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Warum Zoom die Menschen so müde macht

| Autor / Redakteur: Michael Moorstedt* / Martina Annuscheit

Eingefrorene Gesichter und der Blick auf das eigene Doppelkinn: Videokonferenzen sind anstrengend. Mit „Zoom Fatigue“ hat dieser Überforderungszustand der Corona-Pandemie bereits einen Namen.

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Screenshot aus dem Twitter-Feed des Premierministers Boris Johnson, der an einer virtuellen Kabinettssitzung teilnimmt. In der Coronavirus-Krise explodierten die Nutzungszahlen von Videokonferenzdiensten wie Zoom.
Screenshot aus dem Twitter-Feed des Premierministers Boris Johnson, der an einer virtuellen Kabinettssitzung teilnimmt. In der Coronavirus-Krise explodierten die Nutzungszahlen von Videokonferenzdiensten wie Zoom.
(Bild: Boris Johnson/PA Media/dpa )

Wer braucht schon noch die Welt da draußen? Nicht wir, sagen die Organisatoren von Preisverleihungen und Festspielen in einer Mischung aus Trotz und Pragmatismus und verkünden stolz, dass ihre Veranstaltungen in diesem Jahr vollständig digital stattfinden. Videokonferenzen werden die Begegnung in Person ersetzen.

Für den postmodernen Wissensarbeiter ist die Corona-Pandemie der ungebetene Beweis dafür, wie sehr wir uns im Laufe der letzten Jahre schon zu virtuellen Wesen gewandelt haben. Die Technologie in Form von Zoom, Skype und Whatsapp verhilft dem Menschen einmal mehr dazu, nervige biologische Zwänge zu überwinden.

Nach fünf Wochen der Selbstisolation – oder sind es sechs? – scheint die Begeisterung der Menschen darüber jedoch deutlich nachzulassen. Wer schon mal sechs Stunden am Tag in wechselnden Videokonferenzen saß oder bereits zum x-ten Mal zu einem virtuellen Trinkgelage eingeladen wurde, kennt das Gefühl. Weil der Mensch der Gegenwart ja hinlänglich Erfahrung mit Überforderungszuständen hat, gibt es auch bereits einen Namen für die neue Dysfunktion: Zoom Fatigue – benannt nach der Software, deren Nutzerzahl von zehn Millionen im vergangenen Dezember auf mehr als 300 Millionen angestiegen ist.

Aber woher kommt diese Ermüdung? Weil das Medium wie immer auch die Message ist, lohnt es sich, über die Eigenheiten der Videokommunikation nachzudenken. Da ist zum Beispiel die Tatsache, dass sich die Teilnehmer eines Videochats nie wirklich in die Augen sehen können. Damit das Gegenüber das Gefühl hat, angesehen zu werden, muss man direkt in die Kamera schauen. Was wiederum zur Folge hat, dass der Gesprächspartner aus dem Blickwinkel gerät.

Der Technikphilosoph Michael Sacasas bezeichnet diesen Zustand als „Uncanny Valley“ der Kommunikation. Jenes unheimliche Tal bezeichnet den Effekt, dass die Akzeptanz von Technik ab einem gewissen Grad von simulierter Authentizität ab-, statt zunimmt. Und Videokonferenzen bieten auch abseits von eingefrorenen Gesichtern eine ganze Menge praktischer Beispiele dieses Phänomens. Etwa die Tatsache, dass man sich, ist die Kamera eingeschaltet, immer auch selbst in einem kleinen Fenster am unteren Bildrand sieht. Man wird also zu gleichen Teilen beobachtendes Subjekt und Objekt der Beobachtung. Ganz zu schweigen davon, dass die eigene Webcam in den seltensten Fällen in einem vorteilhaften Winkel auf das eigene Gesicht eingestellt ist. Stundenlang auf das eigene Doppelkinn zu blicken, kann durchaus dazu führen, sich inadäquat zu fühlen.

Dann gibt es natürlich auch noch offensichtlichere Eigenheiten. Man kann Verabredungen etwa schlechter mit Ausreden absagen, weil ja jeder weiß, dass man ohnehin nur zu Hause in Quarantäne sitzt. Schwerer wiegt dagegen die manchmal doch eher schmerzhafte Simulation von Nähe. Jedes Mal, wenn wir die Software anschalten, führt sie uns buchstäblich vor Augen, was nicht mehr da ist, was nicht mehr sein darf. Das gilt freilich eher für die Videogespräche mit den Eltern, die ihre Enkel seit Wochen vermissen, als für das Wochengespräch mit dem Vorgesetzten.

Trost versprechen ausgerechnet jene Botschaften, die man sonst ärgerlich weggeklickt hat. Es sind die automatisierten Geburtstagswünsche, die Rabattversprechen und Abo-Aufrufe von Banken, Mietwagenfirmen und Versandhändlern, die uns daran erinnern, dass es tatsächlich ein „Vorher“ gegeben hat. In Zeiten der permanenten Hiobsbotschaft kann eine ungefragt ins Postfach eintrudelnde Werbemail jedenfalls unerhört anrührend sein. Trotz der Krise laufen die Skripte und Programme, die den Spam versenden, anscheinend einfach weiter. Ganz so, als hätte jemand in den Verteilzentren der globalen Werbeindustrie vergessen, den Off-Schalter zu drücken, bevor auch er das Licht ausgeschaltet und sich ins Home-Office verabschiedet hat.

Originalveröffentlichung auf SZ.de vom 27.04.20

* Der Autor Michael Moorstedt schreibt als freier Journalist für das Portal Süddeutsche.de.

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