Mega-Deal soll verhindert werden US-Aufsichtsbehörde klagt gegen Arm-Übernahme durch Nvidia

Von Sebastian Gerstl

Die amerikanische Marktaufsichtsbehörde FTC hat ein Rechtsverfahren gegen die geplante, 54 Mrd. US-$ schwere Übernahme von Arm durch Nvidia eingeleitet. Ziel ist, den historisch größten Merger auf dem Halbleitermarkt zu verhindern.

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Neues Hindernis für die geplante Übernahme von Arm durch NVIDIA: Nach den Prüfungen durch die britische Marktaufsichtsbehörde und das EU-Kartellamt hat nun die US-amerikanische FTC rechtliche Mittel eingeleitet, um den Merger zu verhindern.
Neues Hindernis für die geplante Übernahme von Arm durch NVIDIA: Nach den Prüfungen durch die britische Marktaufsichtsbehörde und das EU-Kartellamt hat nun die US-amerikanische FTC rechtliche Mittel eingeleitet, um den Merger zu verhindern.
(Bild: NVIDIA)

Die geplante Übernahme des britischen Prozessoranbieters Arm durch den US-amerikanischen GPU-Spezialisten Nvidia steht auf immer wackeligeren Füßen: Die US-amerikanische Federal Trade Commission (FTC) hat rechtliche Schritte eingeleitet, um die Übernahme zu verhindern. Damit schließt sich die amerikanische Marktaufsichtsbehörde den Tendenzen ein, die auch in Europa vorherrschen. Sowohl die britische Wettbewerbsaufsicht Competition and Market Authority (CMA)und die EU-Kartellbehörde hatten zuvor bereits tiefgreifende Untersuchungen gegen den geplanten Merger eingeleitet.

FTC fürchtet Innovationsbremse und Nachteile für andere US-Unternehmen

Grundsätzlich würde die US-Aufsichtsbehörde eine Übernahme dieser Größe begrüßen, würde es doch eine signifikante Stärkung des amerikanischen Unternehmens Nvidia darstellen. Allerdings fürchtet die FTC, dass mit der Übernahme eines für den globalen Markt so wichtigen Anbieters wie Arm schwerwiegende Nachteile für andere US-Firmen m it sich bringen dürfte. Arms Reichweite im Technologiemarkt, ganz speziell dank seiner ARM-Prozessorarchitektur, sei demnach ein kritischer Faktor, der es nicht nur Nvidia, sondern eben auch zahlreichen anderen, in ähnlichen Bereichen tätigen Unternehmen - im Sinne der FTC speziell mit Blick auf die USA - überhaupt erst einen Wettbewerb ermöglicht. Die Klage der amerikanischen Wettbewerbsbehörde legt nahe, dass die geplante Fusion Nvidia die Möglichkeit geben dürfte, seine Kontrolle über diese Technologie zu nutzen, um seine Konkurrenten zu untergraben. Das würde den Wettbewerb einschränken, und letztlich zu einer geringeren Produktqualität, weniger Innovation, höheren Preisen und einer geringeren Auswahl führen, was „Millionen von Amerikanern schaden würde, die von Arm-basierten Produkten profitieren,“ heißt es in der Klageschrift.

„Der geplante vertikale Zusammenschluss würde einem der größten Chiphersteller die Kontrolle über die Computertechnologie und -designs geben, auf die sich konkurrierende Unternehmen bei der Entwicklung ihrer eigenen konkurrierenden Chips verlassen,“ heißt es in der offiziellen Stellungnahme der FTC zu der eingeleiteten Klage gegen den Nvidia-Arm-Deal. Die FTC befürchte, „dass das fusionierte Unternehmen die Mittel und den Anreiz hätte, innovative Technologien der nächsten Generation zu unterdrücken, darunter solche, die für den Betrieb von Rechenzentren und Fahrerassistenzsystemen in Autos verwendet werden.“ Nvidia ist gerade in den beiden letztgenannten Märkten stark vertreten.

„Die FTC klagt gegen die größte Halbleiterchip-Fusion in der Geschichte, um zu verhindern, dass ein Chipkonglomerat die Innovationspipeline für Technologien der nächsten Generation zurüchhält“, sagte Holly Vedova, Direktorin des FTC Bureau of Competition. „Die Technologien von morgen hängen davon ab, dass die wettbewerbsfähigen Spitzen-Chipmärkte von heute erhalten bleiben. Die geplante Übernahme würde die Anreize für Arm auf den Chipmärkten verzerren und es dem fusionierten Unternehmen ermöglichen, die Konkurrenten von Nvidia auf unfaire Weise zu untergraben.“ Die Klage solle „ein starkes Signal aussenden, dass wir aggressiv handeln werden, um unsere kritischen Infrastrukturmärkte vor illegalen vertikalen Fusionen zu schützen, die weitreichende und schädliche Auswirkungen auf zukünftige Innovationen haben.“

Die Klageschrift konzentriert sich speziell auf drei globale Märkte, auf die sich die Übernahme Arms durch Nvidia entsprechend auswirken würde:

  • Hochentwickelte Fahrerassistenzsysteme für Personenkraftwagen. Diese Systeme bieten computergestützte Fahrfunktionen, wie z. B. automatischer Spurwechsel, Spurhaltung, Ein- und Ausfahrt auf die Autobahn und Kollisionsvermeidung;
  • DPU SmartNICs, die als fortschrittliche Netzwerkprodukte die Sicherheit und Effizienz von Servern in Rechenzentren erhöhen, und
  • Arm-basierte CPUs für Cloud Computing Service Provider. Diese „neuen und aufkommenden“ Produkte nutzen die Technologie von Arm, um die Anforderungen moderner Rechenzentren, die Cloud-Computing-Dienste anbieten, an Leistung, Energieeffizienz und Anpassungsfähigkeit zu erfüllen. „Cloud Computing“ bezieht sich auf das immer beliebter werdende Computing-Geschäftsmodell, bei dem große Rechenzentrumsbetreiber Computing-Dienste aus der Ferne bereitstellen und/oder Rechenressourcen direkt zur Miete anbieten sowie andere Support-Dienste für Kunden bereitstellen, die dann Anwendungen ausführen, Websites hosten oder andere Computing-Aufgaben auf den Remote-Servern - d.h. „der Cloud“ - durchführen können.

Zugang zu sensiblen Daten von Lizenznehmern besonders heikel

Ebenso befürchtet die FTC, dass der geplante Merger Nvidia Zugang zu sensiblen Informationen geben dürfte, die sich aus den Geschäftsbeziehungen anderer Lizenznehmer der ARM-Prozessortechnologie ergeben. Zahlreiche davon - unter anderem weltweite Halbleiter-Spitzenunternehmen wie Qualcomm, Intel, Samsung oder AMD-Xilinx - zählen zu direkten Konkurrenten Nvidias in den genannten Märkten.

Lizenznehmer verlassen sich auf Arm, um Unterstützung bei der Entwicklung, dem Design, dem Testen, der Fehlerbehebung, der Wartung und der Verbesserung ihrer Produkte zu erhalten, so die Klageschrift. Arm-Lizenznehmer teilen relevante, für den Wettbewerb sensible Informationen mit dem britischen Prozessor-IP-Anbieter, weil Arm als ein neutraler Partner gilt und nicht als ein Rivale auf dem Chip-Markt auftritt.

Die Übernahme durch Nvidia würde zu einem kritischen Vertrauensverlust in Arm und sein Ökosystem führen. Sie dürfte entsprechend auch Innovationsbereitschaft auf Basis der Technologie ausbremsen, oder Innovationen beseitigen, die bei Arm in Entwicklung seien aber den Bestrebungen von Nvidia zuwiderlaufen könnten. „Das fusionierte Unternehmen hätte weniger Anreize, anderweitig vorteilhafte neue Funktionen oder Innovationen zu entwickeln oder zu ermöglichen, wenn Nvidia feststellt, dass sie Nvidia schaden könnten,“ heißt es seitens der FTC.

Klage dürfte sich mindestens bis Sommer nächsten Jahres hinziehen

Die angestoßenen Rechtsmittel müssen nun erst ihren Weg durch die Behörden gehen, ehe eine endgültige Entscheidung in der Sache fällt.

Die Klage der FTC gegen die Fusion soll in einem Verwaltungsverfahren verhandelt werden. Die Anhörung beginnt voraussichtlich am 9. August 2022.

Nvidia hatte im September 2020 dem derzeitigen Eigentümer von Arm Ltd., dem japanischen Softbank-Konzern, die historische Summe von 40 Mrd. US-$ für die Übernahme der britischen Prozessorschmiede geboten. Inzwischen ist das Angebot auf 54. Mrd. US-$ erhöht worden. Sollte die Transaktion abgeschlossen werden, würde es den mit Abstand teuersten Merger in der Geschichte des Halbleitermarktes darstellen.

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