Versteckte Ressourcen entdecken, verdeckte Gewinne entlarven

| Autor / Redakteur: Peter Siwon / David Franz

Auf zu neuen Ufern: Hindernisse helfen dabei, verborgene Ängste und ungenutzte Potentiale zu entdecken.
Auf zu neuen Ufern: Hindernisse helfen dabei, verborgene Ängste und ungenutzte Potentiale zu entdecken. (Bild: foto art Elisabeth Wiesner)

Peter Siwon, ELEKTRONIKPRAXIS-Kolumnist und Experte für systemisches Projektmanagement über Hindernisse, und wie sie helfen, verborgene Ängste und ungenutzte Potentiale zu entdecken.

„Wir haben keine Probleme, sondern wir haben Herausforderungen.“ Sicherlich haben Sie diesen Satz schon so oder ähnlich gehört. Ich setzte da noch einen drauf, denn schließlich muss man ja heute das bereits Gesagte toppen, um das laute Grundrauschen schlauer Sprüche zu übertönen. Ich schreibe den Satz deshalb auch ganz laut, damit er über die Sehnerven geradewegs in Ihr Bewusstsein dringt: Probleme sind versteckte Ressourcen. Warum ist das so?

Auch wenn es uncool in Zeiten großer Herausforderungen ist, gestehe ich Ihnen jetzt einfach einmal, dass ich auch Probleme habe, die sich verschämt hinter Herausforderungen verstecken. Ich stehe dann nicht mit stolzgeschwellter Heldenbrust wie ein Fels in der Brandung da, sondern ich bin beunruhigt und verunsichert. Es bleibt ja unter uns.

Im Grunde ist ein Problem ja nichts anderes als ein Hindernis, das sich zwischen mir und meinem Ziel aufgebaut hat. Wenn es dieses Ziel nicht gäbe, würde das Hindernis für mich gar nicht existieren. Betrachten wir die Sache mal metaphorisch: Wenn ich nicht vorhabe, einen Fluss zu überqueren, weil mein Reiseziel nicht am anderen Flussufer liegt, dann ist der Fluss kein Hindernis und damit auch kein Problem. Er könnte mir im Gegenteil dabei helfen, mich zu erfrischen oder meinen Durst zu löschen. Wenn ich jedoch den Fluss überqueren muss, um mein Reiseziel zu erreichen, dann wird er zum Hindernis. Das Hindernis wird zum Problem, solange ich nicht weiß, wie ich es überqueren kann (Achtung, jetzt kommt ein wichtiger Zusatz!) und gleichzeitig glaube, dass es eine Möglichkeit gibt.

Das heißt, erst die Annahme, dass das Hindernis überwindbar und damit auch das Ziel erreichbar ist, macht aus einem Hindernis ein Problem. Wenn es keine Möglichkeit gibt, den Fluss mit vertretbarem Aufwand und Risiko zu überwinden, dann ist er kein Problem mehr, sondern eine Naturgewalt, der ich mich beuge, indem ich mein Ziel aufgebe. Damit verschwindet auch das Problem, und der Fluss wird wieder zum Durstlöscher und Badeplatz.

Der Begriff Problem beinhaltet quasi den Glauben an eine realistische Lösungschance, und gleichzeitig drückt er auch aus, dass wir davor auch ein wenig Bammel haben. Der Begriff Herausforderung verschleiert den Bammel besser und passt damit eher zum cineastischen Bild des furchtlosen Heroen, der auch im Angesicht des Todes noch einen lockeren Spruch vom Stapel lässt.

Ich für meinen Teil stehe lieber zu einer gesunden Portion Angst, denn sie bewahrt mich vor Leichtsinn und Selbstüberschätzung. Die Kunst besteht nicht darin, die Angst zu ignorieren, sondern sich der Angst zu stellen. Die Fragen „Was macht mir Angst?“ oder „Was verunsichert mich?“ können so zur Quelle der Lösung werden. Bleiben wir beim Fluss. Wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich den Fluss durchwaten oder durchschwimmen kann (Bruce Willis oder Sylvester Stallone würde keinen Gedanken daran verschwenden), dann denke ich beispielsweise darüber nach, mich mit einem Seil zu sichern, eine Schwimmhilfe zu nutzen, ein Boot oder eine Brücke zu bauen. Das Problem hilft mir also dabei, weitere Lösungsressourcen kreativ zu erschließen. Der Trick besteht darin, sich zu fragen, was dabei helfen könnte, Gefühle wie Angst oder Unsicherheit zu überwinden. Welche Fähigkeiten, Erkenntnisse, Hilfsmittel, Personen oder, allgemeiner gefragt, welche bisher ungenutzten Ressourcen tragen zur Lösung bei? So erschließt das Problem wie von Zauberhand noch ungenutzte Ressourcen. Sobald wir diese Ressourcen mit Bedacht nutzen, verschwindet nach und nach auch das Problem.

Ich fasse zusammen: Ein Hindernis existiert nur, wenn es auch ein Ziel gibt, dessen Erreichung dadurch erschwert wird. Ein Hindernis ist nur ein Problem, solange es eine Lösungschance gibt. Das Problem deutet auf noch ungenutzte Quellen von Lösungsmöglichkeiten hin. Wenn diese Lösungspotentiale genutzt werden, verschwindet das Problem. Um diese Quellen zu erschließen, sind ressourcenorientierte Fragen hilfreich, die mich von der Problemfokussierung erlösen. Dazu stelle ich mir vor, dass ich das Hindernis bereits erfolgreich überwunden habe. Wie fühlt es sich für mich an, am Ziel zu sein? Nun blicke ich vom Ziel auf den zurückgelegten Weg. Mit welchen Kenntnissen, Fähigkeiten, etc. habe ich es geschafft? Wie habe ich sie mir erschlossen? Welche dieser Kenntnisse, Fähigkeiten, etc. standen mir bereits teilweise oder ganz zur Verfügung?

Diese Fragen eröffnen neue Perspektiven und geben mir die Möglichkeit, das Problem aus der wohlwollenden Sicht des Erfolgs zu betrachten. Der Fluss wirkt nach dieser virtuellen Überquerung nicht mehr so reißend und breit. Trotzdem bewahrt mich das ziel- und ressourcenorientierte Nachdenken davor, die Aufgabe zu verniedlichen, weil mir klarer wird, wie ich konkret das Hindernis und die damit verbundenen Ängste und Zweifel überwinden kann. Doch was tun, wenn das nicht klappt?

Jetzt ist es nützlich, wenn ich mir bewusst werde, warum ich das Problem möglicherweise (noch) nicht lösen will (auch wenn ich es vielleicht könnte). Es gibt zumindest für meine Psyche einen triftigen Grund dafür, die Überwindung eines Hindernisses zu vermeiden, zu verweigern oder zu verzögern. Beispielsweise ist nicht der Fluss das Problem, sondern das andere Ufer. Der Fluss schützt mich also davor, mich der eigentlichen Gefahr oder Unannehmlichkeit auszusetzen. Ergo: Ein Hindernis weist nicht nur auf noch unentdeckte Ressourcen, sondern auch auf einen versteckten Nutzen hin, den es bietet. Wenn der Verdacht besteht, dass hier der Hase im Pfeffer liegt, oder besser gesagt der Angsthase am Flussufer, dann ist es zunächst zielführender, wenn ich mich mit den Eigenschaften des anderen Ufers auseinandersetze. Nun ist die andere Seite des Flusses das Problem, mit dem wir das eben skizzierte Gedankenspiel wiederholen.

Ersetzen Sie den Fluss nun einfach durch ein beliebiges Problem, das Sie gerade daran hindert, ein Ziel zu erreichen. Ganz oben auf der Hitliste der Probleme stehen Veränderungen, die uns dazu zwingen, alte Gewohnheiten aufzugeben oder unsere Komfortzone zu verlassen. Sie kombinieren meist Gewinnchance mit Verlustrisiko. Dummerweise gewichtet die Psyche der Menschen mögliche Verluste durchschnittlich etwa doppelt so schwer wie mögliche Gewinne. Die gerade beschriebene ressourcenorientierte Perspektive hilft uns dabei, dieser einseitigen Verzerrung zugunsten des Status Quo entgegenzuwirken. Ich habe für Sie ein paar Tipps zusammengestellt, die Ihnen dabei helfen können, diesen Blickwinkel leichter einzunehmen. Schicken Sie einfach eine E-Mail mit dem Stichwort „Neue Ufer“ an ufer@systemisches-projektmanagement.info

Ich wünsche Ihnen nun viel Erfolg beim Aufbruch zu neuen Ufern und beim Entdecken ungenutzter Ressourcen oder versteckter Gewinne.

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