Erinnerung an deutschen Computerpionier Vor 30 Jahren starb Heinz Nixdorf

Autor Sebastian Gerstl

Er begann mit einem kleinen Kellerlabor - und baute dieses bis zu seinem Tod zum viertgrößten Computerhersteller Europas aus. Am 17. März 1986 starb der deutsche Computerpionier Heinz Nixdorf auf einer Messeparty der ersten CeBIT.

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Heinz Nixdorf (1925 - 1986): Der deutsche Unternehmer und Computerpionier starb am 17. März 1986 an einem Herzinfarkt - auf einem Tanzabend der ersten CeBIT.
Heinz Nixdorf (1925 - 1986): Der deutsche Unternehmer und Computerpionier starb am 17. März 1986 an einem Herzinfarkt - auf einem Tanzabend der ersten CeBIT.
(Bild: Heinz Nixdorf Museumsforum)

Heinz Nixdorf bleibt untrennbar mit der deutschen Computerindustrie verbunden - und gilt als eine der großen Erfolgsgeschichten des Wirtschaftswunders. 1952 - lange vor der Boomphase an IT-Gründungen im Silicon Valley - bricht der aus einfachen Verhältnissen stammende Physikstudent sein Studium ab, um sich der Entwicklung von elektronischen Rechenanlagen zu verschreiben. Durch Nixdorf erhält der Computer Einzug in kleine und mittelständige Betriebe auf der ganzen Welt.

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Mitte der 80-er Jahre ist der Name Nixdorf kaum noch aus dem Büro- und Bankwesen wegzudenken. Doch einer wesentlichen Entwicklung schenkte der deutsche Computerpionier zu wenig Beachtung. Sein plötzlicher und unerwarteter Tod - ausgerechnet auf der CeBIT-Premiere - leitetauch den Niedergang seines Unternehmens ein.

Der am 9. April in Paderborn geborene Heinz Nixdorf stammte aus einfachen Verhältnissen. Ein Stipendium ermöglichte dem ältesten von fünf Kindern eines Bahnarbeiters, an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main Physik zu studieren. 1951 erhielt Nixdorf eine Anstellung als Werksstudent beim amerikanischen Büromaschinenherstellers Remington Rand, zu diesem Zeitpunkt einer der Marktführer in der Herstellung mechanischer Rechenmaschinen. Dort arbeitet er als Assistent des Physikers Walter Sprick an der Entwicklung eines Elektronenrechners auf Rundfunkröhrenbasis.

Als Remington Rand das Projekt einstellt – die Unternehmensleitung sah keinen Wert in der Entwicklung elektronischer Rechner – sieht Nixdorf hierin eine günstige Gelegenheit. Er erhält das Patent von Sprick, bricht sein Physikstudium ab und macht sich auf die Suche nach einem Investor, der an der Entwicklung eines Elektronenrechners interessiert ist.

Auf seinem Moped, so die Legende, klappert Nixdorf persönlich Unternehmen für Unternehmen ab, bis endlich die Essener RWE Interesse zeigt. Mit einer Bürgschaft des Energieversorgers, einem Entwicklungsauftrag in Höhe von 30.000 DM und einer von der Firma zur Verfügung gestellten Kellerwerkstatt entsteht 1952 das „Heinz Nixdorf Labor für Impulstechnik“.

Im Auftrag der RWE entsteht der erste Nixdorf-Rechner: Der Elektronen-Saldierer ist mit 1500 Röhren ausgestattet und dient zunächst als Ergänzungsgerät zu einer mechanischen Lochkarten-Maschine von Remington Rand. Schon bald folgen weitere Elektronenrechner wie der EM20, der an die Tabelliermaschinen des französischen Herstellers Bull angeschlossen werden konnte. Nixdorf tut sich hierbei weniger als Ingenieur und Entwickler, sondern mehr als Organisator hervor. Schon bald war das Unternehmen aus Platzmangel gezwungen, aus dem von RWE zur Verfügung gestellten Kellerlabor auszuziehen und sich größere Werkstätten zu suchen.

Pionier in Sachen Bürorechner

Heinz Nixdorf (1984) in einer seiner Produktionsstätten: Über 30 Jahre lang bestimmte der Unternehmer persönlich die Richtung seiner Firma. Dem in den 80-er Jahren aufkommenden PC-Markt schenkte er dabei wenig Beachtung: "Wir bauen keine Goggomobile," soll Nixdorf hierzu gesagt haben.
Heinz Nixdorf (1984) in einer seiner Produktionsstätten: Über 30 Jahre lang bestimmte der Unternehmer persönlich die Richtung seiner Firma. Dem in den 80-er Jahren aufkommenden PC-Markt schenkte er dabei wenig Beachtung: "Wir bauen keine Goggomobile," soll Nixdorf hierzu gesagt haben.
(Bild: Heinz Nixdorf Museumsforum)

1959 verlegt Heinz Nixdorf sein „Labor für Impulstechnik“ in seine Geburtsstadt Paderborn. Dort entwickelt einige Jahre später der Entwicklingsingenieur Horst Hager den weltweit ersten elektronischen Tischrechner. Der „Conti“ genannte Rechner wird ab 1962 von den Wanderer-Werken in Köln produziert. Dort wurde einige Jahre später auch der erste auf Halbleitern basierende Kleincomputer, die Wanderer Logatronic, produziert: Nixdorf war es gelungen, hierfür den Entwicklungsingenieur Otto Müller von IBM abzuwerben. Der auf der Hannover Messe 1965 erstmals vorgestellte Tischrechner stellte für damalige Verhältnisse eine technische Revolution dar.

Auf Basis der Logatronic entstand schließlich 1967 der Universalcomputer Nixdorf System 820, der erste Kleinrechner mit Magnetkernspeicher, integrierter Schreibmaschine und Drucker zur Datenausgabe. Dieser frei programmierbare Computer wurde zu einem weltweiten Phänomen, der den Namen Nixdorf auch in den USA und in Japan bekannt machte. Als die Wanderer-Werke 1968 in finanzielle Schwierigkeiten gerieten, kaufte Nixdorf das Unternehmen auf und übernahm fortan selbst den Vertrieb seiner Systeme: Aus dem „Heinz Nixdorf Labor für Impulstechnik“ wurde „Nixdorf Computer“ .

Während in den 60-er Jahren die meisten Computerhersteller wie IBM noch auf Großrechenanlagen setzten, die teilweise Anschaffungskosten in Millionenhöhe hatten, zielte Heinz Nixdorf gezielt auf den Banken- und Bürosektor sowie kleine und mittelständige Unternehmen. Dabei half, dass Nixdorf die Unternehmen vollumfänglich bedienen konnte - Hard- und Software stammten aus einer Hand.

Vor allem was die Netzwerkfähigkeiten betrifft konnten die Nixdorf-Rechner international überzeugen. Die Nixdorf-Terminalstationen konnten über hauseigene Emulationen via Nixdorf Communication Network (NCN) in IBM-, Siemens- oder Olivetti-Netzen betrieben werden. Vor allem für das Banbkwesen war dies interessant: Bereits 1974 ließ die nordische Scandinaviska Enskilda-Bank ihre Filialen mit Hilfe von 1100 Nixdorf-Terminals landesweit vernetzen. Als einer der weltweit ersten Computerhersteller bietet Nixdorf einen Service zur Ferndiagnose via Akkustikkoppler-Modem an.

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Das Unternehmen erfährt unter Heinz Nixdorf einen steilen Aufstieg: Erzielte das „Labor für Impulstechnik“ im Jahr 1966 noch einen Umsatz von 28 Millionen Mark, überschritt „Nixdorf Computer“ 1977 erstmals die 1-Milliarde-Mark-Grenze. 1985, kurz vor dem Tod Heinz Nixdorfs, lag der Umsatz bei knapp vier Milliarden.

Entwicklung geprägt, Entwicklung verpasst

Nixdorf international: 1985 beschäftigte Nixdorf Computer weltweit 23.000 Mitarbeiter in 44 Ländern. Auch in Singapur wurden Nixdorf-Rechner gefertigt.
Nixdorf international: 1985 beschäftigte Nixdorf Computer weltweit 23.000 Mitarbeiter in 44 Ländern. Auch in Singapur wurden Nixdorf-Rechner gefertigt.
(Bild: Heinz Nixdorf Museumsforum)

Ab den 1970-er Jahren war Nixdorf Computer unbeschrittener Marktführer in Deutschland. Das Unternehmen galt als der viertgrößte Computerhersteller Europas, mit Produktionsstätten in Deutschland, Irland, Spanien, USA und Singapur. Auf seinem Höhepunkt beschäftigte das Unternehmen 23.300 Mitarbeiter in 44 Ländern.

Ab Mitte der 70-er Jahre löst die Rechnerfamilie 88xx nach und nach die in die Jahre gekommene System-820-Architektur ab. Die Produktreihe umfasste programmierbare Terminal-Systeme, integrierte Textverarbeitungssysteme, Kassensysteme, Datentelefone sowie mit dem DVS 8818 das erste ISDN-fähige digitale Vermittlungssystem eines deutschen Herstellers.

Doch eine Entwicklung scheint der deutsche Marktführer zu verpassen: Während Nixdorf überwiegend auf seine proprietären Systeme mit einer Einheit aus Hard- und Software setzt, dringen Personal Computer immer mehr in den Heim- und Büromarkt vor. Dabei hätte durchaus die Möglichkeit zur Massenproduktion von PCs bestanden: 1985 existierte eine Anfrage seitens Apple-Computer, ob Nixdorf nicht Interesse daran hätte, Apple-Produkte in Lizenz für den europäischen Raum zu produzieren. Doch Heinz Nixdorf selbst schien vom PC-Geschäft wenig zu halten: „Wir bauen keine Goggomobile“ soll der Computerpionier hierzu gesagt haben.

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Zwar existierten mit 8810-Reihe ab 1985 einige erste IBM-PC-kompatible Rechner aus dem Hause Nixdorf, doch wurde dieses Segment vom Firmengründer weitgehend ignoriert. Auf der ersten CeBIT sollen einige ehemaligen Mitarbeit Nixdorf noch bedrängt haben, diesen Kurs zu ändern. Dazu sollte es allerdings nicht mehr kommen: Auf der Messeparty am 17. März brach Heinz Nixdorf mit einem Herzinfarkt auf der Tanzfläche zusammen und starb kurze Zeit später.

Mit dem Tod des Firmengründers begann auch der Abstieg von Nixdorf Computer. In der Folgezeit versuchte das Unternehmen, doch noch auf den sich ändernden Computermarkt stärker in den PC-Bereich vorzudringen, was allerdings nicht recht gelang. Nach einem Krisenjahr 1988/1989 verschmolz Nixdorf Computer mit dem Bereich Daten- und Informationstechnik der Siemens AG zur Siemens Nixdorf AG zur Siemens Nixdorf AG. In den Folgejahren werden immer mehr Bestandteile des Unternehmens herausgelöst und in Siemens selbst integriert.

Vom einstigen Marktführer bleibt heute nur der Name eines Unternehmens übrig: Die 1999 gegründete, auf Banken- und Kassensysteme spezialisierte Wincor Nixdorf GmbH, die aus der Siemens Nixdorf Retail & Banking Systems GmbH ausgegliedert worden war und deren Name bewusst in Anlehnung an den bedeutenden Computerpionier gewählt wurde. Und das Heinz Nixdorf Museumsforum in Paderborn hält die Erinnerung an den Mann aufrecht, der die deutsche Computerlandschaft wie kein anderer bestimmt und geprägt hatte.

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