Komplexe Abläufe verwalten Werkzeuge für das Anforderungsmanagement

Autor / Redakteur: Susanne Mühlbauer, Gerhard Versteegen, Dr. Frank Keller* / Dipl.-Ing. (FH) Hendrik Härter

Anforderungsmanagement hat sich in der Automobilbranche bereits weitgehend etabliert. Doch ist es mit dem alleinigen Einsatz eines Werkzeuges zum Anforderungsmanagement nicht getan.

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( Archiv: Vogel Business Media )

„A Tool with a Fool still remains a Fool“ – diese Aussage hat sich über Jahre im Software-Engineering immer wieder bewährt. Um Fehler zu vermeiden, hat es sich bewährt die Handlungsweisen und Vorgehensweisen zu reglementieren bzw. in Prozessen festzulegen. Man spricht in diesem Kontext auch von Prozessmodellen. Bekannte Vertreter von Prozessmodellen sind:

  • Das V-Modell in seinen verschiedenen Ausprägungen (V-Modell 92, V-Models 97, V Modell XT). Dieses aus dem behördlichen Kontext stammende Vorgehensmodell ist hauptsächlich auf dem deutschen Markt anzutreffen.
  • Das Spiralmodell nach Barry W. Boehm, war früher mal relativ verbreitet, findet heutzutage kaum noch Beachtung.
  • Das Wasserfallmodell, nach wie vor häufig im Einsatz (so beinhalten zum Beispiel moderne iterative Vorgehensmodelle nach wie vor kleinere Wasserfallmodelle).
  • Der Rational Unified Process, ein Prozessmodell, das produktnah geprägt ist.

Alle diese Modelle beinhalten Anforderungsmanagement. Zum Teil wird dabei auch die Vorgehensweise im Anforderungsmanagement in verschiedene Tätigkeiten sowie die Artefakte, die von diesen Tätigkeiten erzeugt werden, beschrieben. Desweiteren definieren einige dieser Prozessmodelle gewisse Rollen, denen obige Tätigkeiten zugeordnet werden. Man sollte glauben, es wäre alles geregelt, nichts kann mehr schief gehen. Doch weit gefehlt. Die traditionellen Vorgehensweisen im Software Engineering haben nach wie vor Lücken, die zu Fehlern führen. Die Begründung dafür ist vielfältig:

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  • die immer höher werdende Komplexität von Software,
  • die immer kürzer werdende Lebenszyklen von Software,
  • die immer größer werdende Anzahl von parallel zu pflegenden Varianten,
  • die ständig steigende Anzahl von Stakeholdern,
  • die immer größer werdende Integration von Software und Systemen,

sind einige dieser Ursachen. So hat man zunehmend damit begonnen, sich mit UML-(Unified-Modelling-Language-)Diagrammen einen Überblick zu verschaffen. Problematisch ist jedoch, dass UML-Diagramme in erster Linie von den IT-Abteilungen erstellt wurden, jedoch nicht von den Fachabteilungen. Es kommt also immer häufiger vor, dass bereits nach der Beschreibung ihrer Anforderung die Fachabteilung keinen Überblick mehr darüber hat, was danach passiert.

Vielfältige Tool-Unterstützung

Das Angebot an Tools für das Anforderungsmanagement ist derzeit noch relativ übersichtlich. Marktführer ist Microsoft mit den Produkten Word und Excel. Professionelle Werkzeuge sind im Nutzwertkasten aufgeführt. Dieser Beitrag geht auf drei Produkte näher ein, die exemplarisch die derzeitige Bandbreite im Anforderungsmanagement widerspiegelt:

  • IRqA von QA Systems, das immer mehr Marktanteile, insbesondere im Automotive-Sektor, gewinnt,
  • TREND/Analyst von Gebit, das sich in erster Linie an den Entwickler richtet und
  • Cockpit von ARCWAY, das den Schwerpunkt auf die Kommunikation zwischen Fach- und IT-Abteilung legt.

IRqA gehört dabei zu den klassischen Produkten mit Fokus auf das Erheben, Verwalten und Managen von Anforderungen. Allenfalls die integrierte UML-Modellierungskomponente stellt hier ein Differenzierungsmerkmal zu anderen Produkten her. Man merkt dem Werkzeug jedoch an, dass es z.B. im Vergleich zu den Werkzeugen DOORS oder RTM Workshop eine wesentlich kürzere Historie hat. Die gesamte Handhabung sowie die deutschsprachige Oberfläche sind intuitiv und modern. Hier müssen die meisten anderen Werkzeuge erhebliche Einbußen in Kauf nehmen und haben gewöhnungsbedürftige und bedienerunfreundliche Oberflächen. Auch in der Preisgestaltung zeigt QA Systems Flexibilität.

Das Produkt ist sowohl auf den unterschiedlichen Windows-Plattformen als auch im UNIX/LINUX-Umfeld einsetzbar. Durch die Datenbankunabhängigkeit lässt es sich in existierende Softwareentwicklungslandschaften integrieren. Da IRqA sowohl mit englischer, als auch deutscher, französischer und spanischer Oberfläche verfügbar ist, lässt es sich international einsetzen. Damit hebt sich IRqA von anderen Anforderungsmanagementwerkzeugen ab, die meist nur in englischer Sprache zur Verfügung stehen.

IRqA unterstützt sowohl Impact-Analysen, als auch die erforderlichen attributsorientierten Auswertungen. Ferner können mit dem Produkt Vollständigkeits- und Komplexitätsanalysen durchgeführt werden. Mit einer Schnittstelle zu DOORS und CaliberRM kann mit anderen Anforderungsmanagementwerkzeugen kommuniziert werden. Ebenso wird das in der Automotive-Branche geforderte und von der HIS-Group entwickelte RIF-(Requirements-Interchange-Format-)Format vom Werkzeug unterstützt.

Modellbasierte Sprache als Grundlage

Zu den neueren Produkten gehört Cockpit des Berliner Produkthauses Arcway. Das Unternehmen ist ein Spin-Off des Hasso-Plattner-Instituts aus Potsdam. Die vom Gründer des Instituts Prof. Dr. Siegfried Wendt entworfene Methode FMC (Fundamental Modeling Concept) ist Basis von Cockpit. Hiermit liegt eine modellbasierte Sprache vor, die sowohl von der Fachabteilung, als auch von der IT-Abteilung verstanden wird. Dies verdeutlicht den Einsatz von Cockpit: Es eignet sich gut für die frühen Phasen eines Projektes, in denen man sich zunächst mit Hilfe eines so genannten Big-Pictures einen Überblick verschaffen möchte. Die Lösung von Arcway ist vergleichbar mit einer kleinen Development-Suite: Sie vereint Anforderungsverwaltung, Projektplanung, Architekturmodellierung und andere Funktionen in einer Lösung.

Den Entwickler im Fokus

Völlig andere Wege geht derzeit das Berliner Projekthaus Gebit Solutions mit TREND/Analyst. Bedingt durch die Historie, Gebit gehört zu den ersten JAVA-Pionieren, hat man ein Werkzeug entwickelt, das wie auch Cockpit von Arcway vollständig in Eclipse integriert ist und den Entwickler zur Zielgruppe hat. Oberste Zielsetzung bei der Entwicklung von TREND/Analyst war es, den Bruch zwischen fertiger Anforderungsspezifikation, meist in Form eines Lastenheftes, und Beginn der Implementierung vollständig zu eliminieren. Realisiert wird dies durch einen klassischen Roundtrip-Engineering-Ansatz, gekoppelt mit dem Single-Source-Prinzip. Das bedeutet, dass TREND/Analyst eng mit TREND/Framework gekoppelt ist und direkte Rückschlüsse zwischen formulierten Anforderungen und entwickeltem Code erlaubt. Gute Voraussetzung zum Einsatz von TREND sind natürlich MDD (Model-Driven-Development-)Projekte, idealerweise unter Eclipse in JAVA abgewickelt.

Kosten signifikant senken

Anforderungsmangement wird sich kurz bis mittelfristig neben der Automobilbranche auch in anderen Branchen etablieren. Die Begründung hierfür ist vor allem in den zunehmenden Outsorucing-Bestrebungen zu sehen. Das bedeutet letztendlich, dass Software nach wie vor in Deutschland geplant, beauftragt und überwacht wird, aber keine Entwicklung mehr erfolgt. Umso mehr ist es von Bedeutung, dass die Anforderungen klar spezifiziert sind.

Anhand der Tabellen 1 und 2 können die benötigten Fehlerbehebungszeiten mit internen Tagessätzen versehen werden. Der hier referenzierte Automobilkonzern konnte durch die Einführung eines professionellen Anforderungsmanagement innerhalb von zwei Jahren Einsparungen im signifikant siebenstelligen Bereich erzielen. Dabei wurde untersucht, wie lange es in den einzelnen Phasen eines Software-Entwicklungsprozesses dauert, einen Fehler zu beseitigen. Für die Beseitigung eines Fehlers im Lastenheft wurden 10 Minuten benötigt. Zwar sinkt die Anzahl der gefundenen Fehler in den Folgephasen, deren Beseitigung wird jedoch mit zunehmendem Implementierungsfortschritt immer aufwendiger und damit teurer. So schlägt beispielsweise die Behebung eines Fehlers beim Kunden bereits mit 100.000 Minuten zu Buche.

Durch die Einführung von Anforderungsmanagement konnte das Auftreten von Fehlern in späteren Projektphasen signifikant gesenkt werden und damit auch die Aufwände bzw. Kosten der Fehlerbehebung, wie Tabelle 2 verdeutlicht.

*Susanne Mühlbauer ist Senior Consultant bei der HOOD Group in München, Gerhard Versteegen ist Geschäftsführer der HLMC und Dr. Frank Keller ist Mitarbeiter am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam.

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