Kommentar von Georg Steinberger, FBDi Warum Freiheit wichtiger ist als Freihandel

Von Georg Steinberger*

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und der menschengemachte Klimawandel beeinflussen die Weltordnung, die Globalisierung und die High-Tech-Industrie. Trotzdem ist die Wirtschaftselite des 21. Jahrhunderts bislang unfähig, eindeutig Position zu beziehen und geeint zu handeln.

"Bei allem Fortschritt, den unsere geliebte Hightech-Industrie in den letzten Jahrzehnten erzeugt hat, und den unglaublichen Meisterleistungen – Mikroelektronik, KI, Virtuelle Realität – sie hat zur Verschärfung des Klimawandels und des Raubbaus massiv beigetragen."
"Bei allem Fortschritt, den unsere geliebte Hightech-Industrie in den letzten Jahrzehnten erzeugt hat, und den unglaublichen Meisterleistungen – Mikroelektronik, KI, Virtuelle Realität – sie hat zur Verschärfung des Klimawandels und des Raubbaus massiv beigetragen."
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Das Zitat „Freiheit ist wichtiger als Freihandel“ stammt vom Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg und lautet vollständig: „Freiheit ist wichtiger als Freihandel. Der Schutz unserer Werte ist wichtiger als Profit.“

Ende Mai auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, das ganz im Zeichen des russischen Krieges gegen die Ukraine stand, legte der Norweger damit den Finger in die größte Wunde der Weltwirtschaft, die sich seit langem wegduckt vor den Problemen der Menschheit, an denen sie nicht unschuldig ist: Den Klimawandel jahrzehntelang geleugnet und verschlimmert, und selbst angesichts eines feigen Angriffs auf einen freien Staat nicht in der Lage, eindeutig Position zu beziehen – das ist die ewiges Wachstum propagierende Wirtschaftselite des 21. Jahrhunderts.

Ein echtes Umdenken der Wirtschaft ist erforderlich

Man wird sehen, ob die starken Worte tatsächlich dazu führen werden, dass ein echtes Umdenken in der globalen Wirtschaft einsetzen wird, oder ob das eigene (Profit-)Hemd wichtiger bleibt als die (Überlebens-)Hose der Menschheit. Was sich derzeit abzeichnet, lässt zumindest hoffen, dass die Spielregeln ein wenig umgeschrieben werden, zumindest was den Umgang mit Autokratien betrifft.

Die nächsten Jahre werden zeigen, ob das heuchlerische „Wandel durch Handel“ tatsächlich durch ein ehrlich(er)es „Handel nur mit Wandel“ ersetzt wird. Jedenfalls bringt der russische Krieg alles auf den Tisch, was für unser gemeinsames Überleben in den nächsten Jahren wichtig sein wird.

Die seit 30 Jahren im Turboverfahren betriebene Globalisierung hat nicht nur den Raubbau an der Erde und ihren beschränkten Ressourcen sowie den Klimawandel verschlimmert, sondern auch die Ungerechtigkeiten weiter verschärft – es gibt eine geradezu perverse Entkopplung der Eliten (egal wo) von den Massen, die schon Johan Galtung, der norwegische Vater der Friedens- und Konfliktforschung, 1971 formuliert hat.

Im Jahr 2022 sind wir an einem Punkt angelangt, wo wir als Menschheit auf der einen Seite eigentlich mehr Globalisierung und Zusammenarbeit brauchen, um die selbst verursachten Probleme zu lösen, auf der anderen Seite aber die bestehende Globalisierung in Frage stellen, weil Nationalismus, Autokratie und Dominanzgebaren eine neue Blockbildung wie zu übelsten Zeiten des Kalten Krieges geradezu erzwingen (was wäre denn die Alternative?).

Die strategische Unabhängigkeit wird vorangetrieben

In den USA und der (auf dem Autokraten-Auge) zynisch-blinden Europäischen Union werden Pläne zur strategischen Unabhängigkeit auf verschiedenen Gebieten vorangetrieben, sei es im Energie- oder Hightech-Bereich, und die Gegner sind – falls man das noch so nennen kann – „Systemkonkurrenten“ wie Russland und China.

Die Entkopplung komplexer und umfassender Lieferketten ist nicht nur nicht trivial, sondern wird auch extrem teuer, da sie wohl enorme Re-dundanzen schaffen wird. Und sie wird auch nicht vollständig möglich sein, denn eine Produktion braucht Rohmaterialien, die nicht immer dort verfügbar sind, wo der vermeintliche Freund sitzt. Am „einfachsten“ ist da wohl noch das Vorenthalten von geistigem Eigentum, speziell in Schlüsseltechnologien wie der Mikroelektronik. Hier will man Kriegsmaschinerien und die dahinterstehenden Regime stoppen oder die eigene Marktdominanz sichern.

Georg Steinberger, Vorstandsvorsitzender des FBDi: „Der Westen darf seine eigenen Werte nicht weiter mit Füßen treten.“
Georg Steinberger, Vorstandsvorsitzender des FBDi: „Der Westen darf seine eigenen Werte nicht weiter mit Füßen treten.“
(Bild: FBDI )

Diese Entkopplung und Re-Regionalisierung, so sie denn kommt, betrifft die gesamte weltweite Wirtschaft. Sie beantwortet aber nicht die großen Fragen der nächsten 20 Jahre – Ressourcen-Raubbau, Klimawandel, Vermüllung der Welt, Knappheiten – sondern dient einzig der Systemabsicherung beziehungsweise der Sicherung der freiheitlichen Werte. (Das hört sich sehr zynisch an und ist auch so gemeint, obwohl ich ganz tief in mir glaube, dass es diese gibt und nur der Westen ein Interesse an ihnen hat.)

Systemkampf Autokratie versus Demokratie

Welche Konsequenzen der derzeitige Krieg und der dahinter liegende Systemkampf „Autokratie versus Demokratie“ heute schon haben, kann man jeden Tag in der Zeitung lesen: Inflation, teure Energie, Lebensmittelknappheit, unterbrochene Lieferketten, Rezession/Stagnation.

Es werden noch einige längerfristige hinzukommen, etwa der Kampf um wichtige Rohstoffe, Protektionismus, Nationalismen, Extremismus, etc. Es klingt geradezu absurd: Die gegenwärtigen Entwicklungen drängen derart in die falsche Richtung, dass die Beantwortung der genannten großen Fragen schwieriger wird und wir im Jahresrhythmus wichtige Kipp-Punkte reißen werden.

Deshalb, auch ohne Russland-Krieg und US-China-Handels- bzw. Systemkonflikt, wäre ein „weiter so“ nicht mehr lange gut gegangen. Die Erde ist ein Planet und damit ein geschlossenes System, deshalb kann es kein ewiges Wachstum mit überbordendem Verbrauch aller Ressourcen der nächsten 1.000 Generationen geben, auch wenn das in Davos niemand gern hört.

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Die Ökosysteme können sich nicht mehr regenerieren

Heute verbrauchen wir knapp 8 Milliarden Menschen das Äquivalent von 1,7 Erden pro Jahr – am schlimmsten dabei die G7-Staaten. Das umfasst sämtliche Rohstoffe, auch diejenigen, die nach Dennis Meadows („Die Grenzen des Wachstums“) bis Ende des Jahrhunderts aufgebraucht sein werden, so oder so. Und bei allem Fortschritt, den unsere geliebte Hightech-Industrie in den letzten Jahrzehnten erzeugt hat, und den unglaublichen Meisterleistungen – Mikroelektronik, KI, Virtuelle Realität – sie hat zur Verschärfung des Klimawandels und des Raubbaus massiv beigetragen.

Bis allerspätestens 2050, wenn 10 Milliarden Menschen und die sie versorgende Natur in Würde überleben wollen, muss das Ziel jeglicher Innovation lauten: weniger Material, weniger Energie, volle Kreislaufwirtschaft, also „just one planet“. Sonst ist sie irrelevant.

Die größte Gefahr ist der Mensch selbst

Das größte Hindernis auf dem Weg dahin sind wir selber, und zwar jeder einzelne, aber auch das System aus hirnlosem Konsum und sofortiger Verfügbarkeit, das wir geschaffen haben. Welches Maß an Komplexität und Hybris können wir uns noch leisten? „Freiheit ist wichtiger als Profit“ ist nicht nur die Aufforderung, Autokraten die Stirn zu bieten, sondern auch die Aufforderung an den Westen, die eigenen Werte nicht weiter mit Füßen zu treten. Die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen ist nicht deshalb besser, weil sie demokratisch organisiert ist.

* Georg Steinberger ist Vorstandsvorsitzender des FBDi

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