Suchen

Was Messtechnik-Anbieter Rigol in Europa und Deutschland plant

| Redakteur: Dipl.-Ing. (FH) Hendrik Härter

Für den chinesischen Messtechnik-Anbieter Rigol gehört Europa und im Besonderen Deutschland zu den wichtigsten Märkten. Jetzt will Rigol den Fokus auf seine Kunden erweitern. Was das heißt und welche Bedeutung die selbstentwickelten Chipsets haben, lesen Sie im Interview.

Firma zum Thema

Von Messhardware zu Beratung, Kalibrierung und Spezialtrainings. Boris Adlung gibt einen Einblick in die Strategie von Rigol.
Von Messhardware zu Beratung, Kalibrierung und Spezialtrainings. Boris Adlung gibt einen Einblick in die Strategie von Rigol.
(Bild: Rigol)

Will ein chinesisches Messtechnik-Unternehmen in Europa Fuß fassen, dann reicht es nicht, billige Hardware in großen Stückzahlen auf den Markt zu schmeißen. Zumindest bei Rigol ist man sich bewusst, dass es auf Qualität und Langlebigkeit der Produkte, aber auch auf Eigenentwicklungen ankommt. Seit dem Jahr 2012 ist der Messtechnik-Anbieter Rigol auf dem deutschen und europäischen Markt unterwegs. Standen anfangs die reinen Produkte im Fokus, so will sich das Unternehmen jetzt verstärkt bei Applikationen und Service breiter aufstellen.

Was das bedeutet und was Rigol in den nächsten Jahren plant, haben wir mit Boris Adlung, verantwortlich für den Vertrieb und Marketing bei Rigol am Standort in Puchheim, besprochen.

Herr Adlung, Rigol will den Fokus auf seine Kunden erweitern. Was ist damit konkret gemeint?

Damit wir den Kundenbedarf auf dem Markt abdecken können, war unsere bisherige Ausrichtung stark auf die Entwicklung und Produktion von Messgeräten gerichtet. Das haben unsere Kunden von uns erwartet. Wir sehen allerdings, dass sich der Bedarf gerade bei Beratung und Kalibrierung sowie Spezialtrainings vergrößert hat. Unsere Firma wird deshalb auf diesen Bedarf eingehen und sich bei Applikation und Service noch breiter aufstellen. Umgesetzt haben wir das mit einem größeren Team in der Applikationsentwicklung aber auch durch die Zusammenarbeit mit besonderen Distributoren.

Seit dem Jahr 2012 ist Rigol in Europa und Deutschland aktiv. Wie hat sich das Geschäft für Rigol geändert und wie würden Sie den Einfluss auf den europäischen/deutschen Messtechnik-Markt beschreiben?

Das Geschäft hat sich massiv geändert. Dank unserer ständigen und intensiven Medienpräsenz sowie unseren stark gewachsenen Kundenstamm sind wir viel bekannter als zu der damaligen Zeit. Viele Kunden haben mit unseren Produkten sehr gute Erfahrungen gemacht und kaufen sie wieder. Wir haben uns nicht nur im semi-professionellen Umfeld sehr gut etablieren können, sondern ebenfalls in der Industrie mit unseren Produkten. Zu den wichtigsten Ländern in Europa gehören neben Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Polen. In Puchheim bei München unterhalten wir ein Büro inklusive Lager. Außerdem organisieren wir in Puchheim den Vertrieb der Messgeräte sowie alle Marketing-Aktionen für Europa und bearbeiten die technischen Applikationen sowie Service-Reparaturen und Kalibrieranfragen. Schließlich wird von Puchheim die komplette Logistik von China zu uns inklusive Verteilung zu unseren Partnern sämtlicher Produkte für den europäischen Raum abgewickelt.

So hat es Rigol ermöglicht, dass beispielsweise ein Spektrum-Analysator im privaten Umfeld für Funkamateure und Hobbyisten erschwinglich wurde. Heißt, mit Rigol steht Messtechnik in hoher Qualität und technisch ausgefeilten Funktionen für jedermann zur Verfügung. Doch dank uns kamen weitere Firmen aus Asien auf den Messtechnik-Markt, was die Marktsituation nicht erleichtert. Herkömmliche Anbieter haben sich – auch durch uns – mittlerweile anders aufgestellt. Hinzu kommen die immer komplexeren Produkte, weshalb wir unser Distributoren-Netz gezielt mit technisch versierten Neupartnern erweitern, wenn ein bestimmter Bereich noch nicht optimal abgedeckt ist.

Zur Abgrenzung gegenüber den Mitbewerbern gehören die verbauten Chipsets. Können Sie bitte einige Details zum analogen Front-End-Chip Beta Phoenics und dem Signal-Processing-Chip Ankaa geben?

Die Chipset-Entwicklung startete bei Rigol im Jahr 2007 und der erste Chipset wurde 2017 veröffentlicht. In den aktuellen Oszilloskop-Varianten hat Rigol die neue Architektur ULTRA VISION II mit dem selbstentwickelten Chipset integriert. Diese Plattform und der Chipset sind in den Oszilloskop-Varianten MSO8000, DS-MSO7000 und MSO5000 verbaut und sie werden auch für zukünftige Oszilloskope eingesetzt. Zwei ASICs sind für das Front-End und die Signalverarbeitung entwickelt. Um diese Chips wurde ein Hardware-Design mit einem Zync-7000-SoC-Prozessor von Xilinx und einem Dual-Core-ARM-9-Prozessor mit sehr hoher Performance geschaffen. Ein weiterer Bestandteil der Architektur ist der Hochgeschwindigkeits-DDR-Speicher sowie der QDRII-Bildschirmspeicher. Die Geräte arbeiten mit dem Betriebssystem Linux +QT.

Der Chipset besteht aus drei unterschiedlichen ICs: Dem Y-Phoenics (Gama-Phoenics): Dieser Chip wird in einen differenziellen Tastkopf verbaut. Die Besonderheit dieses Chipsets ist die sehr lineare flache Verstärkung des Signals bis zu einer maximalen Frequenz von 6 GHz. Außerdem ist die Trimmung der Linearisierung direkt in den Chip eingebaut was die lineare Verstärkung deutlich robuster gegen veränderte Umwelteinflüsse werden lässt.

b-Phoenics (beta-Phoenics): Dieses Chipset ist direkt im Oszilloskop pro Kanal als Front-End eingebaut. In diesem Chipset werden unterschiedliche Funktionen miteinander kombiniert, wie eine hohe Bandbreite, zwei Eingangsimpedanzen (1 MOhm, 50 Ohm), einen sehr schnellen Überspannungsschutz (Mikrosekunden), eine hochgenaue Verstärkung sowie eine integrierte Dämpfung für den Ein-MOhm-Pfad.

Schließlich noch Ankaa Chip: Dieser Chip bildet das zweite Front-End im Oszilloskop ab. Hier werden bei den Modellen MSO5000/MSO8000 und DS-MSO7000 die unterschiedlichen Signalwege für den jeweiligen A/C-Wandler geschaltet. Dieser Chip stabilisiert die Signalamplitude, um die beste Ausgewogenheit zwischen kleinste Signalverzerrung und größten Signal-zu-Rauschabstand zu erreichen.

Abschließend noch ein Blick auf die aktuelle Lage des Messtechnik-Marktes: Wo sehen Sie noch Möglichkeiten zu wachsen?

Weltweit ist der Markt der Mess- und Prüftechnik in den letzten zehn Jahren um ca. 10% pro Jahr gewachsen. Der Markt ist sehr dynamisch und die aktuelle Lage sehe ich trotz mehr Risiken in der Wirtschaft sehr positiv. Luft nach oben gibt es vor allem dort, wo mehr und höhere Frequenzen gefordert werden. Aber auch zusätzliche Funktion im Oszilloskop, Erweiterung des Produktportfolios oder Erweiterung der Applikationen. Potenzial sehen wir bei Rigol beispielsweise im Markt des Internet of Things (IoT), industrielles Internet of Things (IIoT), IIoT, Automotive oder regenerative Energien.

(ID:46206074)