VDE-CEO Hinz zu KI in Deutschland „Es ist ein Kampf gegen Windmühlen“

| Autor: Martina Hafner

„Die USA und China haben einen quantitativen Vorteil: Sie verfügen im Gegensatz zu uns über einen nicht bezifferbaren Schatz an Datensätzen", so VDE-CEO Ansgar Hinz zum Wettrennen der Länder um die künftige KI-Vorreiterrolle.
„Die USA und China haben einen quantitativen Vorteil: Sie verfügen im Gegensatz zu uns über einen nicht bezifferbaren Schatz an Datensätzen", so VDE-CEO Ansgar Hinz zum Wettrennen der Länder um die künftige KI-Vorreiterrolle. (Bild: VDE)

Eine Blitz-Umfrage unter Managern und Hochschulprofessoren hat ergeben: Die Befragten sehen Deutschlands Innovationskraft in Gefahr. Dabei steht sich Deutschland im Wachstumsmarkt KI selbst im Weg, findet VDE-CEO Ansgar Hinz.

Die deutsche Wirtschaft brummt und die Arbeitslosenquote ist niedrig wie nie. Aber was ist in zehn, zwanzig, dreißig Jahren? Der VDE hat in einer aktuellen Umfrage einen ausgewählten Kreis an Experten um ihre Einschätzung gebeten, wie sie die Innovationskraft Deutschlands zukünftig sehen. Konrekt befragte der Technologieverband für die Studie „E-Ing 2025: Technologien, Arbeitsmarkt, Ingenieurberuf“ 77 Experten, Manager, Forschungschefs und Hochschulprofessoren im VDE.

Die Ergebnisse in Kürze:

  • Die Mehrheit der Befragten sieht Künstliche Intelligenz (KI) und ihre Anwendungen als eines der technischen Top-Zukunftsthemen.
  • Weit abgeschlagen folgt auf Platz 2 die Automation/Robotik, das Gebiet, auf dem Deutschland traditionell führend ist.
  • Den Entwicklungsstand bei der Erforschung von KI in Deutschland und Europa schätzen die Befragten dramatischerweise sehr niedrig ein: Nur 3 Prozent sehen Deutschland als Vorreiter. Umfrage-Spitzenreiter bei KI sind die USA (59 Prozent), China (39 Prozent) und Israel (31 Prozent), gefolgt von Japan und Süd-Korea mit jeweils 17 Prozent.

„Die USA und China haben einen quantitativen Vorteil: Sie verfügen im Gegensatz zu uns über einen nicht bezifferbaren Schatz an Datensätzen. Selbst wenn wir in Deutschland diese Daten hätten, wir dürften sie nicht verwenden. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, Innovation voranzutreiben, ohne gleichzeitig die starren Leitplanken des Datenschutzes zu verletzen“, ärgert sich Ansgar Hinz, CEO des VDE. „Ohne leichtfertig agieren zu wollen, wir stehen uns in Deutschland selber im Weg und gefährden durch überzogene Regelungen langfristig unsere Wettbewerbsfähigkeit“, sagt der VDE-Chef.

Auch ausreichend Mittel für Forschung und Entwicklung fehlen

Auch wenn 41 Prozent der Befragten Deutschland als „gut aufgestellt“ sehen, eine tonangebende Rolle traut die Mehrheit unserer Forschung und Wirtschaft derzeit nicht zu. Und auf die Frage, ob es in Deutschland bzw. Europa genügend finanzielle Mittel für die Umsetzung revolutionärer Technologien gibt, antworteten nur vier Prozent mit „ja“. Die Ergebnisse überraschen den VDE nicht.

Es ist kein Geheimnis, dass die USA und China die Erforschung von KI massiv mit hohen Summen fördern. In Deutschland werde stattdessen lange diskutiert, was wie hoch gefördert wird. Die Politik müsse endlich aufwachen und die Weichen dafür stellen, dass Unternehmen schnell und unbürokratisch gefördert werden, fordert der VDE. Gerade Start-Ups, die revolutionäre Technologien auf den Markt bringen wollen, fehle es oftmals an Venture Capital.

„Wir müssen Investitionsbarrieren abbauen und attraktiver für Investoren werden. Wir müssen sie dazu bringen, ihr Geld hierzulande gut zu investieren und nicht nur im Silicon Valley. So können wir vielleicht auch die Gründer von Start-Ups, die ausgewandert sind, zurückgewinnen. Nicht diskutieren, machen!“, fordert Ansgar Hinz.

Deutschlands Chance: Mikroelektronik und IT-Security

Um Deutschland fit für die Zukunft zu machen und die Digitalisierung zu beschleunigen, empfiehlt der VDE ein Bündel an Maßnahmen. „Unsere Chance liegt im B2B-Bereich, allen voran bei Industrie 4.0, IT-Security und Datenschutz. Der internationale Markt hat besonderes Vertrauen in Sicherheitsprodukte aus Deutschland. Hier kommen uns unsere strengen Datenschutzrichtlinien einmal zugute“, sagt Hinz.

Eine Schlüsselrolle spielt die Mikroelektronik. Die überwiegende Mehrheit der VDE-Mitgliedsunternehmen fordert, dass die Mikroelektronik als Schlüsseltechnologie in Deutschland und Europa gestärkt werden muss. „Mikroelektronik ist immer und überall. Wenn wir Chipdesign und Chipproduktion aus der Hand geben, geben wir letztlich auch neue Anwendungen und Geschäftsmodelle aus der Hand“, so Hinz.

„Auch wenn Asien und die USA führend bleiben mögen, eine wettbewerbsfähige Chip-Industrie in Europa ist unabdingbar. Ansonsten bleibt Europa Importeur von Schlüsseltechnologien. Der Export, und vor allem das Geschäftsmodell Deutschland, kollabiert und damit unsere gesamte Innovationskraft, die uns derzeit so stark macht und für ein Jobwunder sorgt“, warnt Ansgar Hinz weiter. Bei der Mikroelektronik gehe es ums Ganze. In Währung ausgedrückt: Es geht nicht um Millionen, sondern um Milliarden und Billionen.

Mitinitiator der KI-Initiative CLAIRE der europäischen Forschungs-Community : Holger H. Hoos, weltweit anerkannter Experte für KI, spricht auf dem ESE Kongress Anfang Dezember über "KI made in Europe" und den Zusammenhang zwischen Künstlicher Intelligenz und Softwaretechnik.
Mitinitiator der KI-Initiative CLAIRE der europäischen Forschungs-Community : Holger H. Hoos, weltweit anerkannter Experte für KI, spricht auf dem ESE Kongress Anfang Dezember über "KI made in Europe" und den Zusammenhang zwischen Künstlicher Intelligenz und Softwaretechnik. (Bild: Martin Dee)

Künstliche Intelligenz: Und Europa?

Nicht nur der Technologieverband fordert die Politik zu mehr strategischem Handeln auf. Bereits im Juni diesen Jahres hatten 600 führende Experten für Künstliche Intelligenz ein Schreiben veröffentlicht, in dem sie die europäischen und nationalen Entscheider auffordern, ihre Unterstützung für Forschungsexzellenz und Innovation in der Künstlichen Intelligenz drastisch zu erhöhen.

„Europa muss nicht nur seine Forschung und Entwicklung im Bereich der Künstlichen Intelligenz verstärken, sondern auch seine Kräfte bündeln“, zeigt sich Holger H. Hoos überzeugt, Professor für Machine Learning, und einer von drei Keynote-Rednern auf dem diesjährigen Embedded Software Engineering Kongress Anfang Dezember. Er ist einer der Initiatoren von CLAIRE, einer schnell wachsenden Basisinitiative europäischer Spitzenforscher und Stakeholder der künstlichen Intelligenz mit aktuell mehr als 2100 Unterstützern aus 29 Nationen.

„Europa hat viele exzellente Forscher und Forschungsgruppen in der Künstlichen Intelligenz. Aber es ist es wichtig, dass wir auf den Stärken Europas aufbauen: Verantwortungsvolle Forschung und Innovation, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht“ konstatiert Hoos. „Wir brauchen eine KI, die die menschliche Intelligenz ergänzt und nicht ersetzt.“

Konkret geht es bei CLAIRE um den Aufbau eines gut koordinierten Netzwerks von Kompetenzzentren, die strategisch in ganz Europa angesiedelt sind, sowie eine neue, zentrale Einrichtung mit moderner Infrastruktur, ähnlich dem CERN. Die Forscher fordern die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz, die die menschliche Intelligenz ergänzt, anstatt sie zu ersetzen.

„KI hilft uns, unsere Grenzen und Vorurteile zu überwinden. Dies ist ein Schlüsselaspekt des menschzentrierten Ansatzes von Künstlicher Intelligenz, die von der CLAIRE-Initiative gefordert wird“, so Hoos.

Kongresshinweis Holger H. Hoos können Sie Anfang Dezember auf dem Embedded Software Engineering Kongress vom 3. bis 7. Dezember in Sindelfingen persönlich treffen. Auf dem ESE Kongress behandeln 100 Referenten an fünf Tagen alle Themen des modernen Embedded Software Engineering. Im letzten Jahr kamen über 1200 Teilnehmer nach Sindelfingen. Der Kongress wird von einer Fachausstellung mit über 50 renommierten Firmen begleitet. Programm und Information.

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