Projekt-Territorien schützen

Von Hunden, Katzen, Projektleitern und Chefs

| Autor / Redakteur: Peter Siwon / Stefan Liebing

Die Grenzen von Projekt-Territorien sind leider nicht so sichtbar wie auf diesem Bild.
Die Grenzen von Projekt-Territorien sind leider nicht so sichtbar wie auf diesem Bild. (Bild: Peter Siwon)

Menschen beanspruchen sichtbare und unsichtbare Territorien für sich. Wer ihre Grenzen verletzt, wird als unangenehm oder auch als bedrohlich empfunden. Diese – oft unbeabsichtigten – Territorialverletzungen führen auch in der Projektarbeit immer wieder zu schwerwiegenden Konflikten oder störenden Reibereien. Eine gewisse Sensibilität für die territorialen Ansprüche unserer Mitmenschen ist hier von Vorteil.

Ich hatte als Kind eine Katze namens Mucki. Sie war nicht sonderlich groß, aber ziemlich schlau. Eines Tages ging ein Mann mit einem großen, nicht angeleinten Jagdhund an unserem Grundstück vorbei. Das Einfahrtstor war offen, und der neugierige Hund nutzte die Gelegenheit zu einem Abstecher auf unser Grundstück. Dort saß, vom Hund noch unbemerkt, die Katze, die den Hund bereits mit gesträubtem Fell fixierte. Ich rechnete damit, dass der Hund, sobald er die Katze bemerkte, tun würde, was Hunde nun einmal gerne mit Katzen tun, und dass die Katze in weiser Voraussicht ihr Wohl in der Flucht auf einen Baum suchen würde. Doch weit gefehlt. Die Katze ging wie eine Furie auf den verblüfften Hund los und verpasste ihm ein paar Krallenhiebe. Der Hund floh von unserem Grundstück – und ich hatte eine tolle Lektion zum Thema Territorialverletzung bekommen: Sie kann zu unerwarteten und heftigen Reaktionen führen, und nicht immer geht der Stärkere als Sieger hervor.

Ok, nette Geschichte, doch was hat sie mit Projekten zu tun? Ich werde nun nicht Projektleiter mit Katzen und ihre Chefs mit Hunden vergleichen oder umgekehrt, weil ich nicht weiß, welche unsichtbaren Grenzen ich damit überschreite und wer mir dann Hiebe versetzt. Jedenfalls haben Projekte und Katzenterritorien eins gemeinsam: Die Verletzung der Grenzen hat Konsequenzen. Leider sind die territorialen Grenzen nicht so klar durch Zäune, Hecken oder Einfahrtstore erkennbar.

Der Klassiker einer Projektterritorial-Verletzung ist das Hineinregieren des Chefs in das Projekt am Projektleiter vorbei. Das sieht dann etwa so aus: Der Projektkunde kennt den Geschäftsführer des Unternehmens, das das Projekt durchführt. Er hat einen Änderungswunsch oder eine Beschwerde und nutzt seine Beziehung, um Einfluss zu nehmen und Druck auszuüben. Der Geschäftsführer verspricht, sich persönlich der Sache anzunehmen. Der Kunde fühlt sich gebauchpinselt. So weit, so gut. Doch jetzt kommt die Stelle, wo aus dem Bauchpinseln nach außen eine Bauchlandung im Inneren werden kann. Denn der Geschäftsführer marschiert mit breiter Brust beim Projektteam ein und gibt an die Projektmitarbeiter ohne Rücksprache mit dem zuständigen Projektleiter Anweisungen, was zu tun ist. Das kann er, denn er ist Geschäftsführer. Das ist seine Firma, und das sind seine Mitarbeiter. Ob es ratsam ist, seine Machtposition in dieser Weise zu nutzen, steht auf einem anderen Blatt.

Überlegen wir doch mal, wie diese Handlungsweise bei den Mitarbeitern ankommt – vor allem im Wiederholungsfall. Die Projektmitarbeiter sind verunsichert. Sie stellen sich möglicherweise Fragen wie: Wer ist denn nun der Projektleiter? Wann ist leitet der Projektleiter das Projekt, und wann ist es Sache des Geschäftsführers? An wen wende ich mich, wenn es brenzlig wird oder es wichtige Entscheidungen zu treffen gibt?

Ganz ähnliche Fragen stellt sich auch die ausgebremste Projektleitung. Die Rollen und Zuständigkeiten sind nicht mehr eindeutig. Der Projektleiter könnte das Eingreifen des Chefs außerdem so interpretieren: Er traut mir nicht, oder er traut mir nicht zu, die Sache zu regeln. Nicht gerade motivierend. Es besteht beispielsweise die Gefahr, dass der Projektleiter diesen Übergriff in sein Territorium als Verletzung der Loyalität empfindet und mit gleicher Münze zurückzahlt: „Was hat der Chef veranlasst? Der hat ja keine Ahnung!“ Oder der Projektleiter gibt sein Territorium und damit auch die Bereitschaft auf, dafür Verantwortung zu übernehmen. „Wenn er das Projekt selber leiten will, bitte. Dann werde ich mich aus der Verantwortung ziehen, wo immer es geht.“ So etwas nennt man innere Kündigung. Eine weitere Variante wäre es, dem gefühlten Vertrauensentzug durch eine tatsächliche Kündigung zu begegnen.

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posted am 07.11.2016 um 09:52 von Unregistriert


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