Gastkommentar Warum Ihnen Ihr Pflichtbewusstsein zum Verhängnis werden kann

Redakteur: Martina Hafner

Es gibt kaum ein Experiment in der Psychologie, das die Schattenseite menschlichen Pflichtbewusstseins so sichtbar macht wie das Milgram-Experiment. Es zeigt, dass Menschen bereit sind, aus Pflichtbewusstsein anderen Menschen zu schaden. Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus für die Projektarbeit ziehen?

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"Es ist notwendig, Regeln zu definieren und konsequent durchzusetzen. Gerade deshalb ist es auch wichtig, diese Regeln immer wieder kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls zu ändern". Peter Siwon ist Trainer und Coach mit dem Schwerpunkt "die menschliche Seite des Projekterfolgs". Kontakt: www.die-menschliche-seite.de.
"Es ist notwendig, Regeln zu definieren und konsequent durchzusetzen. Gerade deshalb ist es auch wichtig, diese Regeln immer wieder kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls zu ändern". Peter Siwon ist Trainer und Coach mit dem Schwerpunkt "die menschliche Seite des Projekterfolgs". Kontakt: www.die-menschliche-seite.de.
(Foto: foto art Elisabeth Wiesner)

Französische Forscher veröffentlichten 2010 die Ergebnisse des jüngsten Experiments zu diesem Phänomen. Gemeinsam mit einem Regisseur übertrugen sie das Experiment auf eine Reality-Spielshow. 80 Spieler wurden aus einem Pool von 2600 Menschen so ausgewählt, dass verschiedene Alters- und Berufsgruppen, sowie Männer und Frauen vertreten waren.

Die Spieler sollten anderen angeblichen Mitspielern (eingeweihte Personen) Fragen stellen und sie mit (vorgetäuschten) Elektroschocks für falsche Antworten bestrafen. Dabei wurde nach und nach die Spannung erhöht. Kamen den Spielern Zweifel an der Strafmaßnahme, wurden sie von der Showmasterin darauf hingewiesen, dass sie bitte die Regeln befolgen sollen.

Das erschütternde Ergebnis: Je nach Spielgestaltung waren bis zu 70 Prozent der Probanden bereit, bis zur maximalen (tödlichen) Spannung von 460 Volt zu gehen. Damit bestätigte dieses Experiment die Ergebnisse Milgrams. Interessant ist, dass diese Personengruppen nach acht Monaten angerufen wurden, um einen als Meinungsumfrage getarnten Persönlichkeitstest durchzuführen.

Die Befragung diente dazu, die Ausprägung der wesentlichen Persönlichkeitsmerkmale Extraversion, Neurotizismus, Offenheit für Neues, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit festzustellen, bekannt unter dem Begriff „Big Five“ als die fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit nach dem Persönlichkeitsinventar von Costa und McCrae. Anschließend wurde analysiert, ob es auffällige Zusammenhänge zwischen diesen Merkmalen und dem Verhalten im Experiment gab.

Tabelle: „Big Five“ – die fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit nach dem Persönlichkeitsinventar von Costa und McCrae
Tabelle: „Big Five“ – die fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit nach dem Persönlichkeitsinventar von Costa und McCrae
(Bild: VBM-Archiv)
Demnach begünstigen hohe Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit offensichtlich die Bereitschaft Regeln einer Autorität zu befolgen, auch wenn sie solche Grausamkeiten fordert. Besonders auffallend ist, dass diese Eigenschaften normalerweise vorteilhaft und mit eher geringer Neigung zu Aggressivität verbunden sind. Menschen dieses Charakters konsumieren weniger Drogen, sind seltener kriminell und verfügen über eine höhere Bildung.

Das grausame Verhalten im Spiel wurde also sehr viel stärker durch die Bereitschaft zu regelkonformem Verhalten geprägt als durch sadistische Züge. Sozialer Druck durch Mehrheiten oder Autoritäten üben gerade auf gewissenhafte, harmoniebedürftige und konservative Menschen einen starken Einfluss aus. Dadurch werden Skrupel, eigene Wertevorstellungen oder Mitgefühl zugunsten konformen Verhaltens unterdrückt.

Fazit für die Projektarbeit: Genauso wie es wichtig ist, Regeln zu definieren und auf deren Einhaltung zu bestehen, ist es auch von großer Bedeutung, diese Regeln auch immer wieder kritisch zu hinterfragen und ihre Gültigkeit vor dem Hintergrund von Werten wie Menschlichkeit, Mitgefühl und Toleranz zu überprüfen. Das Experiment zeigt auch die hohe Verantwortung von Führungskräften und Meinungsmachern. Sie haben die Pflicht, gesundheitliche, soziale, moralische und ethische Grenzen zu integrieren oder wirksame Instanzen zu schaffen, die für diese Aspekte eintreten.

Andernfalls kann die Anwendung von Regeln, die z.B. den Erfolg ohne Wenn und Aber zur Maxime erheben, gerade in den Händen der Pflichtbewussten zu gefährlichen Auswüchsen führen. Andererseits zeigt das Experiment, wie notwendig es ist, Zweifel ernst zu nehmen und die Gründe zu hinterfragen. Oft sind wir zu schnell mit Urteilen wie "Querulant" bei der Hand. Auch wenn es manchmal unangenehm sein mag, zu hören, dass zum Teil liebgewordene Regeln ihre Schattenseiten haben, leisten diese Menschen einen sehr wertvollen Beitrag. Sie helfen uns, dass das Gleichgewicht zwischen Regelkonformität und Menschlichkeit erhalten bleibt.

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