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Produktsicherheitsnorm EN 62368-1 Was der gefahrenbasierte Ansatz für den Entwickler bedeutet

| Autor / Redakteur: Thomas Fiebig * / Dipl.-Ing. (FH) Hendrik Härter

Mitte 2019 wird die EN 62368-1 verbindlich und geht einen neuen Weg: den gefahrenbasierten Ansatz. Was das für einen Produktentwickler bedeutet und wie dabei das Drei-Block-Modell helfen kann, erklären wir im Beitrag.

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Sicherheit nach der EN 62368-1: Produkte aus Audio-, Video-, Informations- und Kommunikationstechnik werden künftig nach dieser Norm bewertet.
Sicherheit nach der EN 62368-1: Produkte aus Audio-, Video-, Informations- und Kommunikationstechnik werden künftig nach dieser Norm bewertet.
(Bild: Phoenix Testlab)

Die EN 62368-1 ist eine Norm für Produkte aus der Audio/Video-, Informations- und Kommunikationstechnik. Sie wird die beiden Normen EN 60950-1 sowie EN 60065 Mitte 2019 ablösen. Doch wie wird Sicherheit in der neuen Norm definiert? „Sicherheit bezeichnet einen Zustand, der frei von unvertretbaren Risiken ist oder als gefahrenfrei angesehen wird.“ Das sagt die freie Enzyklopädie Wikipedia. Sicherheit wird also als die Abwesenheit von Risiken und Gefahren verstanden.

Die Formulierung zeigt deutlich, dass es keine absolute Sicherheit gibt. Es lassen sich nicht alle Risiken und Gefahren vollständig vermeiden. Sicherheit ist damit ein relativer Zustand, der definiert und festgelegt werden muss. Für technische Geräte, Einrichtungen und Anlagen erfolgt diese Definition durch Richtlinien und Normen, in denen entsprechende Anforderungen und Grenzwerte festgelegt werden.

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Eine Norm wird ständig den Bedingungen angepasst

Eine Norm bleibt nicht unverändert. Im Laufe der Zeit wird sie aufgrund von Erfahrungen, neuen Erkenntnissen und der technischen Entwicklung überarbeitet und aktualisiert. Die kürzer werdenden Entwicklungszyklen bringen es mit sich, dass Normen immer wieder angepasst werden müssen. Zudem spiegelt eine Norm üblicherweise den Blick auf die Vergangenheit wieder, da sie die bereits gemachten Erfahrungen aufnimmt und die Anforderungen der Norm dementsprechend geändert werden. Neue und zukünftige Entwicklungen können dabei nur eingeschränkt Berücksichtigung finden.

Die Produktsicherheitsnorm EN 62368-1 versucht mit dem gefahrenbasierten Ansatz einen neuen Weg zu gehen. Im englischen Sprachgebrauch wird die Norm „Hazard Based Standard (HBS)“ bezeichnet. Ein Gerät wird dabei ganz allgemein als eine Quelle von mehreren möglichen Gefahren angesehen, die von ihm ausgehend auf Menschen, Tiere oder Gegenstände einwirken können. Der Zusammenhang zwischen den Gefahrenquellen und deren Einwirkung auf den Körper wird im „Drei-Block-Modell“ beschrieben. Der gefahrenbasierte Ansatz des Drei-Block-Modells geht davon aus, dass Schäden dann auftreten, wenn Energie ausreichender Stärke und Dauer aus einer Gefahrenquelle mit einer Übertragungsmöglichkeit auf einen Körper oder ein Material wirkt.

In der EN 62368-1 werden sechs Arten von Gefahren- bzw. Energiequellen definiert:

  • Elektrische Energiequelle (ES),
  • thermische Energie einer Leistungsquelle (PS),
  • mechanische Energiequelle (MS),
  • Temperatur einer thermischen Energiequelle (TS),
  • Strahlungsquelle (RS) sowie
  • chemische Gefahren.

Diese Energiequellen werden, bis auf die chemische Gefahr, bei der eine Einteilung in Klassen nicht sinnvoll ist, anhand ihrer Stärke jeweils in drei Klassen eingeteilt (Tabelle). Dabei entspricht die Klasse 1 einer Energiequelle mit einer so geringen Gefahr, dass kein Schutz erforderlich ist. Das kann beispielsweise eine elektrische Energiequelle ES1 sein. Allerdings kann eine Energiequelle der Klasse 3 Verletzungen bis zum Tod oder einen Brand verursachen. Bei der Definition der Energieklassen begegnen uns teilweise bekannte Grenzwerte wie die Spannungsgrenzen von SELV (Safety Extra Low Voltage) und der „Stromkreis mit Strombegrenzung“ für die Energieklasse ES1 einer Spannungsquelle.

Sicherheit wird in der EN 62368-1 dadurch erreicht, dass zwischen die Energiequelle und der Umgebung eine Schutzvorrichtung eingebracht wird. Damit soll die Wahrscheinlichkeit für Schmerzen und Verletzungen oder Sach- und Vermögensschäden verringert werden. Es wird verhindert, dass die Energie auf den Körper oder ein Material einwirkt oder die Energie so stark reduziert wird, dass keine Gefahr mehr besteht. Von der Art und Höhe der Energiequelle hängt es ab, was für eine Schutzvorrichtung erforderlich ist, um einen entsprechenden Schutz zu gewährleisten.

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