Halbleiterhersteller in der Zwickmühle Ukraine-Krieg beunruhigt auch Chinas Chiphersteller

Von Henrik Bork

China lehnt die Wirtschaftssanktionen gegen Russland strikt ab. Noch ist daher unklar, ob chinesische Chiphersteller – zumindest teilweise – dem von US-Präsident Biden ausgerufenen Halbleiter-Lieferboykott folgen werden. Gleichzeitig könnte China zum Kriegsprofiteur in Sachen wichtige Rohstoffe für die Chipproduktion werden.

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Russland bezieht rund 70 Prozent seiner benötigten Halbleiter aus China. Würden chinesische Hersteller wie der SMIC keine Chips mehr liefern, da sie amerikanisches Equipment einsetzen und somit vom US-Embargos betroffen wären, träfe dies die russische Wirtschaft hart. Doch bislang hält China zum Aggressor.
Russland bezieht rund 70 Prozent seiner benötigten Halbleiter aus China. Würden chinesische Hersteller wie der SMIC keine Chips mehr liefern, da sie amerikanisches Equipment einsetzen und somit vom US-Embargos betroffen wären, träfe dies die russische Wirtschaft hart. Doch bislang hält China zum Aggressor.
(Bild: SMIC)

Könnten chinesische Chip-Hersteller die neuen US-Sanktionen gegenüber Russland unterlaufen? Dies sei momentan noch unklar, sagen Analysten in China. Doch Halbleiter-Produzenten in der Volksrepublik dürften nicht unbedingt nicht automatisch dem Aufruf von US-Präsident Joe Biden folgen. Sie seien eine Art „unbekannter Trumpfkarte“ in den Bemühungen des Westens, Moskau mit Hilfe von Halbleiter-Boykotten abzustrafen.

Russland importiert etwa 70% seiner Halbleiter aus der Volksrepublik China. Peking hat ausgeschlossen, sich an den Wirtschaftssanktionen der USA und Europas als Antwort auf Moskaus militärische Invasion in der Ukraine zu beteiligen. Auch wenn in China noch keine Hochleistungs-Chips etwa im 5-Nanometer-Bereich hergestellt werden können, seien Chips „Made in China“ gut genug für viele russische Hersteller von Autos und Haushaltsgeräten, sind Beobachter in Peking und Shanghai überzeugt.

China hält weiterhin zum Aggressor Russland

Damit wäre die Effektivität von Wirtschaftssanktionen gegenüber Russland in der Halbleiterindustrie stark relativiert – auch wenn Russland für Raketenleitsysteme und ähnliche militärische Anwendungen teilweise auf leistungsfähigere Chips aus den USA angewiesen sein könnte.

Theoretisch gelten die in Washington verhängten Sanktionen für Chip-Hersteller weltweit, sofern sie in ihrer Produktion auch amerikanische Technologien verwenden. Dazu würde dann beispielsweise auch der führende chinesische Chiphersteller, die „Semiconductor Manufacturing International Corporation“ (SMIC) in Shanghai zählen. SMIC benutzt unter anderem Maschinen von amerikanischen Herstellern wie Applied Materials Inc.

Chinesische Hersteller sind „eine Art Wild Card“

Es sei jedoch derzeit unsicher, ob SMIC Russland ebenfalls aus seiner Kundenkartei streichen werde, schreibt die Hongkonger Zeitung South China Morning Post. Vielmehr seien das Unternehmen und andere Chiphersteller in der Volksrepublik gerade eine Art „Wild Card“, was die Chip-Sanktionen gegenüber Moskau betrifft, schreibt das Blatt.

Obwohl China die US-Sanktionen vermutlich ignorieren und weiterhin Halbleiter nach Russland liefern wird, dürfte dies nur eine relativ kleine Auswirkung auf den internationalen Handel mit Chips haben, sagen Marktbeobachter. „Russland ist kein signifikanter Endverbraucher von Halbleitern,“ sagt John Neuffer, Leiter der amerikanischen Semiconductor Industry Association (SIA). Russland sei nur für 0,1% aller globalen Halbleiterkäufe verantwortlich, so Neuffer.

Verteuert der Krieg wichtige Rohstoffe für die Chipfertigung?

In China gibt es momentan allerdings Sorgen um die eigene Halbleiterproduktion, weil der Krieg in der Ukraine die Lieferketten für wichtige Rohstoffe unterbrechen oder diese Rohstoffe zumindest stark verteuern könnte. „Während der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine eskaliert, könnte die internationale Versorgung mit Neongas, Palladium und anderen Rohmaterialien gestört werden, was die globale Chipkrise weiter verschärfen könnte”, schreibt die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua.

So stammten etwa 70% des in Lithographie-Maschinen benötigten Neongases höchster Reinheit aus der Ukraine, berichtet Xinhua unter Berufung auf das Marktforschungs-Institut TrendForce. Das Beiprodukt der russischen Stahlindustrie wurde bislang gewöhnlich von Unternehmen in der Ukraine verfeinert und dann in alle Welt exportiert, auch in die USA und nach China.

Halbleiterproduktion braucht Palladium – Russland liefert weltweit 40% davon

Auch sei Russland der weltweit größte Produzent von Palladium, dominiere 40% der globalen Produktion des Materials. Neben der Chipproduktion könnte auch die chinesische Automobilindustrie leiden, sollte sich Palladium weltweit verknappen, fürchten chinesische Industrieverbände. Palladium wird unter anderem zur Produktion von Katalysatoren gebraucht.

Schon jetzt steigen die Preise für Neongas auf dem Weltmarkt stark, was auch chinesische Chiphersteller trifft. Von 600 Yuan pro Kubikmeter (rund 87 Euro) waren sie im vergangenen Jahr aufgrund der starker Nachfrage bereits auf 1.700 Yuan (rund 246 Euro) gestiegen. Seit Ausbruch der Feindseligkeiten ist der Preis von reinstem Neongas in China bereits auf 2.100 Yuan (rund 304 Euro) pro Kubikmeter gestiegen.

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China kann drohende Materialengpässe ausgleichen

Allerdings dürften eventuelle Engpässe in China selbst nur vorübergehender Natur sein. China ist selbst einer der größten Stahlproduzenten der Erde. Auch beherrschen schon mehrere chinesische Unternehmen die Produktion von purem Neongas mit einem Reinheitsgrad von 99,99%. Zur Not können chinesische Chip-Produzenten ihren Bedarf an Neongas und anderen Edelgasen also aus heimischer Produktion decken.

Chinesische Hersteller wie „Hunan Kaimeite Gases“ oder „Guangdong Huate Gas“, die neben Neongas auch Krypton und Xenon herstellen, könnten damit mittelfristig sogar zu den Gewinnern des Krieges in der Ukraine zählen, denken Marktbeobachter in China. „Falls die Versorgung mit Neongas und Kryptongas aus der Ukraine blockiert werden sollte, dann wird erwartet, dass Kaimeite und Huate davon profitieren werden,” schreibt das chinesische Wirtschaftsmagazin Diyi Caijing.

* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den asiatischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.

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