Strategische Milliarden-Investition TSMC baut 28-nm-Fab in China

Autor / Redakteur: Henrik Bork / Michael Eckstein

Milliarden für die Massen: Der weltgrößte IC-Hersteller TSMC baut für knapp 3 Mrd. US-Dollar eine 28-nm-Fab in China – also direkt beim Hauptabnehmer. Auch, um die hohe Nachfrage nach Auto-ICs im Reich der Mitte zu bedienen.

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Bunte Mischung: Der 28-nm-Prozess gilt als ausgereifte Mainstream-Technik, mit der sich zuverlässig ICs für ein breites Anwendungsspektrum fertigen lassen.
Bunte Mischung: Der 28-nm-Prozess gilt als ausgereifte Mainstream-Technik, mit der sich zuverlässig ICs für ein breites Anwendungsspektrum fertigen lassen.
(Bild: TSMC)

Der taiwanesische Chip-Hersteller TSMC (Taiwan Semiconductor Manufacturing Corporation) investiert 2,8 Milliarden US-Dollar in neue Produktionskapazitäten in China. Mit dem Geld sollen neue Fertigungslinien für 28-nm-Chips am Standort der Firma in Nanjing gebaut werden. TSMC selbst gab nicht viele Details bekannt, doch die japanische Wirtschaftszeitung Nikkei Asia berichtet, es sei dort eine Ausweitung der Kapazitäten um 40.000 Wafers pro Monat geplant.

Spätestens Mitte 2023 soll mit der Produktion begonnen werden. Die 28-nm-Chips gelten als „reife“ Chip-Generation. Das hat für vereinzelte Kritik aus den Kreisen chinesischer Nationalisten gesorgt, denn TSMC hat kürzlich den Bau einer fortgeschrittenen 5-nm-Produktion im US-Staat Arizona bekannt gegeben. Die Taiwanesen wollten in China nur veraltete Technik ansiedeln, ereiferten sich die Hitzköpfe.

28-nm-Chips bleiben auch langfristig stark nachgefragt

Allerdings zeugt die Kritik von Unwissenheit, denn 28-nm-Chips erfreuen sich nach wie vor größter Nachfrage – beispielsweise kommen sie häufig in Fahrzeugen zum Einsatz. Der gegenwärtige, weltweite Versorgungsengpass mit genau diesen 28-nm-Chips ist ein Grund für die neue Investition von TSMC in China. Es ist die erste Investition des Unternehmens in China seit dem Bau der Fabrik in Nanjing im Jahr 2015.

TSMC war vor etwas mehr als einem Jahrzehnt mit Chips auf Basis dieses Prozessknotens selbst erst richtig groß geworden. Kurz nach der Finanzkrise im Jahr 2008 hatten viele IDM (Integrated Device Manufacturers) wie AMD begonnen, aus Kostengründen ihre eigene Halbleiter-Produktion an sogenannte „Foundries“ oder „Auftragshersteller“ wie TSMC auszulagern.

Bis zu 3.500 Chips pro Auto

Obwohl für Smartphones und andere Endgeräte inzwischen kleinere Chips benutzt werden, wächst der Markt für 28-nm-Chips weiter stark. Die Elektronik-Industrie ist ein großer Abnehmer und wird dies auf absehbare Zeit auch bleiben, denn Fernseher oder Kühlschränke mit IoT-Vernetzung brauchen keine 5-nm-Chips. 28 nm reichen völlig aus.

Die Autoindustrie ist ein weiterer Abnehmer mit wachsendem Bedarf, denn in modernen E-Autos mit „Smart Cockpits“, Fahrassistenz-Systemen und anderen intelligenten Neuerungen werden inzwischen bis zu 3.500 Halbleiter in einem einzigen Fahrzeug verbaut, nicht mehr einige Dutzend bis einige Hundert wie in herkömmlichen Autos mit Verbrennungsmotor.

Auch SMIC investiert Milliarden in 28-nm-IC-Fertigung

TSMC dürfte also auch dann noch auf große Nachfrage stoßen, wenn die neuen Fertigungslinien in Nanjing mit der Produktion beginnen. Allerdings hat auch der chinesische Chip-Hersteller „Semiconductor Manufacturing International Corporation“ (SMIC) vor wenigen Wochen eine Milliarden-Investition in die 28-nm-Produktion in China angekündigt.

Die stark vom chinesischen Staat geförderte Foundry werde 2,35 Millionen US-Dollar in ein neues Joint-Venture mit der Stadtregierung von Shenzhen investieren, berichtete die chinesische Zeitung Global Times.

Auch dieser Schachzug im internationalen Chip-Poker wurde mit dem akuten Mangel an Autochips begründet. Weltweit mussten Autohersteller im ersten Quartal dieses Jahres ihre Produktion um 1,3 Millionen Fahrzeuge reduzieren, weil nicht genügend Chips verfügbar waren – und es noch auf längere Sicht bleiben. Auch in China sind gerade viele OEM von diesen Engpässen betroffen.

TSMC: 100 Milliarden für neue Fabs – aber nicht in Europa

C.C. Wei, der CEO von TSMC, hat kürzlich vor Investoren gesagt, dass der Chip-Mangel „noch dieses Jahr lang andauern“ werde und möglicherweise erst im Jahr 2023 vollständig behoben sein könnte. Sein Unternehmen hat für die kommenden Jahre weltweit insgesamt Investitionen von 100 Milliarden US-Dollar in neue Foundries angekündigt. In Europa allerdings wolle TSMC derzeit nicht investieren, heißt es in Medienberichten unter Berufung auf Beamte in Taiwan.

Der gegenwärtige, globale Chip-Mangel hat mehrere Gründe. Die Lockdowns vieler Länder im Zuge der Coronakrise hatten für Probleme in den Lieferketten für Halbleiter gesorgt. Der Zwang zum Home Office in vielen Branchen hat die Nachfrage nach Computern und Smartphones emporschnellen lassen. Auch ein Brand beim japanischen Autochip-Produzenten Renesas, die vorübergehende Blockade des Suezkanals und Schneestürme in Texas haben den Mangel weiter verschärft.

Grund für Fab-Bau: Chips näher an den Kunden fertigen

Europa und die USA, aufgerüttelt von diesen Entwicklungen und auch besorgt wegen zunehmender politischer Spannungen und Handelskriegen mit China, versuchen derzeit wieder mehr Halbleiter-Produktionen in ihren eigenen Regionen anzusiedeln.

Interessanterweise ist das stärkste Argument für die neue Milliarden-Investition von TSMC in China genau dasselbe, das von den Befürwortern von Chip-Fabriken in Arizona oder Deutschland angeführt wird: Es sei sinnvoll, wieder näher am Kunden zu produzieren, sagen sowohl die CEOs von Chip-Produzenten wie Pat Gelsinger von Intel und Politiker von Washington bis Brüssel. Man habe es mit der Globalisierung übertrieben und besinne sich nun eines Besseren.

IC-Nachfrage in China wächst weiter

Näher am Kunden als in China kann jedoch kein Chip-Hersteller sein, egal in welchem Land sein Hauptquartier steht. In der Volksrepublik, noch immer die „Werkbank der Welt“, werden mehr als die Hälfte aller Halbleiter der Erde verbaut.

Und die Nachfrage wächst gerade noch einmal stark, seit Chinas kommunistische Staats- und Parteiführung stark in Zukunftstechnologien und Anwendungen wie 5G, Künstliche Intelligenz, Datenzentren, Emobilität und autonomes sowie vernetztes Fahren und die Digitalisierung der heimischen Fertigungsindustrie investiert.

Über mangelnde Nachfrage für 28-nm-Chips, die auch in vielen Elektronik-Geräten wie OTT-Boxen oder Smart TVs Anwendung finden, muss sich TSMC in China auch in zwei Jahren ab jetzt, wenn die zusätzliche Produktion beginnt, jedenfalls kaum Sorgen machen, sagen Marktbeobachter in Peking und Shanghai.

* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den chinesischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.

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