Sanktionen gegen den Aggressor US-Chip-Embargo trifft Russland hart

Von Michael Eckstein

Russland bezieht rund 70 Prozent seiner benötigten Chips aus dem ideologisch nahen China. Trotzdem trifft das US-Chiptechnologie-Embargo das Land hart. Ganze Industriezweige haben ihre Mitarbeiter bereits in den Zwangsurlaub geschickt. Je länger der Krieg dauert, desto mehr wird diese Entwicklung zum Problem für Putins Regime.

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Intel hat wie viele andere Hochtechnologie-Hersteller Exporte seiner Halbleiterprodukte nach Russland gestoppt.
Intel hat wie viele andere Hochtechnologie-Hersteller Exporte seiner Halbleiterprodukte nach Russland gestoppt.
(Bild: Intel Corporation)

Seit der Westen den russischen Aggressor als Antwort auf dessen Einmarsch in die Ukraine mit umfangreichen Sanktionen belegt hat, haben über 600 international tätige Unternehmen ihre Geschäftstätigkeiten in Russland reduziert, eingefroren – oder haben sich gleich ganz aus dem Riesenreich zurückgezogen.

Damit nicht genug: Als Reaktion auf die blutige Invasion hat die US-Administration ein vollständiges Verbot für den Verkauf von US-amerikanischen Halbleitertechnologien an Russland verhängt. Das betrifft auch Firmen, die außerhalb der USA beheimatet sind: So machte die stellvertretende US-Handelsministerin für Industrie und Sicherheit, Thea Rozman Kendler klar, dass kein Unternehmen Produkte an Russland verkaufen darf, die aus Sicht der USA im Ausland unter Verwendung sensibler US-Technologie hergestellt wurden und werden.

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US-Technologie fast überall

Angesichts der marktbeherrschenden Stellung von US-Technologien entlang der gesamt Halbleiter-Wertschöpfungskette – von Schaltungs-IP über Chip-Design- und -Verifikations-Tools bis hin zu Produktionsanlagen – ist es derzeit fast unmöglich, moderne Prozessoren und andere integrierte Schaltkreise zu entwerfen, zu entwickeln und herzustellen, ohne bis zu einem gewissen Grad auf amerikanische Hard- und Software zurückzugreifen.

Sollten Länder die Strafmaßnahmen unterlaufen, laufen sie Gefahr, selbst mit Sanktionen belegt zu werden. Kendler ist sicher, dass das Vorgehen wirkt: „Russlands Zugang zu Spitzentechnologie aus den USA und Partnerländern wird zum Erliegen kommen!“ Seine Verteidigungsindustrie, sein Militär und seine Nachrichtendienste würden nicht mehr in der Lage sein, die meisten im Westen hergestellten Produkte zu erwerben.

Sanktionen waren angekündigt, Putin hatte die Wahl

Bereits als sich Hinweise auf einen russischen Angriff gegen die Ukraine verdichteten, hatte die US-Administration davor gewarnt, im Falle einer Invasion Halbleiterlieferungen an Russland zu sanktionieren. Ihren Worten hat die Biden-Regierung schnell Taten folgen lassen. „Wir werden ihre Fähigkeit beeinträchtigen, in der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts zu konkurrieren“, sagte der Regierungschef. Die Sanktionen würden Russland von Computerchips für Smartphones, Autos und auch Raketen abschneiden.

Natürlich lässt sich nicht hundertprozentig ausschließen, dass über verschlungene Handelswege doch Chips nach Russland gelangen – zumal beispielsweise China die Sanktionen gegen seinen nach Worten von Präsident Xi „besten Freund“ Russland nicht unterstützt. Auch Indien will nicht mit dem Reich des Despoten Putins brechen – zu sehr hängt das Riesenland an russischen Energie- und Militärlieferungen. Trotzdem dürfte der Aggressor mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, an die begehrte Ware zu kommen. Zumal China selbst (noch) nicht in der Lage ist, hochmoderne Logikchips mit modernsten Verfahren zu fertigen.

Boykott-Auswirkungen am Beispiel Huawei

Welche Auswirkungen Chip-Boykotte haben können, zeigt der Fall Huawei: Die USA hatten den chinesischen Telekommunikationsausrüster und Smartphone-Produzenten ab 2020 mit einem weitreichenden Bann belegt, der es auch Produzenten außerhalb der USA untersagte, Chips an Huawei zu liefern, sofern bei der Entwicklung oder bei der Produktion US-amerikanische Technologie zum Einsatz kommt.

Die Folge: Besonders die Smartphone-Verkäufe des chinesischen Vorzeigeunternehmens brachen dramatisch ein. Huawei verlor seine erst kurz zuvor erreichte Pole-Position und rutschte bis Ende 2020 auf den sechsten Platz ab. Im Q1-2021 hatte das Unternehmen gerade noch 4 Prozent Marktanteil. Ende 2020 hat Huawei seine Smartphone-Sparte Honor verkauft, will unter dem eigenen Namen aber noch Premium-Handys bauen.

Ende 2021 wurde zudem bekannt, dass Huawei aufgrund der Sanktionen auch seine x86-Server-Sparte verkauft. Schwer angeschlagen ist auch die Chip-Tochter von Huawei: Hisilicon ist längst aus der Top-5-Riege der global erfolgreichsten IC-Designer herausgefallen, da es keine Halbleiterfertiger für ihre fortschrittlichen Chips findet, die nicht unter die Sanktionen fallen. Derzeit hängt das Unternehmen am Tropf der Mutter. Das asiatische Nachrichtenportal Digitimes hat berichtet, dass Huawei derzeit seine erste Wafer-Fab baut, in der Hisilicon dann zum Beispiel Chips für optische Kommunikationtechiken fertigen lassen kann. Die Produktion in Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei soll noch 2022 anlaufen.

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Hunderttausende russische Arbeiter sind bereits im Zwangsurlaub

Wie NTV-Korrespondent Rainer Munz aus Moskau berichtet, treffen die westlichen Sanktionen Russland hart – entgegen allen Dementis aus dem Kreml: Laut Munz sind bereits hunderttausende Arbeiter aus der Industrie in den Zwangsurlaub geschickt worden. Zudem hätten russische Wirtschaftsexperten bestätigt, dass dies erst der Anfang sei.

Auch bei den russischen Chip- und Systemherstellern gibt es Anzeichen, dass die Strafmaßnahmen ihre Wirkung nicht verfehlen. Nach Angaben russischer Medien hat etwa der milliardenschwere Oligarch Alisher Usmanov, gegen den die USA Sanktionen verhängt haben, versucht, seine Beteiligung an Yadro zu verkaufen. Yadro stellt OpenPOWER-kompatible Server her und entwickelt über die Tochtergesellschaft Syntacore auch RISC-V-Chips.

Ein weiteres Beispiel ist Baikal Electronics, ein ebenfalls russisches Chip-Unternehmen, das SPARC- und Arm-basierte Chips entwickelt(e) und bisher bei dem taiwanesischen Auftragsfertiger TSMC produzieren ließ. Doch mittlerweile hat TSMC sämtliche Chiplieferungen nach Russland ausgesetzt. Während in der ersten Märzwoche die Homepage von Baikal noch erreichbar war, prangt seitdem lediglich ein großes Banner darauf: „Under construction“. Unwahrscheinlich, dass das Unternehmen so lange lediglich an der Umgestaltung seines Internetauftritts werkelt. Möglicherweise hat Baikal seinen Betrieb bereits eingestellt.

Im Gegensatz dazu beeinträchtigen die Strafmaßnahmen global agierende Chip- und Technologielieferanten kaum. Denn weltweit entfallen lediglich 0,1 Prozent der Chipverkäufe auf Russland. Marktforscher IDC schätzt, dass der russische ITK-Chipmarkt einen Handelswert von 50 Milliarden US-Dollar hat – bei einem Weltmarktvolumen von 4,5 Billionen Dollar. „Russland ist kein bedeutender Direktabnehmer von Halbleitern“, betont denn auch John Neuffer, Geschäftsführer des US-Verbands der Halbleiterindustrie (SIA).

Russlands Problem: Abgeschnürt von Hochtechnologiechips

Russland bezieht bislang etwa 70 Prozent seiner Chips aus China. Offiziell bestreitet das „Reich der Mitte“, dass es die von den USA und der EU verhängten Sanktionen umgeht – zumindest nicht „absichtlich“: „Wir tun nichts absichtlich, um die von den Amerikanern und Europäern gegen Russland verhängten Sanktionen zu umgehen“, sagte laut dem Nachrichtenportal „Zeit online“ der Generaldirektor der Abteilung für europäische Angelegenheiten des chinesischen Außenministeriums, Wang Lutong, auf einer Pressekonferenz am 2. April.

Bereits diese Formulierung legt die Vermutung nahe, dass unbeabsichtigt doch die ein oder andere Chip-Lieferung ihren Weg ins Land des Aggressors finden könnte. Doch Highend-Chips werden möglicherweise kaum darunter sein: China kann bis dato selbst, ohne US-amerikanische Technologie, nur verhältnismäßig einfache Chips herstellen. Für Highend-Rechenchips, die womöglich zur Steuerung von Raketen und anderen Waffensystemen nötig sind, fehlen (noch) die technologischen Voraussetzungen.

Grundstoffe für Chipproduktion taugen kaum noch als Druckmittel

Zumindest einen Trumpf hat Russland in der Hand: seine reichhaltigen Bodenschätze. Das Land ist neben der Ukraine zum Beispiel ein bedeutender Lieferant von Neongas und Palladium – beides wichtige Komponenten für die Chipherstellung. Einige Analysten befürchten, dass Russland dies ausnutzen könnte, um sich an den US-Sanktionen zu rächen. Zum Glück haben viele Halbleiterhersteller aus der jüngeren Geschichte gelernt, genauer: aus dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2014 und der völkerrechtlich unrechtmäßigen Annexion der Halbinsel Krim.

Beides hatte zu einem enormen Anstieg der Preise für Neon geführt – woraufhin die Unternehmen sich weitere Lieferanten gesucht haben. Mittlerweile verfüge die Halbleiterindustrie „über eine Vielzahl von Lieferanten für wichtige Materialien und Gase, so dass wir nicht glauben, dass es unmittelbare Risiken für Lieferunterbrechungen im Zusammenhang mit Russland und der Ukraine gibt“, versichert Neuffer.

Die beschriebenen Entwicklungen werden hoffentlich dazu beitragen, dass Putins Kriegsmaschine auch wegen fehlender Teile ins Stocken gerät. Das wäre eine gute Nachricht nicht nur für die Ukraine.

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