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Mutmacher Vom Zusammenhalten, Wissen teilen und sich neu erfinden

| Autor / Redakteur: Marco Schmid / Sebastian Gerstl

„In diesen schwierigen Zeiten machen mir die Menschen am meisten Mut. Es zeigt sich doch, wie zügig wir den Wahnsinn unserer überhitzten Gesellschaft und das sinnlose Hamsterrad, in das wir jeden Tag freiwillig einsteigen, verstanden haben, uns nun ernsthaft hinterfragen und einen neuen Sinn suchen“, denkt Marco Schmid, Schmid Elektronik.

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Marco Schmid, Schmid Elektronik: „Was in diesen schwierigen Zeiten hilft, ist zusammenstehen und zusammenhalten – was für KMU selbstverständliche Tugenden sind“
Marco Schmid, Schmid Elektronik: „Was in diesen schwierigen Zeiten hilft, ist zusammenstehen und zusammenhalten – was für KMU selbstverständliche Tugenden sind“
(Bild: Schmid Elektronik)

Wer hätte sich Anfang Januar vorstellen können, dass die Natur bald die ganze Welt in eine mehrmonatige Zwangspause schicken, bei den Menschen ein Wechselbad der Gefühle auslösen und wahrscheinlich zu nachhaltigen Veränderungen führen wird? Hattest du als Führungskraft bisher oft Pläne und Antworten in petto, so ertappe ich mich immer öfter beim Gedanken und der ehrlichen Antwort für mein Gegenüber: „Ich weiß es nicht…“.

Dieser Kontrollverlust und eine gewisse Hilflosigkeit löste in mir regelrecht Demut aus. Dabei wird ja Mut erwartet! Dazu gesellte sich eine zunehmende Angst um den Familienbetrieb mit seinen Arbeitsplätzen. Neu gilt es, Unsicherheit einfach nur anzunehmen und Entscheidungen oft schnell und hart und weniger aufgrund von Fakten, sondern von Annahmen und Intuition zu treffen. Als Konsequenz musst du einmal gefällte, weitreichende Entscheidungen laufend neu überdenken. Wenn du sie dann rückblickend als falsch erachtest, wage es, über den eigenen Schatten zu springen und sie zu widerrufen.

Die heutige Situation fühlt sich etwa so an wie bei meinem ersten Startup. Da ist zum einen Unsicherheit und Respekt angesichts eines schwierigen Umfeldes. Aber da ist zum anderen ein Antrieb von unternehmerischem Pioniergeist und der Zuversicht, sich als Firma mit einem starken Team und zukunftsfähigen Services und Produkten neu erfinden zu können.

Erfahrungen aus der Rennstrecke abrufen

Schon bald wurde klar, dass traditionelle Hierarchien und klassische Managementstrukturen fallen werden, ja fallen müssen! Was lag in unserem Fall also näher, als das Knowhow, welches unser Führungsteam aus der Rennstrecke gewonnen hat, in den Geschäftsalltag zu bringen? Der Zeitdruck im Rennsport ist hoch, das Umfeld komplex und die Tage sind oft unsicher und schwer planbar. Man wird zunehmend müde und gereizt und dann schleichen sich Fehler ein. Trotzdem gilt es, schwierige Probleme zu lösen und mit Konflikten umgehen zu können.

Das Führungsteam von Schmid Elektronik erlebt diesen einwöchigen Zustand jährlich auf drei Kontinenten und mit unterschiedlichen Kulturen, Charakteren und Generationen im Rahmen unserer Rolle im Data & Technology Team während dem Shell Eco-marathon. Vielleicht wirkten wir deshalb zuhause Anfangs des Lockdowns so ruhig, klar und konsequent. Dieses Wissen hat bereits im Vorjahr zu einer natürlichen, positiven Veränderung und einer Transformation geführt. Wir haben damals Hierarchien abgeflacht und Verantwortung dezentralisiert.

Unsere Organisation gleicht heute eher einem Netzwerk und Nervensystem statt der traditionellen Pyramide. Diese neue Struktur stand am höchsten Krisenpunkt auf dem Prüfstand. Das hat bei mir einen Mix aus Zweifel, Trotz aber auch Zuversicht und letztendlich Dankbarkeit ausgelöst, als ich erkannte, dass diese dezentrale Verantwortung vor allem in den zwei schwierigsten Wochen robust funktionierte.

Wissen teilen: die Initiative „KMU hilft KMU“

Vor zwei Jahren entdeckte Schmid Elektronik dank Simon Sineks „Find your Why“ ihre DNA wieder. Zwei wichtige Pfeiler unseres „Why“ und „How“ ist offenbar der Zusammenhalt in schwierigen Zeiten und eine ausgeprägte Helferkultur, die über die Firmengrenze hinausgeht. Dank unseres Zeitvorsprungs zu Beginn des Lockdowns – wir waren dem Umfeld etwa zwei Wochen voraus – entstand ein skalierbarer 5-Phasiger Notfallplan, der sogar bereits eine Checkliste zur Vorbereitung auf die Zeit nach der Krise enthielt.

Schmid und die ELEKTRONIKPRAXIS teilten diesen Plan in einer spontanen „KMU hilft KMU“-Initiative mit der industriellen Community. Die vielen Rückmeldungen von Kunden, Partnern und Mitbewerbern, die damals auf dem linken Fuß erwischt wurden und nun ein pfannenfertiges, konkretes Maßnahmenpaket in der Hand hielten, waren echt umwerfend.

Aufgrund dieser positiven Erfahrungen möchten wir weiterhin unser Wissen teilen, nämlich wie ein KMU in der Zeit nach der Krise dank neuer Geschäftsideen und achtsamer Transformation, die wir selber durchlebt haben, die Nase vorn haben kann. Mit den wichtigsten Ideen und Konzepten, die wir in ein Whitepaper destilliert haben und das frei erhältlich ist, wollen wir europäischen KMU Impulse geben und Mut machen, bewusst ausgetretene Pfade zu verlassen.

Die Natur und der Mensch an erster Stelle

In diesen schwierigen Zeiten machen mir die Menschen am meisten Mut. Erstens zeigt sich, wie zügig wir den Wahnsinn unserer überhitzten Gesellschaft und das sinnlose Hamsterrad, in das wir jeden Tag freiwillig einsteigen, verstanden haben, uns nun ernsthaft hinterfragen und einen neuen Sinn suchen. Zweitens stand unsere Firma schon immer für nachhaltige Energie und sauberen Transport ein. Wie sich Mutter Natur als Folge dieser kollektiven Vollbremsung in sehr kurzer Zeit erholte – die Delfine in den Kanälen von Venedig bleiben uns allen im Gedächtnis – wurde von der Menschheit als klares und deutliches Signal wahrgenommen.

Drittens berührte mich die Anpassungsfähigkeit und das Vertrauen unserer Mitarbeiter*innen. Frei von Schockstarre, Überlebensmodus oder Bewahrungsinstinkt nahmen sie Tag für Tag an, was kommt, arbeiteten unter den neuen, schwierigen Bedingungen unermüdlich und beherzt weiter und wussten, dass innerhalb von Schmid Elektronik für Sicherheit gesorgt ist. Sie miteinzubeziehen und sie offen über die aktuelle Situation zu informieren und dass dies nun Monate dauern kann, war eine Gratwanderung, die sich gelohnt hat. Sogar als wir in Kurzarbeit mit den damit verbundenen Konsequenzen gingen, war Verständnis da. Die Gespräche mit den Partnern und Kunden erreichten ein persönliches Niveau wie selten zuvor. Jeder nahm sich spürbar Zeit und die uns allen aufgezwungene soziale Distanz führte zu einer bisher selten erlebten emotionalen Nähe.

Den Sprung ins Wissenszeitalter wagen

Es bietet sich nun ein großes Potential, als Gesellschaft, Community, Firma, Familie und auch persönlich Weichen zu stellen, gestärkt aus der Krise zu erblühen, ein neues Spiel zu beginnen und damit den Umbruch vom alten Industrie- in das neue Wissenszeitalter zu wagen. Vielen Geschäftsfreunden geht es in diesen Zeiten der Kurzarbeit ähnlich wie mir. Wir haben weniger Umsatz, dafür mehr Zeit, aber trotzdem irgendwie viel zu tun.

Ein Beispiel dazu ist unsere jüngste Initiative gezielter, interner Schulung und Wissensvermittlung, abgestimmt mit dem Arbeitsamt. Wenn wir im Entwicklungs- und Produktionsalltag schon weniger wertschöpfende Arbeit leisten können, dann sollten wir wenigstens unsere Säge schärfen! Von neuen Geschäftsmodellen, Leanmethoden, MVP (Minimum Viable Products), IoT-Technologie, KI und Cloud-Computing über Lötkurse, QR-Codes, Traceability und 3D-Druck bis zu Low-Code-Programmierung, Linux und Yocto ist alles dabei.

All das wurde zum Booster für die Moral und bekämpfte die Lethargie, die sich infolge Kurzarbeit zunehmend auch bei mir eingeschlichen hat. Die meiste Zeit der Zwangspause verbringe ich derzeit mit dem Lesen inspirierender Bücher über disruptive Technologien, neue Geschäftsmodelle, digitale Transformation, operative Digitalisierung, Leadership, Netzwerkeffekte und Widerstandsfähigkeit und Anpassbarkeit sozialer Systeme (Lazy-Eight).

Sich neu erfinden: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Lesetipp von Marco Schmid: „Deep Work“ von Cal Newport
Lesetipp von Marco Schmid: „Deep Work“ von Cal Newport
(Bild: Schmid Elektronik)

Besonders Cal Newports Inspiration, kognitive Fähigkeiten bis an die Grenze auszureizen, fesselt mich derzeit. Er bietet nämlich eine sinnvolle Alternative zu unserem oft oberflächlichen Geschäftsalltag, der geprägt ist durch Ablenkungen wie Multitasking, Websurfen, E-Mails und Sitzungen. Bei Cals Idee geht es um laserfokussierte Aufmerksamkeit, enorme Disziplin, intensive Konzentration, Zeit und Ruhe, um unsere mentalen Muskeln zu stärken.

Es geht um „Deep Work“ und damit um zwei rare Fähigkeiten. Erstens die Fähigkeit, schnell zu lernen und schwierige Aufgaben und komplexe Probleme meistern zu können. Zweitens die Fähigkeit, in Bezug auf Qualität und Geschwindigkeit auf höchstem Niveau zu liefern. Mit Deep Work lassen sich vermutlich neue Spielräume, neue Denkweisen und neue Geschäftsmöglichkeiten schaffen, vielleicht sogar Game-Changer! Diese Fähigkeiten wünsche ich mir nun für meine Mitarbeiter*innen und für mich selbst.

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