Brexit-Folgen

Warum England jetzt einen Mose braucht

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Einigkeit nur in der Ablehnung der real existierenden EU

Es zeigt sich, dass das Leave-Lager aus einem wirtschaftsliberal-weltoffen-pragmatischen und einem national-protektionistisch-globalisierungskritischen Flügel (zu dem auch Anhänger der linken Labour-Party sich gesellen) besteht. Beide sind sich nur einig in der Ablehnung der real existierenden EU, aber sicher nicht in einem gemeinsamen Ziel für die Gestaltung des Brexit. Das wird noch zu Turbulenzen in der britischen Innenpolitik führen.

Sowohl die Leave- wie die Remain-Kampagnen arbeiteten mit Angst-Argumenten. Die „Remainer“ prophezeiten bei einem Austritt den ökonomischen Absturz des UK, den Beginn des Zerfalls des Westens oder gar Kriege in Europa. Die Finanzmärkte reagierten auch am Tag nach dem Referendum mit einem deutlichen Kursverfall bei Aktien und Britischem Pfund (GBP) sowie einem Anstieg bei Gold.

Lag der Euro vor dem Referendum im Juni 2016 bei 0,77 GBP, so sind Mitte Mai 2017 0,86 GBP zu zahlen – eine Abwertung des GBP um rund elf Prozent, welche die Wettbewerbsfähigkeit Großbritanniens mit seinem chronischen Handels- und Leistungsbilanzdefizit stärkt. Der wichtigste Aktienindex FTSE 100 ist seither um fast zwanzig Prozent gestiegen. Wenn es gilt, dass an der Börse Zukunft gehandelt wird, scheinen die Akteure an den Finanzmärkten die Zukunft des UK nicht zu pessimistisch einzuschätzen.

Ökonomische Turbulenzen voraussehbar

Gleichwohl bleibt auch festzuhalten: Die Bonität des Vereinigten Königreiches wurde zwischenzeitlich herabgestuft. Ökonomisch sind für die nahe Zukunft Wachstumsverluste und steigende Arbeitslosigkeit für die britische Wirtschaft ziemlich sicher. Das schwächere Pfund wird angesichts der Importabhängigkeit auch die Inflationsrate steigen lassen.

Steigende Staatsschulden sind zu erwarten. Investitionen werden gerade in der unsicheren Phase der zweijährigen Verhandlungen nur zurückhaltend getätigt werden. Hier werden sich also die Befürchtungen der Brexit-Gegner zunächst einmal bestätigen.

Gesucht wird ein Mose für das Vereinte Königreich

Damit ist aber noch lange nichts über die langfristigen, durchaus positiven Entwicklungschancen gesagt. Daraus ergibt sich ein Dilemma: Hält die britische Gesellschaft so lange durch, bis sich die vorübergehenden Wohlstandeinbußen auszahlen?

Anders formuliert: Die britische Premierministerin, Theresa May, die den Brexit entgegen ihren früheren Überzeugungen nun umsetzen wird, müsste sich zu einer charismatischen Führungspersönlichkeit wie Mose entwickeln, die das Volk bei der entbehrungsreichen Wüstenwanderung trotz der Mühsal bei der Stange zu halten vermag und den Ausblick auf das gelobte Land eines „EU-befreiten Britanniens“ glaubhaft vertreten und ausreichend Manna servieren kann, auch wenn das Volk murrt, weil doch in der EU die Fleischtöpfe so voll waren (vgl. Exodus 16, 1 ff.).

Natürlich hinkt der Vergleich, denn im Gegensatz zu Mose kann sich kein britischer Regierungschef auf ein göttliches Mandat berufen, sein Volk aus der „Brüsseler Gefangenschaft“ zu führen. Aber die Herausforderungen ähneln einander.

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