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Aktion Elektronik hilft 2012 Wie Deutschland die Krisenregion am Horn von Afrika untersützt

Redakteur: David Franz

Wie das das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) die Krisenregion unterstüt und welche Herausforderungen auf die Betroffenen Gebiete noch zukommen, erklärt uns Bundesminister Dirk Niebel, Leiter des BMZ, in diesem Interview.

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Am 20. Juli jährte sich die Ausrufung einer Hungersnot in einigen Regionen Somalias: Dieses Datum markiert den dramatischen Höhepunkt einer schweren Dürre am Horn von Afrika.
Am 20. Juli jährte sich die Ausrufung einer Hungersnot in einigen Regionen Somalias: Dieses Datum markiert den dramatischen Höhepunkt einer schweren Dürre am Horn von Afrika.
(Bild: CARE/Brooks)

Während die Weltöffentlichkeit derzeit auf die Sahelzone in Westafrika blickt, wo ebenfalls eine Nahrungskrise schwelt, darf die weiterhin kritische Situation in Somalia nicht in Vergessenheit geraten. Trotz einiger Erfolge steht die Versorgung in Ostafrika immer noch auf schwachen Beinen, da die schlechte Sicherheitslage und der häufig schwierige Zugang zu den betroffenen Gemeinden die Hilfe erschweren. Somalia leidet immer noch unter den Nachwirkungen der Dürre des letzten Jahres, der schlimmsten, die die Region seit Jahrzehnten erlebt hatte. Viele Menschen von Somaliland bis Puntland und in den südlichen Regionen können die immer wiederkehrenden Dürren, meist während der Anbausaison zwischen März und Mai sowie die Lebensmittelkrisen aus eigener Kraft kaum mehr bewältigen.

Nach Angaben von FEWSNET wurden seit dem Jahr 2000 insgesamt sechs schwache Regenzeiten am östlichen Horn von Afrika verzeichnet. Nach Angaben des Büros zur Koordinierung humanitärer Angelegenheiten der Vereinten Nationen (UNOCHA) sind die Mangelernährungs- und Sterblichkeitsraten vor allem im Süden Somalias weiterhin gravierend hoch.

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Damit sich Somalia erholen kann, muss die internationale Gemeinschaft weiterhin großangelegte humanitäre Hilfe leisten. Nur so können Menschenleben gerettet, aber auch die Wiederherstellung von Existenzgrundlagen und der Zugang zur Grundversorgung gesichert werden.

Ohne ausreichende Unterstützung werden auch in Zukunft weiterhin Leben gefährdet und schließlich umso mehr Hilfe nötig, wenn die Situation sich rapide verschlechtert.

Wie das das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) die Krisenregion unterstützt und welche Herausforderungen auf die Betroffenen Gebiete noch zukommen, erklärt Bundesminister Dirk Nibel, Leiter des BMZ.

Herr Niebel, im letzten Jahr gab es eine schwere Hungersnot am Horn von Afrika. Wie ist die Lage heute?

Die gute Nachricht ist: Die akute Notsituation am Horn hat sich entschärft. Die internationale Unterstützung hat viele Leben gerettet. Zudem hat die Regenzeit Erleichterung gebracht. Die schlechte Nachricht ist: Es gibt immer noch Regionen, die auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind. Außerdem kommt die nächste Dürre bestimmt, dafür müssen wir schon jetzt vorsorgen.

Hat die internationale Gemeinschaft Ostafrika noch im Blick oder ist die Region schon wieder vergessen?

Nein, im Gegenteil. In Zukunft wollen wir nicht mehr die Folgen von Dürren bekämpfen, sondern verhindern, dass aus Dürren Hunger entsteht. Wir arbeiten an einer international abgestimmten Strategie mit, um die Widerstandskraft von Mensch und Natur am Horn von Afrika gegen Dürren zu stärken. Jeder Euro für solch nachhaltige Programme spart uns das vier- bis fünffache im Katastrophenfall.

Was macht das BMZ in Ostafrika, damit aus der nächsten Dürre nicht wieder eine Hungerkatastrophe wird?

Wir bauen in der Region eine Plattform auf, um nachhaltige, abgestimmte Programme und Investitionen für die trockenen Gebiete umzusetzen. Daran sind die Länder, regionale Organisationen und internationale Geber beteiligt. Das ist ein wichtiger Schritt, damit die vorhandenen Mittel koordiniert und wirksam eingesetzt werden. Dabei sind insbesondere auch grenzüberschreitende Programme wichtig, denn, in den trockenen Gebieten leben vielfach Nomaden von der Viehzucht. Bislang ist der grenzüberschreitende Viehhandel aber stark beschränkt. Bekommen wir diese Tür auf, verschaffen wir den Nomaden bessere Einkommenschancen. Vielleicht könnten so auch Handelszentren an den Grenzen entstehen, die weitere wichtige Dienstleistungen anbieten, beispielsweise in der Gesundheitsversorgung.

Was ist neben einer Dürre die größte Herausforderung für die Ernährungssicherheit am Horn von Afrika?

Dürren sind Naturkatastrophen, Hunger ist menschengemacht. Dafür gibt es viele Gründe: mangelnde Vorsorge, unproduktive Anbaumethoden, hohe Nachernteverluste, weil Lebensmittel falsch gelagert werden oder nicht rechtzeitig auf die lokalen Märkte kommen sowie fehlende Infrastruktur, um im Krisenfall schnelle Nahrungsmittel zu verteilen. Dazu kommen häufig schwache staatliche Institutionen, die eine koordinierte Krisenreaktion unmöglich machen. Mancherorts verhindert auch Korruption, dass staatliche und internationale Mittel die Menschen erreichen. In fragilen Staaten – Somalia, Südsudan – gibt es zudem viele Flüchtlinge und kein geordnetes Wirtschaftsleben. Ein kurzer Konflikt während der Aussaatphase kann noch Monate später dramatische Folgen haben.

Beim Stichwort Somalia fällt einem als nächstes Piraterie ein. Wie groß ist das Problem?

Auf Grund der grassierenden Piraterie werden internationale Handelsströme umgelenkt. Auch die Schiffe des Welternährungsprogramms sind bedroht – also jene, die Nahrungsmittel in die Krisenregion bringen sollen. Deshalb gibt es die internationale Mission ATALANTA, um die Frachter zu schützen. Ohne ATALANTA wäre die Lage der Menschen weitaus dramatischer.

Wie verwandelt man einen „failed state“ in einen „succeeding state“?

Am besten lässt man es erst gar nicht dazu kommen, dass die Staatlichkeit zerfällt. Der (Wieder-)Aufbau von staatlichen Institutionen, aber auch von sozialen Institutionen, wie Vertrauen, Rechtschaffenheit oder Toleranz, ist extrem schwierig und braucht viel Zeit. Wir können kein Land von außen entwickeln. Wir können aber denen, die eine positive Entwicklung wollen, beratend und finanziell zur Seite stehen.

Somalia, Sudan / Südsudan im Osten, Mali, Teile Nigerias und Nigers oder Guinea-Bissau im Westen – es scheint sich ein Band der Zerrüttung quer durch Afrika zu ziehen. Wie reagiert das BMZ?

In der Tat gibt es rund um die gesamte Sahel-Zone teils erhebliche Probleme. Und Deutschland wird diese nicht alleine lösen können. Wir setzen mit unseren internationalen Partnern auf Anreize. Staaten, die sich in Richtung Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bewegen, bekommen mehr Unterstützung. Die anderen weniger.

Mit diesem Sonderteil sammeln wir Spenden für unsere Initiative „Elektronik hilft“. Was kann privates Engagement angesichts der geschilderten Probleme bewirken?

Der Staat kann vieles, aber niemals alles allein. Wir sind auf die Zivilgesellschaft und die Wirtschaft angewiesen, wenn Entwicklungspolitik nachhaltig erfolgreich sein will. Deshalb ist ein Schwerpunkt meines Ministeriums „Mehr Engagement“. Wir wollen mehr Menschen für Entwicklungszusammenarbeit interessieren und ihre Unterstützung gewinnen. Deshalb freue ich mich über gut gemachte private Initiativen.

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