Zukunft der Lieferketten Was uns die No-Covid-Strategie in China lehren könnte

Ein Gastkommentar von Stefan Böhler*

Die neue Coronawelle in Südchina hat aufgrund der in China geltenden No-Covid-Strategie zu sofortigen Lockdowns in zahlreichen Städten geführt – darunter wichtigen Produktionsstandorten wie Shenzhen oder Dongguan. Das wirft nicht nur kurzfristige Logistikpläne durcheinander, auch langfristige Konsequenzen sollten bedacht werden.

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Blick auf Shenzhen: Ein Covid-19-bedingter Lockdown in der Hafenstadt, die zugleich ein Zentrum der chinesischen Elektronikproduktion ist, hat spürbare Ausfwirkungen auf globale Lieferketten.
Blick auf Shenzhen: Ein Covid-19-bedingter Lockdown in der Hafenstadt, die zugleich ein Zentrum der chinesischen Elektronikproduktion ist, hat spürbare Ausfwirkungen auf globale Lieferketten.
(Bild: gemeinfrei / Unsplash)

Chinas Bedeutung im globalen Handel hat in den letzten Jahren enorm zugenommen. Nach Angaben von Eurostat bezog Deutschland im vergangenen Jahr acht Prozent seiner Importe aus China. Damit rangiert China auf Rang zwei der Lieferanten für Deutschland, nur übertroffen von den Niederlanden. Bei den Exporten rangiert China hinter den USA auf dem zweiten Platz, ebenfalls mit acht Prozent des Handelsvolumens. Die Behauptung ist nicht übertrieben: Wenn China niest, bekommen die globalen Lieferketten eine Grippe. Mit Sicherheit gilt dies für die Lieferketten zwischen China und Deutschland.

Bedeutung für die Elektronikbranche

Dabei sind die Zeiten lange passé, in denen China als „Werkbank der Welt“ lediglich einfachste Güter an seine internationalen Handelspartner lieferte. Mehr und mehr technisch anspruchsvolle Produkte und Unterteile, auch für die Elektronikindustrie, stammen aus China.

Die Auftragsfertigung von Elektronikprodukten ist in der Region Shenzhen besonders stark vertreten. Auf die Großregion Guangdong, zu der u. a. Shenzhen und Dongguan gehören, sowie Guangzhou und Foshan entfielen im Jahr 2021 Telekommunikationsexporte im Wert von 94 Milliarden Dollar. Bei Computern lag der Anteil mit 18 Prozent zwar geringer, bei Peripheriegeräten einschließlich Monitoren/Fernsehern jedoch mit 48 Prozent der Ausfuhren deutlich höher (Quelle: Allgemeine Zollverwaltung China). Kein Wunder also, dass kürzliche Produktionsbeschränkungen und zeitweilige Firmenschließungen in Shenzhen wegen der Covid-Pandemie globale Wellen geschlagen haben.

Inzwischen hat sich die Situation in Shenzhen an den Häfen und Terminals wieder weitgehend normalisiert. Auch weitere Hafensperrungen sind in dieser Region momentan nicht zu erwarten, allerdings beeinträchtigen die im Rahmen der strengen No-Covid-Politik häufig vorgeschriebenen Massentest noch Vor- und Nachlaufbereiche sowie Fabrikkapazitäten. Aufgrund lokaler Lockdowns kommt es immer wieder zu LKW-Engpässen, die sich im Anschluss negativ auf die maritime Supply Chain auswirken.

Neuer Lockdown in Shanghai

Dass die Gesamtsituation insgesamt hochdynamisch bleibt, zeigt der aktuelle Lockdown der Wirtschafts- und Finanzmetropole Shanghai mit ihren rund 26 Millionen Einwohnern. Shanghai ist Chinas größter Seehafen. In den letzten 12 Monaten entfiel auf diesen Haupthafen ein Anteil von 19 Prozent des gesamten Containerumschlags aller chinesischen Seehäfen (am Shenzener Hafen wurden im gleichen Zeitraum 11,3 Prozent umgeschlagen). Angesichts der Unterbrechungen, die durch frühere Covid-bedingte Schließungen und den Krieg in der Ukraine ausgelöst wurden, könnten zusätzliche Einschränkungen in Shanghai ein weiterer potenzieller Rückschlag für die Exporte aus China sein. Eine mögliche Hafensperrung in dieser Region würde sich sofort auf die Lieferketten in der Computer-, Automobil- und Medizinbranche auswirken.

Bereits jetzt haben Hersteller in der Stadt und in der umliegenden Region die Produktion in ihren Werken schnell geschlossen oder schrittweise eingestellt, darunter zwei der größten Automobilhersteller (auch Teslas Gigafactory). Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters musste darüber hinaus auch die Deutsche Post den Betrieb ihres Luftfracht-Drehkreuzes am Flughafen Shanghai zumindest vorübergehend bereits einstellen.

Elektronik-Exporte in Gefahr?

Bei den Exporten auf dem Luftweg aus dem Stadtbezirk stehen Elektronik, einschließlich PCs und Halbleiter, an erster Stelle, während bei der Seefracht Autoteile, elektrische Bauteile und Gebrauchsgüter, einschließlich Möbel, die Hauptrolle spielen. Auf Basis der Daten der Allgemeinen Zollverwaltung Chinas, die auf der Ebene der HS-4-Tarifcodes analysiert wurden, gehören Computer und Mikrochips zu den wertmäßig größten Exporten aus Shanghai: 2021 beliefen sich die Ausfuhren von Computern hier auf einen Wert von 26,8 Mrd. US-$ – das macht 13 Prozent der gesamten chinesischen Computerausfuhren aus. Die Ausfuhren von Mikrochips und Leiterplatten beliefen sich auf 26,2 Mrd. US-$ – das entspricht 17 Prozent aller chinesischen Ausfuhren.

Eine kurzfristige alternative Beschaffung für die wichtigsten aus Shanghai exportierten Produkte würde sich als schwierig erweisen – gerade Technologie-Lieferketten, insbesondere bei komplexen Produkten wie Computern, sind in der Regel regional integriert, was die Möglichkeit eines kurzfristigen Standortwechsels verringert. Dennoch könnten die Lockdown-Regeln natürlich auch flexibel genug sein und die Lagerbestände der Elektronikbranche ausreichen, um zumindest eine kurze Unterbrechung zu überstehen.

Die richtigen Lehren ziehen

Die Auswirkungen der Lockdowns in China sind also spürbar, und solange man weiterhin an einer No-Covid-Politik festhält, sind schlechte Nachrichten dieser Art immer wieder möglich. Letztlich stellen sie aber nur ein besonders signifikantes Beispiel für die Verletzlichkeit und mangelnde Flexibilität von Lieferketten dar.

Auf einem globalen Markt wird es immer zu vergleichbaren Herausforderungen wie durch die Pandemie kommen. Gerade für die technisch ambitionierte Elektronikbranche sollte es daher selbstverständlich sein, ihre Lieferketten zu digitalisieren.

Natürlich ist Digitalisierung längst in aller Munde, sie wird aber oft noch falsch verstanden – richtig verstanden muss sie nämlich als Top-Down-Ansatz und auf der Basis eines umfassenden Change-Managements erfolgen. Erst dann bedeutet Digitalisierung der Supply Chain, dass alle Prozesse, abgesehen vom tatsächlichen Transport physischer Güter, digitalisiert werden.

Digitalisierung bedeutet Informationsvorsprung und neue Handlungsspielräume

* Der Autor: Stefan Böhler, General Manager von Flexport Deutschland
* Der Autor: Stefan Böhler, General Manager von Flexport Deutschland
(Bild: Flexport)

Man mag einwenden, dass sich durch Digitalisierung physische Engpässe in den Lieferketten, ob geschlossene Flughäfen oder Produktionsstätten, nicht ausgleichen ließen. Dieser Einwand trifft sicher einen wichtigen Punkt, verfehlt aber die Tatsache, dass eine Digitalisierung der Lieferkettenprozesse zum wesentlichen Rückgrat eines optimierten Warenhandlings in Krisenzeiten werden kann. In Echtzeit und digital verfügbare Lieferkettendaten und -informationen sind in Sekundenschnelle analysefähig und schaffen eine neue Transparenz. Erst diese kann Lieferketten flexibel und resilient machen.

Um beim Auftreten von Störungen wirklich vorausschauende Lieferkettenentscheidungen treffen zu können, benötige ich eine fundierte Datengrundlage: Ich muss zu jeder Zeit wissen, wo sich meine Lieferungen gerade befinden und welche Beeinträchtigung wo genau vorliegt. Diese Informationen muss ich zudem schnell und effizient mit allen Beteiligten teilen können. Nur auf dieser Basis kann ich z. B. entscheiden, welche Lieferungen kurzfristig priorisiert werden müssen oder wie sich vorhandene Transportkapazitäten effizient nutzen lassen, um Auswirkungen von Störungen abzumildern.

Letztlich verfügt niemand über die sprichwörtliche Kristallkugel, um künftige Lieferkettenprobleme vorherzusagen. Aber die durch Digitalisierung mögliche Transparenz in allen einzelnen Gliedern der Lieferkette schafft neue Handlungsspielräume, die im Krisenfall entscheidend sein können.

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