„Ein Jahrzehnt schlechter Entscheidungen und schwacher Umsetzung“ Trotz weltweitem Halbleiter-Boom: Intel rechnet 2022 mit Umsatzrückgang

Von Sebastian Gerstl

Während die Geschäfte anderer Chiphersteller boomen, rechnet Intel 2022 mit einem Umsatzrückgang: Trotz Multi-Milliarden-Investitionsstrategie und dem Ausbau der Foundry Services rechnet Intel-CEO erst wieder ab 2025 mit nennenswertem Wachstum. Die aktuelle Lage sei die Konsequenz aus derzeit starker Konkurrenz – und Verfehlungen des Managements in der letzten Dekade.

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Er will ein „Jahrzehnt schlechter Entscheidungen und schwacher Umsetzung“ umkehren: Mit massiven Investitionen in Prozesstechnologien und Foundry-Dienste plant Intel-CEO-Pat Gelsinger, sein Unternehmen wieder zum Marktführer unter den Chipanbietern zu machen. Doch vor 2025 scheint ein ernsthaftes Wachstum nicht in Aussicht zu stehen.
Er will ein „Jahrzehnt schlechter Entscheidungen und schwacher Umsetzung“ umkehren: Mit massiven Investitionen in Prozesstechnologien und Foundry-Dienste plant Intel-CEO-Pat Gelsinger, sein Unternehmen wieder zum Marktführer unter den Chipanbietern zu machen. Doch vor 2025 scheint ein ernsthaftes Wachstum nicht in Aussicht zu stehen.
(Bild: Intel)

Der weltweite Halbleitermarkt boomt: Im Jahr 2021 verzeichneten Analysten einen globalen Umsatz von 583,5 Mrd. US-$, die 25 größten Chipanbieter konnten im Schnitt ein Wachstum von 23% verbuchen. Doch ausgerechnet der jahrzehntelang dominante Platzhirsch kann von diesem Trend nicht profitieren: Auf seinem Investor Meeting 2022 kündigte Intel an, dass das Unternehmen 2022 einen Rückgang seiner Umsätze von 79 Mrd. $ im Jahr 2021 auf nur noch 76 Mrd. $ verzeichnet. Das ist sogar noch etwas weniger, als das Unternehmen noch 2020 verbuchen konnte (77,9 Mrd. US-$).

Intel ist im weltweiten Ranking der größten Halbleiterhersteller mittlerweile hinter Samsung auf Platz 2 gerutscht, nachdem man jahrzehntelang nahezu ununterbrochen die weltweite Führungsposition beanspruchen konnte. Und hatte man bislang auf den Märkten für Server und Desktop-PCs eine dominante Stellung inne, gerät diese nun immer mehr durch den Konkurrenten AMD, der sich mit der Übernahme durch Xilinx weiter verstärkt hat, unter Druck.

Die nächsten Jahre bleiben die Gewinnprognosen „stabil“

Auf der Investorenkonferenz stellte Intel-CEO Pat Gelsinger nun die Schlüsselelemente der weiteren Investitionsstrategie des Unternehmens und den Weg zu einem neuerlichen langfristigem Wachstum vor. Das Unternehmen erwartet, dass seine Gewinnspanne in diesem Jahr sinken und dann für mehrere Jahre stabil sein wird, da es in neue Technologien und Fabriken investiert, um die steigende Chipnachfrage zu befriedigen. Ab 2025 erwarte man wieder einen Anstieg: Auf die 76 Mrd. US-$ im Jahr 2022 rechne man mit einem Wachstum im mittleren bis hohen einstelligen Prozentbereich in den Jahren 2023-2024. Für 2025-2026 stünde dann wieder eine Umsatzsteigerung von 10-12% in Aussicht.

Der Grund hierfür liege nicht nur in der aktuellen Situation des Unternehmens selbst, sondern auch in der Weltmarktlage: Intel rechnet fest damit, dass das aktuelle Hoch bei der Nachfrage nach Chips nicht mehr allzu lange anhalten wird und bald ein Überangebot auf dem Markt herrschen dürfte. Die langfristige Strategie laute daher, eine Gefährdung durch diese veränderte Situation kurzfristig abzuwenden, um in den Jahren danach nach Abflachen des Überangebots wieder durchstarten zu können.

Intel hat sich zu Nettoinvestitionen in Höhe von etwa 27 Mrd. US-$ für den Aufbau neuer Werke verpflichtet. Das bedeutet, dass der Cashflow in der nächsten Zeit wohl bedeutend negativ sein wird und voraussichtlich zwischen -1 und -2 Mrd. US-$ liegt. Dies folgt auf die Ankündigung neuer Fabs in Ohio sowie auf Pläne für Anlagen in Europa..

Die Strategie sieht vor, dass Intel seine potenzielle Gefährdung durch die kommenden Überkapazitäten auf dem Markt verringert. Der anfängliche Schwerpunkt der Investitionen liegt auf dem Aufbau von Foundry-„Gehäusen“, also dem Bau der Werksstätten selbst. Diese haben die längste Vorlaufzeit, machen aber nur einen relativ kleinen Teil der Investitionen aus. Der verfügbare Platz im Rohbau gebe dem Unternehmen die Flexibilität, zusätzliche Kapazitäten in Abhängigkeit von Meilensteinen wie Produktreife, Marktbedingungen und Kundenverpflichtungen in Betrieb zu nehmen, so dass die Investitionskosten für Anlagen geändert werden können. Man werde sich also erst relativ spät im Aufbauprozess festlegen, welche Produktionstechnologien an welchem Standort zum Einsatz kommen werden.

Die Intel Foundry Services werden weiter ausgebaut, wobei auch die jüngste 5,4 Mrd. US-$ schwere Übernahme der israelischen Firma Tower Semiconductor entsprechend Teil der zuvor erwähnten Langzeitstrategie ist. Man spreche zudem mit potenziellen Kunden darüber, Vorauszahlungen zu leisten, um Kapazitäten zu sichern. Dies soll Intel den Vorteil des zugesagten Volumens verschaffen, um für den Fall eines Überangebots auf dem Weltmarkt das Risiko von Investitionen zu mindern und „Kapazitätskorridoren“ bzw. garantierte Kapazität bereitstellen zu können. Dies sei eine Folge aus den Erfahrungen mit TSMC, das in Taiwan eine führende Fabrik für Intel-Chips baut. Zudem wolle man im Anschluss an die angestoßenen Chip-Förderpläne in den USA und Europa mit seinem EU Chips Act sich weiterhin mit den Regierungen über Anreize für inländische Produktionskapazitäten für Spitzen-Halbleiter sprechen.

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„Die anhaltende Verbreitung von Technologie treibt die anhaltende, langfristige Nachfrage nach Halbleitern voran und schafft bis 2030 eine Marktchance von 1 Billion US-Dollar“, sagte Intel-CEO Pat Gelsinger im rahmen des Investor Meeting 2022. „Vor diesem Hintergrund haben wir heute unsere Strategie und unseren Fahrplan skizziert, um das Umsatzwachstum im Jahresvergleich bis 2026 auf 10 % bis 12 % zu beschleunigen, indem wir unsere Innovationskraft verdoppeln, eine noch engere Zusammenarbeit mit unseren Kunden und Partnern vorantreiben und unsere Kernstärken, um traditionelle Märkte erfolgreich auszubauen und neue aufzubrechen. Unsere Ziele sind ehrgeizig, aber ich bin zuversichtlich, dass wir die richtige Strategie und das richtige Team haben, um sie zu erreichen und unseren Aktionären langfristigen Wert zu bieten.“

Das Unternehmen ändert auch seine Geschäftsbereiche, wobei ein Börsengang von Mobileye geplant ist und der Fokus auf Client-, Rechenzentrums-, Netzwerk- und Edge-Märkten liegt.

Die Versäumnisse des vergangenen Jahrzehnts machen sich bemerkbar

Intel hat in den letzten Jahren Boden an den restlichen Wettbewerb verloren. Allein im vergangenen Jahr ist der Börsenkurs des Unternehmens um 22 Prozent eingebrochen. Konkurrenten wie TSMC und Samsung haben bei Prozesstechnologien den einstigen Technologieführer eingeholt. Prozessorhersteller AMD, der seine Produkte in den 7- und 5-nm-Prozessen von TSMC fertigen lässt, hat Intel entscheidende Marktanteile im PC-Geschäft streitig gemacht und erstmals seit fast zwei Jahrzehnten wieder nennenswert Fuß im Server-Geschäft fassen könne. Im Gespräch mit den Investoren machte Gelsinger entsprechend „massive Engpässe“ und die Tatsache, dass „die Konkurrenten gut performen“, für die aktuellen Marktschwierigkeiten von Intel mitverantwortlich.

Aber Gelsinger kritisierte auch den Kurs des Unternehmens unter seinen Vorgängern Swan und Krzanich, ohne diese bei Namen zu nennen. „Wir haben im vergangenen Jahr viel erreicht,“ sagte Gelsinger in einem Gespräch mit dem Nachrichtendienst Bloomberg im Rahmen des Investorentreffens. „Aber man kann nach einer Dekade an schlechten Entscheidungen und schwacher Umsetzung [Intel als stärkere Firma] nicht verändern, nicht reparieren, nicht gleich wieder an der Spitze etablieren. Das wird eine Weile dauern.“ Nach einem Jahr sei man aber bereits auf dem besten Weg dahin, fügte Gelsinger hinzu.

Was ist mit Prozessoren? Analysten reagieren Verhalten auf die Pläne

Marktbeobachter reagierten zum großen Teil verhalten auf Intels Ankündigung, sich mehr auf die Herstellung von Chips und seine Foundry-Services zu konzentrieren. Vor allem AMD dürfte nach Ansicht von Analysten von dieser Situation profitieren und seine Stellung im PC- und vor allem im Servermarkt merklich ausbauen. Tatsächlich rutsche Intels Börsenkurs nach dem Investor Meeting 2022 noch einmal um 6 Prozent ab, während Konkurrent AMD - das bereits auf ein Rekordjahr zurückblickt und das weltweit stärkste Wachstum aller Chipunternehmen verbuchen konnte - noch einmal um einen Prozentpunkt zulegte.

AMDs Marktwert konnte Anfang vergangener Woche den von Intel tatsächlich kurzfristig sogar übertreffen, als das Unternehmen nach erfolgreichem Abschluss der Übernahme von FPGA-Spezialist Xilinx seine Pläne für die Zukunft präsentierte. Derzeit liegt AMD im Makrtwert etwa 1 Milliarde US-$ hinter Intels rund 182 Milliarden US-$ Marktkapitalisierung. Damit sind beide weit entfernt von NVIDIA, das nach einem geradezu explosiven Wachstum in den letzten drei Jahren - trotz geplatzter ARM-Übernahme - derzeit bei 585 Milliarden US-$ liegt..

AMD hatte es Anfang 2021 laut mancher Erhebungen (wie z.B. der des Benchmark- und Performance-Tool-Provider Passmark) zum ersten Mal seit 2005 geschafft, Intels Marktanteil bei Desktop-PC-CPUs zu übertreffen; auch wenn nicht alle Analysten zu dieser Erkenntnis gekommen sind, ist nicht von der Hand zu weisen, dass Intels Dominanz auf diesem Feld trotz eines neuerlichen PC-Booms geschrumpft ist. Nun machen sich auch auf dem Servermarkt veränderte Kraftverhältnisse bemerkbar. 2018 hielt AMD bei Servern noch einen Marktanteil von weniger als 5 %. Nun, Anfang 2022, sind es bereits 15 %. geht die aktuelle Entwicklung weiter, könnte dieser bald sogar auf 25% steigen, sagte Ruben Roy, Analyst bei WestPark Capital, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Wechsel von HP zu Intel: Christoph Schell wird neuer CCO

Unabhängig von der Investorenkonferenz hat Intel zudem einen erneuten Personalwechsel auf Managementebene angekündigt: Christoph Schell wird als neier Vizepräsident und Chief Commercial Officer (CCO) ab dem 14. März die Sales, Marketing and Communications Group (SMG)des Unternehmens leiten. Schell tritt damit die Nachfolge von Michelle Johnston Holthaus an, die Intel zufolge eine neue Rolle als General Manager der Client Computing Gruppe (CCG) übernehmen wird.

„Christoph hat eine außergewöhnliche Erfolgsbilanz bei der Förderung innovativer und disruptiver Markteinführungsstrategien auf der ganzen Welt. Er bringt Expertise im Verständnis von Geschäftssegmenten, Vertikalen und den Lösungen und Dienstleistungen mit, die Kunden wünschen“, sagte Pat Gelsinger, CEO von Intel. „Wir nutzen unsere Kernstärken als Vorteil, um in unseren traditionellen Märkten zu wachsen und unseren Eintritt in neue Märkte zu beschleunigen. Ich bin zuversichtlich, dass Christoph die richtige Führungskraft ist, um diese entscheidende Rolle zu übernehmen und die talentierte SMG-Organisation zu führen, um unsere wachsenden Ambitionen zu erreichen.“

Schell war zuletzt als CCO bei Hewlett-Packard tätig. Insgesamt hat er 25 Jahre in verschiedenen Funktionen bei HP zugebracht, darunter auch die Leitung des Bereichs 3D Printing & Digital Manufacturing. Die neue Personalie ist Teil des drastischen Umbaus der Intel-Führungsebene unter Pat Gelsinger, für den in den letzten Monaten diverse hochrangige Persönlichkeiten anderer Techunternehmen abgeworben wurden. Mitte Januar wechselte beispielsweise CFO David Zinsner von Speicherhersteller Micron zu Intel, um dort die Rolle des Chief Financial Officers anzutreten.

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