Suchen

Wie Corona die EMS-Industrie erschüttert

Autor / Redakteur: Dieter G. Weiss / Johann Wiesböck

EMS-Unternehmen müssen in diesem Jahr einen zweistelligen Umsatzrückgang verkraften. Wie es dazu kommt, analysiert die Corona-Studie von in4ma.

Firmen zum Thema

(Bild: PIRO4D auf Pixabay)

Einschneidende Veränderungen waren schon nach dem Ausbruch der Corona-Krise in Wuhan auch für die internationale Industrie vorhersehbar, ohne dass es jedoch möglich war, die Größe des Problems zu quantifizieren. Dementsprechend schauten die Unternehmensleiter in der Europäischen EMS-Industrie mit Sorge auf die Entwicklung und griffen nach jeder Information, die zur Abschätzung der Beeinflussung des eigenen Unternehmens verwendet werden konnte.

Es lag nahe, dass in4ma als Marktforschungsunternehmen hier von mehreren EMS-Unternehmen angesprochen wurde, diese Informationen zu erarbeiten. Anfang März wurde eine Gruppe von 27 EMS-Unternehmen im deutschsprachigen Raum ausgewählt, als Untersuchungsbasis zu dienen. Auswahlkriterium war, dass die Unternehmen bereits seit mehreren Jahren an der in4ma-EMS-Jahresstatistik teilgenommen hatten, also wesentliche Unternehmenszahlen bereits vorlagen und die Auftragsstruktur nach Märkten bekannt war.

Zudem wurden bewusst sowohl kleine, mittlere als auch große Unternehmen ausgewählt, da sich die Unternehmen nach Umsatzgröße unterschiedlich verhalten. Von den 27 ausgewählten Unternehmen sind 23 aus Deutschland, zwei aus Österreich und zwei aus der Schweiz. Fünf Unternehmen sind in der Umsatzgruppe XL (>50 Mio. Euro) angesiedelt, acht in der Umsatzgruppe L (20-50 Mio. Euro), 6 in der Umsatzgruppe M (10-20 Mio. Euro) und acht in der Umsatzgruppe S bzw. XS (<10 Mio. Euro). Eine Zusammenfassung der Meldegruppe ist in Tabelle 1 ersichtlich. Diese Gruppe erwirtschaftete 2019 einen Umsatz von fast 2 Milliarden Euro und beschäftigte 7.541 Mitarbeiter (Tabelle 1).

Die Umfragen waren als einfache Fragen formuliert, ohne das es einer besonderen Form bedurfte um sie zu beantworten. Vielmehr wurde dazu angeregt, möglichst viele Informationen zu kommunizieren um ein möglichst genaues Bild der Situation zu erhalten. In Summe waren vier Abfragen im Abstand von jeweils drei Wochen geplant. Diese vier Abfragen haben mittlerweile stattgefunden (27.3./17.4./8.5./29.5.), je nach Entwicklung kann es im Juni noch eine weitere Abfrage geben. Die folgenden Aussagen basieren auf den Ergebnissen der ersten drei Abfragen.

Entwicklung bei Krankenstand

Im März war die allgemeine Verunsicherung der Menschen extrem hoch. Zudem wurden Schulen und Kindergärten geschlossen und viele Eltern hatten ein Betreuungsproblem mit den Kindern. Dies führte dazu, dass viele Eltern nicht zur Arbeit kamen, Urlaub nahmen, Überstunden abfeierten oder sich krank meldeten. Da die typischen Symptome einer Corona-Infektion niemandem geläufig sind, kam zur Verunsicherung noch Angst hinzu. So schrieb ein Unternehmen mit einem Krankenstand von 30% in der Produktion dazu:

„Totale Verunsicherung der Mitarbeiter; wenn der Hals nur leicht kratzt, kommen die Mitarbeiter und fragen was sie machen sollen. Im Rahmen der Fürsorgepflicht müssen wir die Mitarbeiter dahingehend informieren, dass diese beim Hausarzt anrufen sollen. Dies führt regelmäßig dazu, dass dann die Mitarbeiter nach der Telefondiagnose 14 Tage arbeitsunfähig geschrieben werden. Das sind enorme Kosten, die vom Unternehmen getragen werden müssen. Wenn das weiterhin zunimmt, kann das Unternehmen nur durch 100% Kurzarbeit geschützt werden, da dann nur die Fixkosten als Minusbetrag anfallen.“ Dies führte zu einem rasanten Anstieg der Krankenquote bei den Unternehmen. Ein Drittel der Firmen hatte einen Krankenstand von über 10%, der Maximalwert lag bei 45%.

Nach der anfänglichen Panik beruhigte sich die Situation im April langsam. Einerseits hatten erste Unternehmen bereits Kurzarbeit angemeldet, andere hatten 6 Stunden Schichten eingeführt, die teilweise ohne Pause gearbeitet wurden. Dies führte zu einer Reduzierung des Problems der Kinderbetreuung. Im Angestelltenbereich arbeitete die Mehrheit der Mitarbeiter im Homeoffice.

Tabelle 1: Umsatz und Mitarbeiter der einzelnen Umsatzgruppen
Tabelle 1: Umsatz und Mitarbeiter der einzelnen Umsatzgruppen
(Bild: in4ma)

Die Produktion wurde so segmentiert, dass die Mitarbeiter möglichst keinen Kontakt zueinander hatten. Kritische Funktionen wurden so aufgeteilt, dass die entsprechenden Mitarbeiter in unterschiedlichen Schichten arbeiteten um einen 100% Ausfall zu verhindern. Die Firmeneingänge wurden so abgeriegelt, dass keine betriebsfremden Personen Zugang bekamen, ansonsten bleiben die Türen im Unternehmen offen, damit niemand Türgriffe als potenzielle Infektionsquellen anfassen musste. Abstandsregeln und zusätzliche Hygienemaßnahmen wurden definiert, kommuniziert und überwacht. Das alles lief sehr professionell und diszipliniert ab.

Die Mitarbeiter waren sich der besonderen Situation sehr bewusst und insbesondere bei den kleineren Unternehmen kam die Rückmeldung, dass eigentlich niemand krank sein wollte, um die Existenz des Unternehmens und damit des eigenen Arbeitsplatzes nicht zusätzlich zu gefährden. Dementsprechend ergab die dritte Auswertung im Mai dann auch ein weiteres Absinken der Krankenquote (Tabelle 2).

Tabelle 2: Krankenstand der Firmen nach Umsatzgruppen
Tabelle 2: Krankenstand der Firmen nach Umsatzgruppen
(Bild: in4ma)

Die reduzierten Mitarbeiterzahlen bei der zweiten und dritten Umfrage wurden durch den Wechsel eines Unternehmens der Umsatzgruppe XL verursacht, also nicht durch Personalabbau. Viele Firmen rechnen in den nächsten Wochen mit einer weiteren Normalisierung des Krankenstandes bzw. haben dies bereits erreicht. Der Höchstwert des Krankenstandes lag mit der dritten Umfrage bei 17%, nach 35% in der zweiten Umfrage und 45% in der ersten Umfrage. Generell sind Grenzschließung und das Problem Grenzpendler mittlerweile kein Thema mehr, die Mitarbeiter kommen mit Passierscheinen problemlos über die Grenze, haben aber teilweise mit zusätzlichen Wartezeiten zu rechnen.

Automotive und Medizinelektronik

Da zu erwarten war, dass die Corona-Krise insbesondere Einfluss sowohl auf die Kfz-Industrie als auch auf die Medizinelektronik haben würde, wurden die Umsatzgruppen in Bezug auf ihre Umsätze in diese Branchen untersucht (Tabelle 3).

Tabelle 3: Branchenanteile der Umsatzgruppen
Tabelle 3: Branchenanteile der Umsatzgruppen
(Bild: in4ma)

Gegenüber den normalen Umsatzanteilen je Marktbranche ist die Meldegruppe in der Kfz-Elektronik leicht unterrepräsentiert, denn in Deutschland liegt der Umsatzanteil der EMS-Industrie normalerweise bei 22,9%. Dafür ist die Medizintechnik leicht überrepräsentiert, die üblicherweise bei 9,2% liegt.

Aufgrund der Schließungen von vielen Automobilwerken war damit zu rechnen, dass Firmen mit einem hohen Anteil an Elektronik für die Kfz Industrie besonders von einem Einbruch des Auftragseingangs betroffen sein würden. Dies trat auch bereits mit der ersten Auswertung ein. Es wurden Liefertermine massiv nach hinten geschoben und die entsprechenden EMS Unternehmen gingen umgehend in Kurzarbeit. Bereits im April konnte gesagt werden, dass Unternehmen mit einem Anteil von mehr als 25% in der Kfz-Elektronik Kurzarbeit angemeldet hatten.

Andererseits erlebte die Medizinelektronik einen Aufschwung, ungeachtet ob es sich um Bauteile für Beatmungsgeräte handelte oder andere Medizinprodukte. Auftragsverdoppelungen, Vorziehen der Liefertermine bis hin zur Verzehnfachung des Auftragsvolumens wurden berichtet. Wer also nicht nur in die Kfz-Industrie sondern auch in die Medizintechnik lieferte, konnte das Minus der einen Branche mit einem Plus in der anderen Branche teilweise kompensieren. Andererseits traf es Firmen mit einem Anteil von mehr als 50% in der Kfz-Industrie besonders hart.

In der Industrieelektronik war bei vielen Unternehmen auch ein leichtes Plus zu verzeichnen, während der Bereich Luft- und Raumfahrt, hier insbesondere Lieferungen an Boeing und Airbus mit starken Lieferverschiebungen aufwartete.

Verfügbare Produktionskapazität

Die verfügbare Kapazität sank im März deutlich, primär durch den hohen Krankenstand der Produktionsmitarbeiter. Die anschließende Kurzarbeit sowie die Einführung von 6-Stunden-Schichtmodellen die Kapazität weiter reduzierte. Kapazitätsengpässe hat es dennoch nicht gegeben, da viele Firmen von Terminverschiebungen ihrer Kunden berichteten und die reduzierte Kapazität für die terminierten Aufträge ausreichend ist (Tabelle 4).

Tabelle 4: verfügbare Kapazität nach Umsatzgruppen
Tabelle 4: verfügbare Kapazität nach Umsatzgruppen
(Bild: in4ma)

Mittlerweile machen 30% der Unternehmen aus der Meldegruppe Kurzarbeit, in der zweiten Umfrage waren es noch 18,5%. Gewichtet man die Kurzarbeit nach Umsatz, dann sind es mittlerweile 85% des gemeldeten Umsatzes, bei dem Kurzarbeit geleistet wird. Es sind primär die Firmen der Umsatzgruppen XL und L, die in Kurzarbeit sind. In der Umsatzgruppe M gibt es keine Kurzarbeit, bei der Umsatzgruppe S/XS sind es 25%.

Entwicklung Auftragseingang

Bei der Aussage zum Auftragseingang kann man natürlich unterschiedliche Maßstäbe ansetzten. Man kann die Abweichung zum gleichen Monat des Vorjahres, zum letzten Monat oder zum Plan annehmen. Glücklicherweise haben die meisten Firmen mit ihren Meldungen die Auswahl gelassen. Es wurde, soweit möglich die Entwicklung zum gleichen Zeitraum des Vorjahres gewählt, welches auch bedeutet, dass der Rückgang zum Plan, der meist Wachstum vorsieht, noch größer ist.

In der Automotive-Sparte gab es Auftragsstornierungen und Verschiebungen im April gegenüber ursprünglich vorliegenden Aufträgen zwischen 45 und 75%, die dann auch Auslöser der Kurzarbeit waren. Wie drückte sich ein Meldeunternehmen aus: „Automotive ist ein Fall für die Intensivstation“. Lediglich bei den Firmen, die einen Anteil Automotive von weniger als 50% hatten, konnte dies durch positive Veränderungen der Auftragslage im Maschinenbau und in der Medizintechnik partiell kompensiert werden.

Einzelne Firmen meldeten Anfang Mai bereits leichte Besserungen, es ist jedoch eine Minderheit. In Summe ist der Trend weiterhin negativ. Viele Firmen sind der Meinung, dass der Mai nun die Bodenbildung ist (Tabelle 5).

Tabelle 5: Entwicklung des Auftragseingangs
Tabelle 5: Entwicklung des Auftragseingangs
(Bild: in4ma)

Wir halten diesen Optimismus für verfrüht, denn mit der dritten Abfrage wollten wir auch den prozentualen Anteil an Kunden der Meldefirmen wissen, die derzeit Kurzarbeit machen. Die Meldewerte lagen zwischen 0% und 90%. Ein einfaches Arithmetisches Mittel ergibt dann einen Wert von 30%, also vergleichbar mit der Meldegruppe. Auch hier war ein Trend zu erkennen, dass die kleineren EMS geringere Prozentzahlen an Kunden in Kurzarbeit meldeten, als die großen EMS-Unternehmen.

Gewichtet man die Meldezahlen mit den Umsatzzahlen der Meldefirmen, kommt ein Mittelwert von 53% Kunden von EMS-Unternehmen heraus, die derzeit in Kurzarbeit sind. Die Wahrheit wird vermutlich irgendwo zwischen den 30% und den 53% liegen. Dies bedeutet auch wesentliche Umsatzeinbußen, denn in der Mehrheit der Fälle wird dies nicht mehr bis Jahresende aufzuholen sein.

Die Beschaffungssituation

Der wesentliche Teil der Meldungen zur Beschaffungssituation betrifft die Transportlogistik. Da immer mehr Distributoren nun auch Zuschläge für Transport erheben und einzelne auch offizielle Schreiben dazu verschickt haben, stellen erste Firmen die Belieferung mit Leiterplatten aus Asien in Frage. Die Kostenerhöhungen machen bei manchen EMS ca. 3-5% der Materialkosten für einzelne Bestellungen aus, gleichzeitig kommt es bedingt durch den Transport zu 1-5 Tagen Verzögerung.

Bei Leiterplatten gibt es vereinzelt auch Verzögerungen von 1-2 Wochen. Zudem dürfte vielen Unternehmen mittlerweile das Schreiben der Firma Schoeller aus Wetter (PCB) vorliegen, die den Betrieb kontrolliert einstellen wird. Die EMS-Unternehmen kaufen insbesondere zeitkritische Leiterplatten wieder verstärkt in Europa ein. Es bleibt zu hoffen, dass die Firmen ein Single Sourcing in China mittlerweile als zu risikoreich erachten und den heimischen Leiterplattenherstellern einen Teil der Aufträge zukommen lassen, um lokale Anbieter zu haben.

Bei aktiven Bauelementen schmerzen weiterhin die Werksschließungen in Malaysia, Indien und Philippinen, bei Ferriten und induktiven Bauelementen in Nordafrika, bei den Steckverbindern massive Anstiege der Lieferzeit, bei Induktivitäten und Spulen Verknappung und bei Sicherheitsrelais ebenfalls Verzögerungen. Zudem berichtet ein Unternehmen von fast stündlichen Preiserhöhungen von aktiven Bauelementen aus Malaysia.

Zweistelliger Umsatzrückgang erwartet

Parallel zu den Abfragen in der Meldegruppe wurden regelmäßig weitere Unternehmen außerhalb der Meldegruppe angerufen um sich über die Situation zu informieren und mit den bisherigen Ergebnissen der Meldegruppe zu vergleichen und die Repräsentanz der Auswertung zu kontrollieren. Pauschal kann gesagt werden, dass sich für den deutschsprachigen Raum die Ergebnisse der Auswertung mit den telefonischen Informationen deckten.

Im europäischen Ausland außerhalb D-A-CH sah die Situation jedoch teilweise erheblich anders aus. Hier mussten viele Unternehmen zwangsweise das Unternehmen schließen und lediglich systemrelevante Produktionen (Medizintechnik) durften unter strengen Auflagen produzieren. Letztendlich sind so 8-12% der Kapazität in diesem Jahr verloren gegangen, die allerdings auch die Kunden betroffen haben. So muss mittlerweile von einem zweistelligen Umsatzrückgang in der Europäischen EMS-Industrie für 2020 ausgegangen werden. Er könnte in den Westlichen Ländern bis zu minus 14%, in den östlichen Ländern bis zu minus 8% und in D-A-CH bei ca. 8-10% liegen.

Erste Opfer in der EMS-Branche hat es auch schon gegeben. Zwei Unternehmen sind im März in Insolvenz gegangen. Die war einerseits ein sehr kleines Unternehmen in Norddeutschland, andererseits ein Kfz-Zulieferer im Südwesten Deutschlands, der sowohl eigene Produkte als auch 18% seines Umsatzes in EMS tätigte. Bei beiden Unternehmen kam die Insolvenz nicht wegen der Corona-Krise sondern primär aufgrund von „Vorerkrankungen“ und die Corona-Krise gab dann den Unternehmen nur den Rest. Es werden nicht die letzten Insolvenzen sein.

Diesen Beitrag lesen Sie auch in der Fachzeitschrift ELEKTRONIKPRAXIS Ausgabe 11/2020 (Download PDF)

in4ma erstellt diese Auswertungen sowie die EMS-Jahresstatistik für die Europäische EMS-Industrie. Finanziert wird die Arbeit über ein Crowd Funding (Sponsoring), welches in4ma seit Anfang des Jahres ins Leben gerufen hat. Derzeit werden diese Arbeiten von 19 EMS-Unternehmen in Europa finanziell unterstützt.

EMS-Power: Diese Unternehmen unterstützen die EMS-Jahresstatistik von in4ma
EMS-Power: Diese Unternehmen unterstützen die EMS-Jahresstatistik von in4ma
(Bild: in4ma)

Mehr Informationen und Zahlen finden Sie auf www.in4ma.de. Autor Dieter G. Weiss könne Sie persönlich treffen am 3. September auf dem 18. Würzburger EMS-Tag: www.ems-tag.de.

* Dieter G. Weiss von in4ma ist EMS-Marktforscher und analysiert seit vielen Jahren die Europäische EMS-Industrie.

(ID:46595455)