Technologische Souveränität für Europa VDE fordert Masterplan „Electronics for Europe“

Redakteur: Michael Eckstein

Europa muss wieder stärker zum Standort für Mikroelektronik werden – und dafür müssten die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft jetzt handeln, empfiehlt der VDE. Mit der richtigen Fokussierung und langfristigen Programmen könne der Produktionsanteil an Halbleitern in Europa massiv erhöht werden.

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Mit Masterplan: Den Schlüssel zu mehr Souveränität für Europa verorten VDE-Experten in einer erstarkten Mikroelektronik, die in wichtigen Märkten wie Industrie 4.0, Mobilität, Energie weltweit führend ist.
Mit Masterplan: Den Schlüssel zu mehr Souveränität für Europa verorten VDE-Experten in einer erstarkten Mikroelektronik, die in wichtigen Märkten wie Industrie 4.0, Mobilität, Energie weltweit führend ist.
(Bild: Clipdealer)

„Die Mikroelektronik muss in Europa bleiben, wir brauchen eine europäische Technologiestrategie, einen Masterplan“, fordert der VDE anlässlich der Vorstellung seines neuen Positionspapiers „Hidden Electronics II“. Darin schätzt der „Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e.V.“ die Zukunft der Halbleitertechnologie in Deutschland und Europa ein. Die Technologieexperten analysieren den Status Quo der Mikroelektronik und zeigen, wie Deutschland und Europa seine technologische Souveränität erlangen kann. Voraussetzung dafür sei, dass die Politik die Grundlagen dafür schaffe – dass hatte der VDE bereits für das Innovationsfeld photonisch-elektronische Integration gefordert.

Um langfristig den Wohlstand zu wahren, müsse Europa den Aufbau eigener Mikroelektronikfertigungen sehr viel stärker und engagierter forcieren. „Die systemrelevante Chip-Industrie hat Auswirkungen auf die gesamte Volkswirtschaft. Die aktuelle Krise in der Autoindustrie zeigt, wie hoch die Abhängigkeit unserer Industrie von Halbleiterherstellern in Asien und USA ist“, erläutern die Autoren der VDE-Studie.

„Leistungselektronik und Sensorik sind systemrelevant“

Die gute Nachricht: Im Wettbewerb mit den forschungs- und entwicklungsstarken USA und Asien sei „der Zug für Deutschland noch nicht abgefahren“. Aktuell halte Deutschland immer noch eine Spitzenposition in bestimmten Halbleitertechniken, zum Beispiel in der Leistungselektronik und Sensorik. Beide sind nach Ansicht des VDE systemrelevant und wichtige Motoren für Innovationen in allen Industriebereichen.

Mit der richtigen Priorität, der richtigen Fokussierung und langfristig angelegten Programmen könne Europa auf diesen Clustern aufbauen und aufholen. Aber: „Gut gemeinte Worte und auf nur wenige Jahre angelegte und unterdimensionierte Programme reichen nicht“, mahnt Prof. Dr. Christoph Kutter, Präsidiumsmitglied im VDE und einer der Autoren der Studie, und appelliert: „Wir müssen jetzt handeln, wenn wir den Produktionsanteil an Halbleitern in Europa massiv erhöhen wollen!“

VDE fordert Politik, Industrie und Forschung zum Handeln auf

In ihrem Positionspapier „HIdden Electronics II“ haben die Autoren fünf Handlungsschwerpunkte definiert, die im Verbund die europäische Halbleiterindustrie beflügeln und ihre Schlagkraft im internationalen Wettbewerb verbessern sollen.

1. Masterplan „Electronics for Europe“ aufstellen

Die bisherigen Maßnahmen reichen nach Ansicht des VDE nicht aus, weil besonders die USA und China die strategische Bedeutung der Mikroelektronik längst erkannt haben und diese seit Jahren massiv vorantreiben. Europa habe die Wahl, halbherzig weiterzumachen, oder einen eigenen Masterplan „Electronics for Europe“ aufzustellen. Zentraler Bestandteil müsse eine europäisch abgestimmte Industriepolitik sein, die die Produktion von mikroelektronischen Komponenten in Europa sicherstellt. „Deutschland muss die Vorreiterrolle für die Definition dieser Industriepolitik übernehmen“, fordert der VDE.

2. Technologische Souveränität Europas herstellen

Die Frage nach der technologischen Souveränität Europas sei fundamental. Das Ziel müsse sein, essenzielle Teile der Wertschöpfungskette ins eigene Land respektive den eigenen Wirtschaftsbereich zu holen. „Wie jetzt deutlich wurde, kann Europas Industrie sich nicht darauf verlassen, dass der Zukauf wesentlicher elektronischer Komponenten in der weltweiten Zulieferung immer funktionieren wird und sollte deshalb für Elektronikprodukte, die auf dem europäischen Markt verkauft werden, einen gewissen Wertschöpfungsanteil (Local Content) in Europa einfordern“, meint der VDE. Europa könne von den Produzenten verlangen, dass hier verbaute Chips auch zum Teil hier gefertigt werden.

In diesem Zusammenhang müssten die großen Halbleiterhersteller auch in Europa Fabriken bauen, um den europäischen Endmarkt beliefern zu können. Das Wissen (Intellectual Property) und die Produktionstechnik müssten in Europa verfügbar bleiben.

3. Größere Risiken in der Forschung zulassen

Forschung und Innovationen müssen nach Ansicht des VDE von staatlicher Seite mit einem sehr viel längerfristigen Horizont gefördert werden. Die üblichen Drei-Jahresprojekte seien keinesfalls ausreichend – für bahnbrechende Innovationen und fundiertes Fertigungs-Know-how sei für diese Programme ein Horizont von mindestens 10 Jahren notwendig.

„Das Bestreben, Marktverzerrungen zu verhindern, ist sicherlich ehrenwert, ein globaler fairer Markt mit gleichen Spielregeln existiert im Bereich der Mikroelektronik aber nur in Teilbereichen“, erklären die Autoren. Europa und Deutschland bräuchten mehr Mut und Durchhaltevermögen bei der Förderung neuer disruptiver Technologien und Anwendungskonzepte.

4. Nachwuchs und Firmengründungen fördern

Europas sehr vielseitiges und sehr starkes Bildungssystem muss nach Ansicht der VDE-Experten ausgebaut und die vielen klugen Köpfe für Technologieentwicklungen und Innovationen begeistert werden. Europa müsse Entwicklungen strategisch unterstützt starten, den Entwicklungen ein Umfeld und einen geschützten Raum geben, in dem sie gedeihen können, bevor sie als Start-ups auf komplett eigenen Beinen stehen können.

5. Wirtschaftsförderung aufbauen und durch direkte staatliche Aufträge ergänzen

Deutschland sollte dringend von erfolgreichen Wirtschaftsförderungen in diesem Bereich in den USA und in Asien lernen. „Deutschland braucht den Mut, Wirtschaftsförderung zu forcieren und gezielt auszubauen, um damit letztendlich neue innovative Firmen auf strategisch wichtigen Gebieten aus der Taufe zu heben.“ Der Staat habe nicht nur die Möglichkeit, an Universitäten und Forschungseinrichtungen Wissen zu generieren, sondern solle eine unterstützende und lenkende Funktion auch beim Wissenstransfer in die Wirtschaft einnehmen. Strategische Prioritäten sollten sowohl in langfristig angelegten Programmen als auch in direkten staatlichen Aufträgen zusammen mit Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft umgesetzt werden.

Bisher bleibt viel Potenzial ungenutzt

Tatsächlich gibt es gerade im Hochtechnologiebereich sehr große Risiken. Viele Unternehmen scheuen diese, greifen potenziell innovative Techniken möglicherweise nicht oder erst dann auf, wenn diese eine gewissen Reife erlangt haben – auf die Gefahr hin, dass andere schneller waren. Deutschland belegt oft einen Spitzenplatz bei Entwicklungsprojekten in der Hochtechnologie.

Laut VDE gelingt es jedoch nicht, diese selbst vor Ort in innovative (Massen)Produkte umzusetzen. Deshalb fordert der Verband: „Die Politik muss die Bedeutung der Elektronik für den Standort Deutschland und Europa erkennen und dementsprechend Prioritäten setzen. Europa – und insbesondere Deutschland – muss als Halbleiterstandort unbedingt erhalten und ausgebaut werden.“

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