User im Fokus: Die nutzerzentrierte Gestaltung interaktiver Anwendungen

Autor / Redakteur: Franziska Schneider * / Dipl.-Ing. (FH) Hendrik Härter

Ein erfolgreiches und intuitives Bedienkonzept setzt voraus, die verschiedenen User des Systems genau zu kennen und zu verstehen. Die Analysephase im Designprozess spielt eine entscheidende Rolle.

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User-Interfaces: Für ein erfolgreiches Bedienkonzept erfolgen in der Research-Phase unter anderem Einzel- oder Leitfadeninterviews, um gezielte und detaillierte Informationen zu erfassen.
User-Interfaces: Für ein erfolgreiches Bedienkonzept erfolgen in der Research-Phase unter anderem Einzel- oder Leitfadeninterviews, um gezielte und detaillierte Informationen zu erfassen.
(Bild: Heiko Landkammer www.lmpix.de)

Die User haben nicht nur unterschiedliche Anforderungen und Erwartungen an ein System, sondern nehmen auch Teile einer Anwendung verschieden wahr und verstehen sie unterschiedlich. In den meisten Fällen kommen HMIs (Human Machine Interfaces) weltweit zum Einsatz, wodurch zusätzlich verschiedene Sprachen und Kulturen berücksichtigt werden müssen. In sicherheitskritischen Gebieten, wie der Medizintechnik oder dem Maschinen- und Anlagenbau, müssen die Nutzeranforderungen gewissenhaft in den Designprozess einfließen.

Vor der Konzeptionierungsphase gilt es zu ermitteln, wie die verschiedenen Anwender (User) denken, interagieren, arbeiten und die Anwendung und Umgebung wahrnehmen. So lässt sich gewährleisten, dass verschiedene Anwender das System gleichermaßen gut bedienen können. Zusätzlich kommen unterschiedliche Rollen und Rechtesysteme zum Tragen, wenn es um den nutzerfreundlichen Umgang mit einer Maschine geht. Der Servicetechniker benötigt beispielsweise umfangreiche Daten und Funktionen zum Warten der Maschine, während ein Operator bei der Inbetriebnahme und der Fehlerbehebung unterstützt wird.

Neben Sicherheitsaspekten sprechen auch ethische Gesichtspunkte und wirtschaftliche Vorteile für eine Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Nutzergruppen. Da ein schwer verständliches HMI Frustration oder sogar die Exklusion bestimmter Personen auslösen kann, führen unerfüllte Nutzeranforderungen zu Unzufriedenheit oder gar zur Demotivation der User. Langfristig spart die Investition in sorgfältig erfasste Nutzergruppen Zeit, und es lassen sich Kosten für aufwendige Schulungen oder ein hohes Aufkommen an Supportanfragen einsparen.

Die unterschiedlichen Usergruppen genau im Blick

Werden beispielsweise in der Benutzerschnittstelle einer Heizungsanlage Störungen unverständlich angezeigt und User nicht hinreichend bei der Fehlerdiagnose oder Inbetriebnahme unterstützt, können nicht nur Umweltschäden und hohe Kosten erzeugt, sondern möglicherweise ein Brand ausgelöst werden. Eine Fehlbedienung der Steuereinheit von Geräten und Anlagen kann zu Produktionsausfällen, finanziellen Schäden der Maschine oder im schlimmsten Fall zu gesundheitlichen Problemen oder Umweltschäden führen. Ein klares Bild der Anforderungen und Wahrnehmung der User kann diese Risiken minimieren.

Doch in welchen Attributen unterscheiden sich einzelne User und welche Eigenschaften oder Merkmale sollten im Entwicklungsprozess berücksichtigt werden? Die verschiedenen Usergruppen können unterschiedliche Voraussetzungen unter anderem auf geistiger, körperlicher oder kultureller Ebene mitbringen. Je nach Kontext und Aufgabe sind diese verschieden relevant für die Bedienung. Neben den demografischen Merkmalen wie Alter, Geschlecht oder Herkunft spielt Ausbildung, Umwelt, Kultur sowie zwischenmenschliche Interaktion und der Kontext, in dem sich der User befindet, eine wichtige Rolle.

Welche klimatischen Bedingungen herrschen und mit welchen anderen Stakeholdern interagieren die User bei der Bedienung? Gibt es sonstige Störfaktoren, wie Lärm, ungünstige Lichtverhältnisse oder einschränkende Arbeitskleidung? Der Bildungsstand und die Technikaffinität sind in der Analyse besonders wertvoll, da diese Faktoren Einfluss auf die Struktur einer Anwendung oder die verwendeten Gesten zur Interaktion nehmen können. Sind die User geübt und sicher im Umgang mit Technologien? Sind sie speziell für die Steuerung des HMIs ausgebildet und verstehen bestimmte Fachtermini?

Methodik: Wie sich die Eigenschaften erfassen lassen

Das Card Sorting wird häufig zu Beginn der Research-Phase eingesetzt.
Das Card Sorting wird häufig zu Beginn der Research-Phase eingesetzt.
(Bild: macio)

Mit einer Vielzahl von Methoden lassen sich Nutzergruppen erfassen, um anschließend in die Produktentwicklung zu starten. Die folgende Auswahl soll einen kurzen Überblick über die gängigsten Methoden geben und die Vielfalt der Möglichkeiten in der Research-Phase aufzeigen. Ein häufig genutztes Hilfsmittel ist das sogenannte Card Sorting, bei dem Objekte, Aufgaben oder Informationen auf Karten geschrieben und von den Usern der Anwendung gruppiert und geordnet werden. Erfasst wird damit die allgemeine Organisation der Informationen und Funktionen sowie die Bezeichnungen und Kategorien, welche die User innerhalb ihrer Arbeit nutzen. Außerdem können fehlende oder überflüssige Elemente und Funktionen identifiziert werden. Card Sorting sollte zu Beginn der Research-Phase angewandt werden, sodass die Informationsarchitektur eines Systems auf Basis der mentalen Modelle der User aufgebaut werden kann.

Mithilfe von Umfragen in Form von Fragebögen oder Interviews werden die Sichtweisen verschiedener Nutzer erfasst. Online-Umfragen helfen, wenn große Mengen an Daten ausgewertet werden sollen. Mit Einzelinterviews oder Leitfrageninterviews lassen sich gezielte und detaillierte Informationen erfassen.

Eine Persona ist ein Steckbrief eines fiktionalen, typischen Users.
Eine Persona ist ein Steckbrief eines fiktionalen, typischen Users.
(Bild: macio)

Eine weitere Methode sind Personas, eine Art Steckbrief eines fiktionalen, typischen Users mit seinen Eigenschaften, Zielen, Absichten, Motivation und Aufgaben. Personas ermöglichen es in der Produktentwicklung, die Bedürfnisse greifbarer und bewusster bei allen Beteiligten zu machen.

Nachdem die Nutzeranforderungen erstellt sind, werden darauf aufbauend die Low-Level-Prototypen erstellt.
Nachdem die Nutzeranforderungen erstellt sind, werden darauf aufbauend die Low-Level-Prototypen erstellt.
(Bild: Heiko Landkammer www.lmpix.de)

Zusätzlich wird ein einheitliches Verständnis der verschiedenen User geschaffen. Personas sollten in Kombination mit anderen Methoden und möglichst am Ende der Research-Phase eingesetzt werden. Erst zu diesem Zeitpunkt sind genügend fundierte Informationen vorhanden. Sind die Nutzeranforderungen erfasst, sollten aufbauend die Low-Level-Prototypen erstellt werden, zu denen dann wiederum Feedback eingeholt wird. So lässt sich iterativ die Meinung der User erfassen und in das Design integrieren, um die getroffenen Annahmen zu verifizieren.

Die User rücken immer mehr in den Fokus

Zukünftig wird der frühe Einbezug der User im Kontext von Maschinenbedienung zunehmend an Bedeutung gewinnen. Durch den digitalen Fortschritt wird das Abheben von der Konkurrenz auf dem Markt nicht mehr nur durch die fortschreitende Digitalisierung selbst erfolgen, sondern vor allem durch die Qualität der User Experience und Usability eines HMIs.

Diesen Beitrag lesen Sie auch in der Fachzeitschrift ELEKTRONIKPRAXIS Ausgabe 24/2020 (Download PDF)

Da digitale Benutzerschnittstellen mehr und mehr Bereiche unseres Lebens einnehmen werden, ist es erforderlich, ein tiefes Verständnis der Auswirkungen auf die Nutzerinnen und Nutzer und deren unterschiedliche Bedürfnisse und Wahrnehmungen aufzubauen, sodass die entwickelten Systeme für jeden gleichermaßen zugänglich und zufriedenstellend sind. Denn letztendlich geht es um uns!

* Franziska Schneider arbeitet als User Experience Designerin bei macio am Standort in Kiel.

(ID:46984113)