Für rund 7,6 Milliarden US-Dollar TSMC baut erstmals Chip-Fabrik in Japan

Autor / Redakteur: Henrik Bork / Michael Eckstein

TSMC plant eine neue Chip-Fabrik in Japan. Dies gab der CEO des weltgrößten Auftragsherstellers von Halbleitern während eines Gesprächs mit Investoren bekannt. Japan wird sich an den Investitionen für die neue Fab beteiligen.

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Der weltweit größte IC-Auftragsfertiger TSMC will eine Chip-Fertigung in Japan aufbauen. Ob sie ähnlch futuristisch ausschauen wird wie die hochmoderne Fab 16 im Bild, ist nicht bekannt.
Der weltweit größte IC-Auftragsfertiger TSMC will eine Chip-Fertigung in Japan aufbauen. Ob sie ähnlch futuristisch ausschauen wird wie die hochmoderne Fab 16 im Bild, ist nicht bekannt.
(Bild: TSMC)

Die neue Produktionsanlage, die erste des Konzerns in Japan, werde sich auf Chips in den Größen 22 und 28 Nanometer konzentrieren, die für viele Anwendungen von Bildsensoren bis hin zu Mikro-Controllern einsetzbar sind, sagte C.C. Wei, CEO von TSMC, laut einem Bericht des Nachrichtenmagazins Nikkei Asia. Der TSMC-Verwaltungsrat müsse dem Plan noch zustimmen.

Japans Premier Fumio Kishida sagte am selben Tag auf einer Pressekonferenz, dass sich die japanische Regierung an den Investitionen für die neue TSMC-Fabrik beteiligen werde. Insgesamt soll die neue Produktionsstätte rund 7,6 Milliarden Euro kosten. „Die Halbleiterindustrie unseres Landes wird unentbehrlicher werden und autarker und damit einen wesentlichen Beitrag zu unserer wirtschaftlichen Sicherheit leisten,“ sagte Kishida.

Gesinnungswandel in Japan

Die Ankündigung bedeutet, dass Japan auf den globalen Chip-Mangel nun mit einer radikalen Wende in seiner Industriepolitik reagiert. Solche Subventionen von Halbleiter-Fabriken hatten bislang nicht zum Took-Kit der Wirtschaftsplaner in Tokio gehört.

Sobald der Aufsichtsrat von TSMC zugestimmt hat, wird dies die erste Halbleiterproduktion des Konzerns in Japan werden. Bisher sind fast die gesamten Produktionskapazitäten des taiwanesischen Konzerns in Taiwan selbst und in der VR China konzentriert. Die Regierung in Tokio blicke mit Sorge auf die Versorgungsmängel der Industrie und auch auf die wachsenden militärischen Spannungen in der Meerenge von Taiwan, sagten Analysten in Japan, als erste Nachrichten über die neue Fabrik durchsickerten.

Ausbau heimischer Produktionskapazitäten essenziell für Japan

„Mit Hinblick auf die Sicherung des Wirtschaftsstandortes Japan hat die japanische Regierung beschlossen, dass es essenziell wichtig ist, heimische Produktionskapazitäten für fortgeschrittene Halbleiter aufzubauen,“ schreibt Nikkei Asia.

Die neue Chip-Fabrik soll noch unbestätigten Berichten zufolge in Kumamoto auf der westjapanischen Insel Kyushu entstehen, direkt neben einer Sony-Fabrik für Bildsensoren. Der Sony-Konzern, der dem Bericht zufolge auch eine Beteiligung an einem eigens zum Betrieb der Fabrik gegründeten Unternehmen erwägen soll, wolle dafür eigenes Land zur Verfügung stellen, hieß es. Weder TSMC noch der japanische Premier bestätigten diese Berichte über eine Beteiligung von Sony jedoch in ihren ersten Ankündigungen vom Donnerstag.

Im Fokus: Chips für Automotive und Kameras

Die neue Fabrik solle ab 2024 vor allem Chips für die Automobilindustrie, Bildsensoren in Kameras und ähnliche Anwendungen herstellen, berichtete ergänzend die Nachrichtenagentur Reuters. Auch der Automobilzulieferer Denso, ein Teil der Toyota Motor Group, denke über eine Beteiligung an der neuen Chipfabrik nach, eventuell durch die Bereitstellung von Maschinen schreibt Nikkei Asia.

Japan reiht sich damit nun in den wachsenden Reigen von Ländern ein, die aus Sorge um die Lieferketten ihrer Auto- und Elektronik-Industrien, aber auch aus Sorge um die Versorgung ihrer Streitkräfte mit Halbleitern ein aktives „Onshoring“ ihrer Halbleiterindustrie betreiben.

Neuer Trend zum „Onshoring“ der Chip-Industrie

Auch die EU und die USA haben ähnliche Programme beschlossen und versuchen, wichtige Chip-Produzenten mit Milliardensubventionen anzulocken – mit Erfolg: So will etwa Intel rund 80 Milliarden Euro in Europa investieren (inklusive etwa 26 Milliarden Euro Subventionen). Vielen Analysten zufolge ist das Vorgehen nötig, um die Herstellung von Halbleitern in Hochlohnländern wie den USA oder Deutschland – deren heimischer Konsum von Chips zudem viel kleiner ist als der in der Volksrepublik China – auch nur annähernd wettbewerbsfähig zu machen.

Immer wieder gibt es auch Medienberichte, denen zufolge TSMC den Bau einer Halbleiterfabrik im „Silicon Valley Saxony“, also in Dresden in Deutschland, plane. Die Gespräche dazu befänden sich aber noch „ihrem Anfangsstadium“, hatten Sprecher von TSMC zuletzt im Juli erklärt. Der Konzern hatte sich zuerst auf die Öffnung einer Halbleiter-Produktion mit einem Investitionswert von 3,5 Milliarden US-Dollar im US-Staat Arizona konzentriert. Die Deutschen warten bislang vergeblich.

F&E-Zentrum in Japan als Vorhut

Auch Tokio hatte jahrelang um TSMC geworben, bis die Gespräche nun Früchte getragen haben. Schon im Juni dieses Jahres hatte die japanische Regierung einen Plan veröffentlicht, den Bau eines Forschungs- und Entwicklungs-Zentrums für mehr als 300 Millionen US-Dollar in Tsukuba zu fördern, an dem 20 japanische Firmen und TSMC beteiligt werden sollen.

Bis vor wenigen Jahren war Japan eher durch die schrittweise Abwanderung seiner Halbleiterindustrie aufgefallen. Im Industrieministerium METI in Tokio habe man noch vor einigen Jahren gedacht, dass „Chips etwas sind, das man in Taiwan kaufen kann,“ zitiert Nikkei Asia einen Experten. Japans globaler Marktanteil an der Halbleiter-Produktion war innerhalb weniger Jahrzehnte von etwa 50 auf nun zehn Prozent gesunken.

Der Markt alleine hat es nicht gerichtet

Bevor Regierungsvertreter in Tokio ihre Verhandlungen mit TSMC begonnen hatten, wollte man die Halbleiter-Industrie in Japan eher dem Markt überlassen. Auch jetzt gibt es noch Stimmen, die eine nachhaltige Wiederbelebung der Industrie in Japan selbst als zu teuer und unrealistisch bezeichnen. Der Bau einzelner Fabriken könne nicht das zur Halbleiter-Produktion nötige Ökosystem aus Zulieferern, geschultem Personal und anderen wichtigen Komponenten wiederherstellen, sagen die Kritiker der neuen Industriepolitik.

Aus der Perspektive der Taiwanesen ist der Bau von Fabriken in den USA, Japan und möglicherweise Deutschland einerseits eine Möglichkeit, wieder besser in seinen Absatzmärkten verwurzelt zu sein. Andererseits ist es auch eine Entscheidung, die das politische Risiko des andauernden US-chinesischen Handelskrieges zu mindern hilft.

Risikominimierung durch weltweit verteilte Produktionsstätten

TSMC hatte im September angekündigt, künftig keine Halbleiter mehr an den chinesischen Huawei-Konzern zu liefern. Der Auftragshersteller sieht sich starkem Druck der US-Regierung ausgesetzt, die ihre von Donald Trump begonnene Politik der wirtschaftlichen Drosselung des chinesischen Wirtschaftswachstums durch Halbleiter-Boykotte auch unter dem jetzigen Präsidenten Joe Biden fortsetzt.

Marktbeobachter vermuten, dass der Lieferstopp für Huawei starke Auswirkungen auf das China-Geschäft von TSMC haben könnte. Schon in diesem Jahr könnte der Absatz in der Volksrepublik um bis zu 30 Prozent zurückgehen, zitiert die regierungsnahe Zeitung Global Times in Peking chinesische Analysten.

* Henrik Bork ist Analyst der in Peking ansässigen Agentur Asia Waypoint.

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