier Metern pro Sekunde mit einer Präzision von 0,08 Millimeter. Normalerweise. Am Tag vor Beginn der echten Dreharbeiten geriet der zwei Tonnen schwere Roboterarm einmal außer Kontrolle und durchbohrte die Puppe, die an diesem Tag anstelle von Sandra Bullock gefilmt wurde...

Das dritte Element, um die Schwerelosigkeit im Film glaubhaft zu machen, war, die Schauspieler zu Marionette zu machen, im Sinne des Wortes. So wurde Bullock etwa an 12 dünnen Seilen an einem Gestell aufgehängt, das von einem professionellen Puppenspieler elektromechanisch bewegt werden konnte. So konnte der Puppenspieler die Bewegungen der Schauspielerin steuern. Das Anlegen der Seile war so aufwändig, dass Sandra Bullock bis zu 10 Stunden am Tag völlig isoliert von der Außenwelt – bis auf einen Ohrhörer – in dem Gestell hängen musste. Kein Wunder, dass die Lightbox irgendwann den Spitznamen „Sandys Käfig“ bekam. Zusätzlich wurde eine dreh- und kippbare Plattform verwendet, ähnlich der Vorrichtungen, die in Augmented Reality-Systemen zum Einsatz kommen. Der Schauspieler steht auf dieser Plattform, die dann computergesteuert – und synchronisiert mit der IRIS-Roboterkamera – bewegt wurde.

Das Video Gravity Featurette – From Script to Screen auf Youtube gibt einen interessanten Einblick in die Entstehung des Films:

Lange bevor die echten Dreharbeiten begannen, wurde der gesamte Film von Cuaron und seinen Mitarbeitern bereits als Computeranimation erstellt. Diese Previs (Pre Visualization) diente dann quasi als digitales Drehbuch für die Aufnahmen mit den Schauspielern.

Für die Produktion des Films, der rund 80 Millionen US-$ gekostet hat, war eine enorme Menge an Computer-Rechenleistung notwendig. Der Visual Effects Supervisor Tim Webber hat ausgerechnet, dass auf einer Maschine mit einem Einkern-Prozessor allein das Rendering des Films rund 7000 Jahre gedauert hätte.

Nominiert war Gravity übrigens für insgesamt zehn Oscars.

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