Traurige Trendwende: 42 Prozent mehr Pleiten bei Großunternehmen

| Redakteur: Michael Eckstein

Unerwünschtes Wachstum: Zehn Jahre nach der weltweiten Finanzkrise gibt es deutschlandweit wieder mehr Unternehmensinsolvenzen.
Unerwünschtes Wachstum: Zehn Jahre nach der weltweiten Finanzkrise gibt es deutschlandweit wieder mehr Unternehmensinsolvenzen. (Bild: gemeinfrei / Pixabay)

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Nach zehnjährigem Abwärtstrend nimmt die Zahl der Firmeninsolvenzen in Deutschland wieder zu. Hart trifft es die Automobilindustrie. Die Schadenshöhe bei Großinsolvenzen ist um über 80 Prozent gestiegen. Die Gefahr eines Dominoeffekts mit ernsthaften Auswirkungen auf die zuliefernde Elektronikindustrie steigt.

Die Zahl der Insolvenzen nimmt wieder zu. 2019 traf es auffällig viele namhafte und große Unternehmen. Seit der Finanzkrise vor zehn Jahren waren die Insolvenzen in Deutschland konstant gefallen, von 32.687 in 2009 auf 19.302 in 2018. Jetzt die Trendwende: In den ersten neun Monaten dieses Jahres zählte der zur Allianz-Gruppe gehörende Kreditversicherer Euler Hermes 27 Pleiten von deutschen Unternehmen mit einem Umsatz von jeweils mehr als 50 Mio. Euro. Im Vorjahreszeitraum waren es noch 19 Fälle gewesen. Das entspricht einem Zuwachs von 42%. Euler Hermes weist darauf hin, dass seine Analyse nur Unternehmen berücksichtigt, deren letzte Umsätze vorliegen und tatsächlich zuletzt über 50 Mio. Euro lagen. Geschätzte Umsätze wurden nicht berücksichtigt. Das bedeutet: Die absolute Zahl der Großinsolvenzen könnte tatsächlich sogar höher sein.

„Dramatisch an diesen großen Insolvenzen ist der Dominoeffekt auf viele Unternehmen in der Lieferkette“, sagt Ron van het Hof, CEO von Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Diese Firmen sind oft sehr eng an den großen Geschäftspartner gekoppelt, häufig auch von ihm abhängig. Durch die enge Verflechtung würden einige mitgerissen in den Abwärtssog – und könnten im schlimmsten Fall ebenfalls als Pleitier enden. Laut Van het Hof ist der durchschnittliche Umsatz der insolventen Großunternehmen – und damit auch die Schäden für die betroffenen Unternehmen – in den ersten neun Monaten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 81% auf 339 Mio. Euro gestiegen. „Dies bestätigt den Trend: Wenn es knallt, dann richtig!“

Im Vorjahreszeitraum lag der durchschnittliche Umsatz der insolventen Großunternehmen noch bei 187 Mio. Euro, 2016 noch bei 129 Mio. Euro. Langfristig betrachtet zeigt die Tendenz seit Jahren nach oben. Im Jahr 2017 erreichten die durchschnittlichen Schäden aus den großen Insolvenzen mit über 300 Mio. Euro bereits ein Rekordhoch. Dieser Ausreißer in der ansonsten linearen Entwicklung war bedingt durch die Insolvenz von Air Berlin.

Automobilbranche neben Handel besonders stark betroffen

„Besonders viele große Insolvenzen gab es im bisherigen Jahresverlauf in der Automobilindustrie sowie im Handel, im Dienstleistungssektor sowie in der Metall-, Textil- und Energiebranche“, sagt Van het Hof. Vorsicht sei gerade auch bei großen Namen geboten – sie würden im Zweifelsfall nicht vor der Pleite schützen. „Einige sehr namhafte Unternehmen sind 2019 sogar bereits zum zweiten Mal in die Insolvenz gerutscht – ein Trend, der die Aussage unterstreicht.“

Dazu zählt er beispielsweise Elektronikhersteller Loewe und Kettler, Erfinder des Alu-Fahrrads und des beliebten Kettcars. Zu den nach Umsatz größten Insolvenzen in den ersten neun Monaten 2019 zählten ebenfalls bekannte Namen, etwa das Windenergieunternehmen Senvion und den Automobilzulieferer Eisenmann, aber auch die Fluggesellschaft Germania. Das vierte Quartal 2019 lässt mit den Pleiten von Thomas Cook oder Condor ebenfalls bereits jetzt mit großen Namen aufhorchen.

Mehr große Insolvenzen – Gesamttrend 2019 noch stabil, Anstieg erst 2020 erwartet

Nach Ansicht von Van het Hof gerät der deutsche Wirtschaftsmotor bereits ins Stottern. Trotzdem dürften die Insolvenzen in Deutschland im laufenden Jahr relativ stabil bleiben. Insgesamt habe es in den ersten acht Monaten 2019 sogar einen leichten Rückgang bei den Insolvenzen gegeben. Zum Jahresende zeichnen sich laut Euler Hermes jedoch mehr Firmenpleiten ab, so dass die Zahlen am Jahresende auf einem vergleichbaren Niveau liegen dürften wie im Vorjahr. Dieser Anstieg zum Jahresende wird sich nach Ansicht der Euler-Hermes-Experten ins Jahr 2020 fortsetzen. Der Kreditversicherer erwartet im kommenden Jahr rund 3% mehr Pleiten als 2019.

„Die deutsche Wirtschaft zeigt sich angesichts der zahlreichen Unsicherheiten und Risiken relativ robust“, sagt Van het Hof. Für diese Widerstandskraft seien allerdings weniger die Unternehmen verantwortlich, sondern vor allem die positiven Impulse durch die gute Binnennachfrage – besonders der Konsum und die Bauinvestitionen würden die Wirtschaft tragen. Noch zehren viele Unternehmen von ihren Puffern, die sie sich in guten Zeiten angelegt haben. „Deshalb gehen wir 2019 von stagnierenden Pleitezahlen aus und 2020 dann von einem leichten Anstieg“, sagt Van het Hof.

Branchen heterogen – Kernbranchen wie Produktion und Energie zeigen Anstieg

Wie zu erwarten, sind laut Euler Hermes nicht alle Branchen gleichermaßen betroffen. Wie bei den Großinsolvenzen zeige sich insgesamt recht heterogenes Bild. „Den größten Zuwachs bei den Pleiten sieht man aktuell in der Energieversorgung und im Bildungssektor sowie der Agrarwirtschaft“, sagt Van het Hof. Doch auch das verarbeitende Gewerbe, die Transportbranche und die unternehmensnahen Dienstleistungen würden steigende Fallzahlen verzeichnen. In den Branchen Information und Kommunikation, sonstige Dienstleistungen, Wasser- und Abfallwirtschaft sowie Gesundheit und Soziales hätten hingegen merklich weniger Unternehmen Insolvenz angemeldet.

Die durchschnittlichen Schäden für Unternehmen durch Insolvenzen haben sich zwischen 2015 und 2018 verdoppelt. Zwar sind sie im bisherigen Jahresverlauf insgesamt leicht rückläufig, allerdings weiterhin auf sehr hohem Niveau, gibt Euler Hermes an. Mit den zum Jahresende voraussichtlich steigenden Fallzahlen dürfte sich dieser Trend jedoch ändern – zumal Kernbranchen wie der Energiesektor, Produktion und unternehmensnahe Dienstleistungen bereits einen deutlichen Anstieg bei den Schäden vermelden.

Strukturwandel und Digitalisierung stellt Unternehmen vor Probleme

Deutliche Zunahme: Entwicklung der Großinsolvenzen Q1 bis Q3 2019 vs. 2018 sowie durchschnittliche Umsätze.
Deutliche Zunahme: Entwicklung der Großinsolvenzen Q1 bis Q3 2019 vs. 2018 sowie durchschnittliche Umsätze. (Bild: Euler Hermes)

Die meisten Insolvenzen verzeichnete in den ersten acht Monaten des Jahres der Handel (2.182 Fälle), gefolgt vom Baugewerbe (2.118), Hotels & Restaurants (1.511), unternehmensnahe Dienstleistungen (1.387) und sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen (1.248), dem verarbeitenden Gewerbe (1.030) und der Transportbranche (866).

Ein massiver Strukturwandel in Kombination mit der digitalen Transformation und schärferen Nachhaltigkeitsrichtlinien beschäftige fast alle Unternehmen hierzulande. „Zudem sehen wir eine schwache Nachfrage sowie teilweise Profitabilitäts- und Liquiditätsprobleme unter anderem in der Automobilindustrie und ihren Zulieferern sowie in der Chemiebranche und dem Maschinenbau“, warnt Van het Hof. Im Dienstleistungssektor, dem Handel und anderen verbrauchernahen Branchen würden den Unternehmen weiterhin die geringen Margen zu schaffen machen.

Deutsche Wirtschaft: Wenn der Binnenkonsum nachlässt, wird es eng

Beim Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) geht Euler Hermes sowohl 2019 als auch 2020 von +0,6% aus. Das schwache Wirtschaftswachstum lasse wenig Spielraum für Investitionen. Manches Unternehmen sei gezwungen, an seine Reserven zu gehen. Van het Hof konstatiert: „Wenn sich diese Schwäche nun auch negativ auf den Privatkonsum auswirkt – der sich aktuell als Fels in der Brandung der deutschen Wirtschaft erweist – wird es eng.“ Sollte dieser nachlassen, könnte im Laufe von 2020 eventuell erneut eine technische Rezession drohen.

Euler Hermes erwartet, dass der Welthandel 2020 mit +1,7% nur minimal stärker zunimmt als 2019 (+1,5%). Deutsche Exporteure müssten also weiterhin aufs Gaspedal treten, um ihr Stück vom Kuchen zu verteidigen. Immerhin: Die Euler-Hermes-Experten erwarten, dass am Ende der abermaligen Brexit-Verlängerung eine Einigung stehen wird, die drohende Handelshemmnisse verhindern wird. Aber: Drohende Automobilzölle sind zwar auf 2020 verschoben – aber nicht aufgehoben. „Auch sonst ist der politische Kalender voll mit Terminen, die an mehreren Stellen zu Verwerfungen führen könnten“, warnt Van het Hof.

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