Was ist geplante Obsoleszenz?

| Autor / Redakteur: Dr. Anna-Lena Gutberlet / Dr. Anna-Lena Gutberlet

Elektronikschrott in einer Recyclingfabrik: Eine Studie des Umweltbundesamts (UBA) hat die sogenannte „geplante Obsoleszenz“ von Elektronikgeräten nicht nachweisen können. Dennoch regt das UBA ein Mindesthaltbarkeitsdatum für die Geräte an.
Elektronikschrott in einer Recyclingfabrik: Eine Studie des Umweltbundesamts (UBA) hat die sogenannte „geplante Obsoleszenz“ von Elektronikgeräten nicht nachweisen können. Dennoch regt das UBA ein Mindesthaltbarkeitsdatum für die Geräte an. (Bild: Computerschrott.jpgVolker Thies/Wikimedia Commons / BY-SA 3.0)

Was ist Obsoleszenz und gibt es geplante Obsoleszenz wirklich? Wie kann man sie nachweisen?

Der Begriff Obsoleszenz stammt vom Lateinischen obsolescere ab, was so viel bedeutet, wie sich abnutzen, alt werden, aus der Mode kommen, an Wert/Ansehen verlieren und umfasst das gesamte Phänomen der Alterung von Produkten. Dies bedeutet, dass ein Produkt altert und dabei unbrauchbar wird oder veraltet, etwa weil bestimmte Funktionen schwächer werden, das Produkt seinen Zweck nicht mehr oder nicht im gewünschten Ausmaß erfüllt.

Die Gründe für die Alterung können dabei natürlichen oder künstlichen Ursprungs sein. Wichtig ist dabei zu unterschieden, ob die Lebensdauer oder die Nutzungsdauer endet. Diese verschiedenen Arten der Obsoleszenz können nach ihren Ursachen gegliedert werden und in die folgenden Grundformen eingeteilt werden. Diese werden jedoch oft unsauber getrennt oder auch vermischt.

Natürlicher Obsoleszenz vs. Nutzungsobsoleszenz

Tatsache ist, jedes Produkt unterliegt der Obsoleszenz, sprich der natürlichen Alterung aufgrund von material- und nutzungsbedingten Qualitätsverlusten. Die natürliche Produktalterung hängt einerseits vom Produkt und seiner Robustheit, andererseits von der Art und Situation der jeweiligen Nutzung ab – und ist somit auch vom Nutzer abhängig.

Wenn ein Konsument ein voll und uneingeschränkt nutzbares Produkt vorzeitig nicht mehr verwendet, wird von Nutzungsobsoleszenz gesprochen. Die Ursachen für die „nicht-Nutzung“ liegen in den individuell begründeten Verhaltensweisen und psychologischen Motiven. Nicht dazu gehören jedoch Verhaltensweisen, bei denen der Kunde von Unternehmen, z.B. durch Vermarktung oder ähnlichen Aktivitäten, gezielt zum Neukauf gebracht wurde (auch psychologische Obsoleszenz genannt).

Geplante Obsoleszenz

Unter geplante Obsoleszenz fällt eine vom Hersteller nicht publizierte, aber beabsichtigte, vorzeitig herbeigeführte Verringerung der Produktlebensdauer. Dazu gehört zum einen, dass ein Produkt vorzeitig, also vor der erwarteten natürlichen Alterung seine Funktion verliert. Und zum anderen, dass die Einführung eines neuen Produkts bzw. einer neuen Technologie dazu führt, dass ein funktionstüchtiges Produkt die Erwartungen des Nutzers nicht mehr erfüllt und dieser daher ein neueres kaufen will bzw. muss. Das Produkt wird somit schneller ausgetauscht, als es technisch notwendig wäre.

Auch erschwerte Reparaturmöglichkeiten durch Konstruktion, durch mangelnde Verfügbarkeit von Informationen oder durch Preisgestaltung spielen hier eine Rolle. Das Ziel ist es, den Verkauf neuer Geräte anzukurbeln. Das geschieht durch Strategien und Methoden von Herstellern, des Einzelhandels, des After-Sales-Bereichs sowie der Politik (prominente Beispiele hierfür sind die Abwrack-Prämie und das Glühbirnenverbot).

Unterkategorien geplanter Obsoleszenz

Oft wird die geplante Obsoleszenz in verschiedene Unterkategorien, z.B. funktionelle, qualitative, psychische, optische, politische oder ökonomische Obsoleszenz unterteilt.

Funktionelle Obsoleszenz: Im Fall der funktionellen Obsoleszenz bleibt das Produkt selbst zwar weiter funktionsfähig, kann aber durch neue Anforderungen nicht mehr im vollen Umfang genutzt werden. Funktionelle Obsoleszenz findet man vor allem in sich schnell verändernden Branchen wie der Computerbranche (z.B. kein Treiber für das vorhandene Gerät unter einer neuen Betriebssystemversion).

Ökonomische Obsoleszenz: Wenn ein Produkt noch zu reparieren ist, die Reparatur sich aber wirtschaftlich nicht lohnt, spricht man von ökonomischer Obsoleszenz (z.B. führen die hohen Reparaturkosten einer Waschmaschine zu einem wirtschaftlichen Totalschaden). Die Ursachen können in der Ausführung der Konstruktion, eines kosteneffizienten Werkstoffeinsatz (Zahnräder aus Plastik statt Metall bei Handrührgeräten) aber auch im Preisverfall liegen. Oft liegen die Gründe auch in relativ teuer gehandelten Ersatzteilen, Werkzeugen (das Smartphone lässt sich nur mit Spezialwerkzeug öffnen) oder Reparaturdienstleistungen.

Geplante Obsoleszenz vs. Sollbruchstellen

Nicht zu verwechseln ist die geplante Obsoleszenz mit sogenannten Sollbruchstellen. Diese werden absichtlich und vorausschauend in ein Produkt eingebaut, um die Sicherheit zu erhöhen.

Existiert geplante Obsoleszenz überhaupt?

Der geplante Verschleiß ist bis heute schwer nachweisbar. Zum einen müsste das Faktum der vorzeitigen Produktalterung und zum anderen die dahinterstehende Absichtlichkeit nachgewiesen werden. Doch wie misst man den vorzeitigen Produktverschleiß? Natürlich ist das Design eines Produktes kein Zufall, es ist geplant und somit liegt Absichtlichkeit vor. Jedoch gibt es entsprechende Gründe, wie Kosten oder Sicherheit, für die jeweilige Designentscheidungen.

Ein festverbauter Akku schließt beispielsweise Nutzungsfehler aus, verringert jedoch die Lebensdauer des gesamten Produkts auf die Lebensdauer des Akkus. Verschiedene Aspekte müssen bedacht und gegeneinander abgewogen werden. Auch die zwei Sonderfälle Technologierückhalt und inkrementelle Innovationen sind im Zusammenhang mit geplanter Obsoleszenz schwer nachzuweisen.

Mit Technologierückhalt ist gemeint, dass in sehr kurzer Zeit nachdem ein bestimmtes Modell auf den Markt gekommen ist neue Innovationen in einem neueren Modell erhältlich sind. Es wird der Verdacht geweckt, dass der Hersteller schon früher über diese Technologien, Produkte oder Komponenten verfügt hat, jedoch jede Innovation einzeln vermarkten will. Als Beispiele aus der Elektronikindustrie lassen sich neue Hardware-Features oder Softwareversionen nennen, die kurz nach Markteinführung des neuen Laptops/Smartphones auf den Markt kommen.

Inkrementelle Innovationen sind hingegen Innovationen, die keine technische Funktionsverbesserung oder -erweiterung darstellen. Dazu gehört, dass man beispielsweise neues Smartphone bzw. Zubehör kaufen muss, weil das Lade- oder Übertragungskabel defekt ist und die neuen Komponenten nicht mehr in die Buchse passen.

Unser Verhalten begünstigt den geplanten Verschleiß oft, denn neu ist besser als gut, einkaufen besser als reparieren und besitzen besser als nutzen.

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Literatur zum Thema geplante Obsoleszenz:

https://de.wikipedia.org/wiki/Obsoleszenzhttp://www.duden.de/rechtschreibung/ObsoleszenzDr. Renate Hübner, Geplante Obsoleszenz, Working Paper; https://media.arbeiterkammer.at/wien/PDF/studien/Geplante_Obsoleszenz_neu.pdf
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