Embedded-Standards Wie neue Standards High-End-Computing und Safety beschleunigen

Redakteur: Margit Kuther

2021 wird ein spannendes Jahr. Einen Ausblick auf die Trends, die uns im industriellen Umfeld erwarten, gibt Hannes Niederhauser, CEO der S&T AG, im Gespräch mit der ELEKTRONIKPRAXIS.

Firmen zum Thema

Hannes Niederhauser, CEO der S&T AG: „Neue Applikationen werden Abläufe verändern.“
Hannes Niederhauser, CEO der S&T AG: „Neue Applikationen werden Abläufe verändern.“
(Bild: Kontron)

ELEKTRONIKPRAXIS: Herr Niederhauser, 2020 war Corona das beherrschende Thema. Wie beeinflusste die Pandemie Ihrer Einschätzung nach das industrielle Umfeld?

Hannes Niederhauser: Corona hat die Welt verändert und in vielen Bereichen der Digitalisierung einen Schub gegeben. Das zeigt sich besonders im industriellen Umfeld. Auch die Abläufe rund um die Produktion haben sich verändert. So sehen wir einen Trend von Off-Shoring nach Asien zurück zum In-Shoring nach Europa. Das verkürzt Lieferketten und schafft mehr Nähe zu den Partnern. Eine wettbewerbsfähige Produktion in Europa erfordert allerdings einen hohen Automatisierungsgrad. Erforderlich sind dazu modernste Technologien.

Bis 2025 werden rund 75.000 Millionen Maschinen in das Internet of Things (IoT) und das Industrial Internet of Things (IIoT) eingebunden sein. Die führenden Marktforschungsinstitute prognostizieren ein jährliches Wachstum von 31%. Aufgrund dieser Entwicklung werden rund um den Globus gigantische Datenmengen generiert. Diese müssen zuverlässig sowie schnell und sicher ausgewertet und verteilt werden. Die Weichen für entsprechende Lösungen hat Kontron, in der S&T Gruppe verantwortlich für den Bereich IoT Solutions, mit der Entwicklung zahlreicher Schlüsseltechnologien bereits gestellt.

Welche Trends schätzen Sie als besonders prägend für 2021 und darüber hinaus ein?

Wir werden in den kommenden Monaten in einigen Bereichen rasante Entwicklungen erleben. Dazu gehört der weitere Ausbau der 5G-Netze, der zunehmende Einsatz von Artificial Intelligence, Machine Vision, Machine/Deep Learning und Intelligent Edge-Computing sowie eine Vielzahl neuer Anwendungen rund um Industrie 4.0, im Transportwesen, der Medizintechnik und systemrelevanter Infrastruktur. Bei Themen rund um HPC (High Performance Computing) wird der neue Standard COM-HPC zur Basis für die Entwicklung innovativer Anwendungen im IoT- und Embedded-Bereich.

Worauf wird Kontron sich besonders konzentrieren?

Einen Fokus werden wir 2021 unter anderem auf die weitere Unterstützung des Mittelstands setzen. Unser Anliegen ist es, aktuelle Megatrends in praxistaugliche, optimierte Lösungen für unsere Kunden zu entwickeln und deren konkreten Nutzen zu demonstrieren. Die Grenzen zwischen Hardware, Software, Cloud und Edge treten dabei in den Hintergrund. In den Blickpunkt rückt dagegen die Nutzerbetrachtung. Wir unterstützen den Mittelstand bei seiner strategischen Ausrichtung, der Durchgängigkeit von Anwendungen und nicht zuletzt bei der Umsetzbarkeit von Lösungen im Ökosystem des jeweiligen Unternehmens. Dazu bieten wir innerhalb des SUSiEtec-Portfolios alles für die Digitale Transformation an, vom Consulting über HW/SW Bundles, Systemintegration, SW-Entwicklung, Hybrid Cloud bis hin zu Installation und Wartung. Mit unseren Kunden werden wir fallorientiert Lösungen erarbeiten und realisieren, was technologisch machbar ist.

Welche Bereiche werden Ihrer Einschätzung nach durch die Digitalisierung besonders geprägt?

Die Digitalisierung setzt sich besonders auch im Servicebereich verstärkt durch. Predictive Maintenance, also die vorausschauende Wartung von Komponenten, gekoppelt mit automatischen und aufeinander abgestimmten Einsatzplänen, ermöglichen neue Business-Modelle. Hierzu bieten wir geeignete Tools wie SUSiEtec Workforce, um den Einsatz der Serviceteams digital zu steuern; oder die Equipment Cloud als Teil von SUSiEtec, in der sämtliche Hard- und Software-Versionen für den Service hinterlegt und jederzeit abrufbar sind. Das optimiert die Kollaboration auf allen Ebenen – von Mensch zu Mensch sowie von Maschine zu Maschine oder von Mensch zu Maschine. Damit sind alle relevanten Informationen ortsunabhängig, remote und rund um die Uhr auf jedem Endgerät verfügbar. Das verbessert den Kundenservice und wirkt sich positiv auf die Kundenbindung aus.

Welche Trendthemen aus dem letzten Jahr werden bleiben?

Das Trendthema HPC (High Performance Computing) im Bereich Embedded Edge Computing wird uns auch 2021 weiter begleiten. Mit dem neuen Standard COM-HPC kann zukünftig eine umfangreiche Palette an Lösungen realisiert werden, die höchste Rechenleistung, große Speicherkapazitäten sowie hohe Bandbreiten benötigen. Das breite Anwendungsspektrum reicht von Edge Servern, AI/ML/DL-Lösungen in der Industrie, stationären Testern und mobilen Messgeräten, über Mobile Edge Computing für LTE/5G Netze bis hin zu Rugged-Computern für autonome Fahrzeuge wie Shuttle-Busse, Taxis oder Fahrzeuge im Agrar- und Schwerlast-Bereich, welche mit GPS und AI-Funktionalität vernetzt über 5G fahrerlos unterwegs sein werden. Hierzu planen wir erste COM-HPC-Server-Module mit Server-Class-Prozessoren für das 2. Halbjahr 2021.

Höchste Rechenleistung für die Virtualisierung und Konsolidierung von Applikationen, sowie die Beschleunigung von Rechenoperationen für Artificial Intelligence bieten auch die neuen industriellen Module, Boards und Systeme von Kontron, die mittels TSN (Time Sensitive Networking) in Echtzeit vernetzt werden können. Den offenen, industrieübergreifenden und herstellerunabhängigen Standard OPC UA over TSN sehen wir als essenzielle Grundlage für die erfolgreiche Digitalisierung in der Fabrik.

Was erwarten Sie vom neuen Mobilfunk­standard 5G?

Der neue Mobilfunkstandard 5G ermöglicht enorme Bandbreiten, Echtzeitanwendungen und eine große Teilnehmerzahl. Hinzu kommt der hohe Sicherheitsfaktor. Mit 5G lassen sich zudem private Netz­werke z.B. in Smart Factories realisieren. 5G-Netze sind hochgradig skalierbar und extrem anpassungsfähig. In privaten Industrienetzen kann mit diesem neuen Mobilfunkstandard ein drahtloses Backbone realisiert werden, beispielsweise um flexible Fertigungszellen, Roboter und AGVs sicher zu vernetzen.

Kontron verfügt im Bereich der „Mission Critical Communication“ über einen großen Technologiepool und kann für die weitere Adaption von 5G auf die langjährige Erfahrung seiner Communication-Teams aufbauen sowie Synergien nutzen. Einsatzfelder für 5G-Netze sind aber auch die drahtlose Steuerung und Überwachung von Maschinen und Geräten in industriellen Umgebungen mit geringster Latenz, z.B. in Verbindung mit TSN und OPC UA. Im Bereich der öffentlichen Sicherheit sowie bei Notfalldiensten wird sich die 5G-Technologie zur Plattform für die zuverlässige Kommunikation in Echtzeit entwickeln; auch hier verfügen die Communication-Spezialisten innerhalb der Gruppe über jahrelange Erfahrung.

Der private LTE- und 5G-Markt wird nach Prognosen von SNS Telecom zwischen 2020 und 2023 mit einer CAGR von 19 Prozent wachsen. Wir erwarten, dass dieser Trend bis 2030 anhalten wird.

Durch die Pandemie hat sich der Trend zum Homeoffice und zum Lernen auf Distanz rund um den Globus signifikant erhöht. Analog dazu steigt der Bedarf an Hochgeschwindigkeits-Verbindungen. Wir gehen daher davon aus, dass in den nächsten Monaten Investitionen in die Aufrüstung des Breitband-Zugangsnetzes auf 10G-PON (Passive Optical Network) -Lösungen steigen werden. Zahlreiche Kommunikationsdienstleister haben bereits 2020 mit der Aufrüstung ihrer optischen Zugangsnetze auf 10 Gigabit begonnen und Kontron unterstützt hier bereits mehrere Projekte. Ab 2021 ist laut Omdia Research mit einem weiteren starken Wachstum zu rechnen. Demnach wird sich 10G-PON innerhalb der nächsten zwei Jahre zur dominierenden neuen Festnetz-Breitbandzugangstechnologie entwickeln.

Was tut sich bei Kontron zum Thema Sicherheit im industriellen Umfeld?

IoT, IIoT sowie Industrie-4.0-Anwendungen gewinnen aufgrund der rasanten Marktentwicklung an Komplexität. Umso entscheidender wird in Zukunft die Rolle von FuSa (Functional Safety). In industriellen Umgebungen sind die Identifizierung und Bewertung von Risiken essenziell. Mit individuellen Lösungen lassen sich Fehler vermeiden und gefährliche Systemaus­fälle verhindern. Das gewährleistet den Schutz von Personen, verhindert aber auch die Beschädigung von Sachwerten. Um ein breites Spektrum an Sicherheitsfunktionen für unterschiedliche Einsatzfelder zu gewährleisten, entwickelt Kontron eigene Hardware-basierende „FuSa-ready“-Produkte, die ab Ende 2021 verfügbar sein sollen.

Die Medizintechnik ist ein Wachstumssegment. Was plant Kontron in diesem Bereich?

In der Medizintechnik wird das Protokoll SDC (Service-Oriented Device Connectivity) in Zukunft eine zentrale Rolle spielen. Kontron plant im Rahmen einer Mitgliedschaft beim OR.NET zukünftig auch die eigenen Produkte für den Medizinbereich mit SDC zu unterstützen. Der SDC-Standard stellt die grundlegende Interopera­bilität von Medizingeräten sicher. Das ermöglicht in verteilten Systemen das dynamische Finden von kompatiblen Vernetzungspartnern und sorgt für einen standardisierten und sicheren Datenaustausch. Komplexe Geräteparks und die Digitalisierung von Klinikabläufen sind eine Herausforderung für das Personal. Oft ist die Interoperabilität der Systeme nicht gegeben, was den Datenaustausch erschwert. SDC schafft neue Optionen, diese fehlende Interoperabilität zu unterstützen. Das verbessert die klinischen Abläufe und erhöht die Sicherheit der Patienten.

Wie blicken Sie aus der Sicht Kontrons und S&T auf 2021?

2021 wird aus technologischer Sicht ein spannendes Jahr. Die Pandemie wird uns voraussichtlich noch eine Weile begleiten und die Digitalisierung in vielen Bereichen weiter vorantreiben. Um unsere Kunden bei der Digitalen Transformation zu begleiten, sind wir als globaler, diversifizierter und finanz- und innovationsstarker, verlässlicher Partner bestens aufgestellt. Neue Applikationen werden Abläufe verändern und sicherer machen. Standards vereinfachen die Kommunikation zwischen Geräten sowie zwischen Mensch und Maschine. Davon werden wir alle profitieren.

Diesen Beitrag lesen Sie auch in der Fachzeitschrift ELEKTRONIKPRAXIS Ausgabe 3/2021 (Download PDF)

(ID:47086093)