Brexit-Folgen

Warum England jetzt einen Mose braucht

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Ein europäisches Singapur könnte entstehen

Man stelle sich vor: In zehn Jahren wäre in England ein „europäisches Singapur“ entstanden mit einem unverändert schlagkräftigen Finanzzentrum. Ergänzt um Innovationscluster in diversen Bereichen, attraktiv für die jungen „high potentials“ (Hochqualifizierte) aus aller Herren Länder. Heruntergekommene Industrieregionen Nordenglands beleben sich durch agile Startups.

Deregulierung, niedrige Steuern, einfache und transparente Bürokratie machen England zum neuen Star unter den Volkswirtschaften. Industrieansiedlungen lohnen sich trotz EU-Einfuhrzöllen. So unwahrscheinlich ist das nicht: Bei der Unabhängigkeit 1965 hat kaum jemand etwas auf den jungen Staat Singapur gegeben. Seine Ausgangslage war ungleich schwieriger als die des UK heute. Also zu schaffen wäre das, wenn es politisch gewollt ist.

Als ersten Schritt in diese Richtung kann man die Ankündigung des britischen Schatzkanzlers George Osborne vom 3.7.2016 interpretieren, die Körperschaftssteuer von derzeit 20 Prozent deutlich senken zu wollen, ausdrücklich um angesichts des Brexit Investitionen im UK anzuregen (theguardian.com: 3.7.2016).

Neben der Schweiz und den EWR-Staaten (Island hat seinen EU-Beitrittsantrag 2015 zurückgezogen) gäbe es dann ein weiteres und diesmal großes wohlhabendes Land mit (auch ohne Schottland) noch ca. 60 Millionen Einwohnern, dessen ökonomischer Erfolg außerhalb der EU attraktiv wirkt und Nachahmer ermuntert.

Die Annahme dieser gewaltigen Herausforderung sollte für die EU sicher nicht darin bestehen, das UK verkleinern zu helfen. Doch daran scheint man Gefallen zu finden in Brüssel: Wenige Tage nach dem Referendum wurde die Chefin der politisch links stehenden Scottish National (!) Party (SNP), Nicola Sturgeon, First Minister der schottischen Regionalregierung, öffentlichkeitswirksam aufgewertet.

Sie wurde hochrangig sowohl von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und dem Präsidenten des Europäischen Parlaments Martin Schulz medienwirksam empfangen. In Schottland hatten 62 Prozent für den Verbleib in der EU gestimmt und die von Sturgeon geführte Regionalregierung strebt nun eine Wiederholung des 2014 gescheiterten Unabhängigkeitsreferendums in Schottland an.

EU als Geburtshelfer schottischer Unabhängigkeit?

Es könnte sich eine EU-Unterstützung für den Austritt Schottlands aus dem UK anbahnen, auf die Vertreter von Unabhängigkeitsansprüchen in Katalonien, dem Baskenland, Korsika etc. bislang vergeblich warten. Dies könnte von Brexit-Befürwortern als Rache Brüssels für den „undankbaren Ausstieg“ aus dem „grandiosen Projekt“ EU gewertet werden.

Britische Patrioten und Nationalisten mag ein Austritt Schottlands aus dem UK grämen oder gar wütend machen, aber wirtschaftsliberale Brexit-Befürworter können sich sogar freuen: Schottland wäre in der EU wohl ein Nettoempfänger (es sei denn die Ölpreise steigen irgendwann sehr deutlich) und wirtschaftsliberales Denken ist in der Heimat von Adam Smith nicht mehr stark ausgeprägt.

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