Angemerkt Wenn Autos selbstständig werden, sollen sie auch haften

Es war einmal eine Zeit, in der es noch richtige Autofahrer gab. Das waren ganze Kerle, die ihren fahrbaren Untersatz noch voll im Griff hatten, die nach Belieben Gas geben, schalten, bremsen und lenken durften – ohne Rücksicht auf Verluste! Und heute? Mehr und mehr wird aus dem Fahrer ein Gefahrener – chauffiert von einer, auf Hunderte von Steuergeräten verteilten Intelligenz seines immer selbstständiger werdenden Autos.

Thomas Kuther, Redakteur: „Wenn die individuelle Mobilität völlig autonom werden soll, muss rechtlich klar sein, wer im Schadensfall haftet.“
Thomas Kuther, Redakteur: „Wenn die individuelle Mobilität völlig autonom werden soll, muss rechtlich klar sein, wer im Schadensfall haftet.“
(Bild: VBM-Archiv)

Angefangen hat ja alles ganz harmlos: mit einem nervenden Assistenten, der mich mehr oder weniger freundlich mahnt, mich anzuschnallen. Dann kam der Regensensor, der bestimmt, wann der Scheibenwischer einzuschalten ist, und heute darf ich nicht einmal mehr das Licht selber ein- und ausschalten – mein Auto weiß schließlich besser, wann es Zeit dafür ist.

Heute schimpft mein Auto mit mir, wenn ich zu schnell fahre oder zu wenig Abstand halte, es ist absolut linientreu, wenn es darum geht, die Spur zu halten, und schon bald wird es für mich bremsen, lenken und Gas geben. Zur absoluten Untätigkeit verdammt werde ich dann meinem autonomen Gefährt (kommt das von Gefahr?) auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sein. Technisch machbar sind autonome Autos heute schon – aber die Technik hat die Rechtslage längst überholt.

Denn was ist, wenn mein vierrädriges Superhirn Fehler macht und das heilige Blechle meines Nachbarn schrottet, beim Abbiegen einen Rambo-Radler erledigt oder einen notorischen Linksfahrer aus dem Weg räumt? Nach dem Wiener Straßenverkehrsabkommen von 1968 muss jedes Fahrzeug stets von einem Menschen kontrolliert werden, der dann auch haftet – und das bin schließlich wieder ich.

Wenn mein Auto so erwachsen ist, dass es selbst und ohne mein Zutun andere schädigen kann, dann muss es auch strafmündig sein und haften, also Strafpunkte bekommen, Knöllchen, Schadenersatz und Schmerzensgeld zahlen oder im Extremfall sogar hinter Gitter.

Dass „der fundamentale Wandel der Technik Anpassungen des rechtlichen Rahmens zwingend erforderlich macht – und das EU-weit“ findet auch Jura-Professor Dr. Eric Hilgendorf von der Universität Würzburg. Mit seinem Team von der Forschungsstelle „RobotRecht“ befasst er sich im Rahmen des europaweite Forschungsprojekt „Automated Driving Applications and Technologies for Intelligent Vehicles“ – kurz AdaptIVe – mit dem brisanten Thema der Haftung autonomer Systeme.

Wegen Freiheitsberaubung, Nötigung und Körperverletzung vor dem Kadi verantworten müsste sich bei entsprechend geänderter Rechtssprechung dann sicher auch jener Porsche Cayenne, der Anfang des Jahres in Köln einen Autoknacker einsperrte, was bei diesem zu Schweißausbrüchen und Atemnot führte. Noch perfider aber sind die Ideen des Psychologieprofessors Dr. Sven Tuchscheerer von der TU Chemnitz: Sobald ein Auto feststellt, dass es gestohlen wurde, soll es im Sommer die Heizung und Sitzheizung auf höchste Stufe schalten, die Fenster schließen und die Klimaanlage ausschalten. Im Winter dagegen wird die Heizung aus- und die Lüftung eingeschaltet sowie alle Fenster geöffnet, um dem Autodieb den Spaß an seiner Beute zu verderben. Verständlich, dass die Bundesvereinigung selbstständiger Autoknacker vehement gegen solche Schikanen vorgeht.

Aber so langsam, wie die legislativen Mühlen nun einmal mahlen, werden wir wohl noch lange warten müssen, bis unser Auto voll haftet und wir das betreute Fahren unbekümmert genießen können ...

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Über den Autor

Dipl.-Ing. (FH) Thomas Kuther

Dipl.-Ing. (FH) Thomas Kuther

Redakteur, ELEKTRONIKPRAXIS - Wissen. Impulse. Kontakte.