Elektronikfertigung

Taiwans Elektronikhersteller lassen das Billig-Image hinter sich

| Autor / Redakteur: Franz Graser / Franz Graser

Pulsierendes Taipei: Für viele Taiwaner ist der Motorroller im Stadtgebiet von Taipei das bevorzugte Fortbewegungsmittel. Besonders in den Morgen- und Abendstunden geraten die Verkehrsadern der Inselmetropole an den Rand der Belastbarkeit.
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Pulsierendes Taipei: Für viele Taiwaner ist der Motorroller im Stadtgebiet von Taipei das bevorzugte Fortbewegungsmittel. Besonders in den Morgen- und Abendstunden geraten die Verkehrsadern der Inselmetropole an den Rand der Belastbarkeit. (Bild: Franz Graser/EP)

Während die Massenproduktion von PCs und Smartphones hauptsächlich in der Volksrepublik China stattfindet, spezialisiert sich Taiwan auf flexible Fertigung, hochwertige Produkte und kleinere Stückzahlen.

Produkte aus Taiwan hatten nicht immer den besten Ruf. Steven Liu, Vice President von AICSYS, einem taiwanischen Hersteller von Gehäusen für Industrie-PCs, schildert beispielhaft eine Szene aus dem US-Spielfilm „Eine verhängnisvolle Affäre“: Michael Douglas, der Protagonist des Streifens kämpft darin mit einem kaputten Regenschirm. „Der kommt wohl aus Taiwan?" fragt ihn darauf die weibliche Hauptdarstellerin.

Das war 1987. „Inzwischen hat sich die Wahrnehmung geändert“, sagt Liu: „Fast 70 Prozent aller kommerziellen Computer werden heute von taiwanischen Herstellern produziert. Das hat uns geholfen, ein neues Image aufzubauen.“

In der Tat arbeitet Taiwan hartnäckig daran, alte Vorurteile zu widerlegen. Ein typisches Billiglohnland ist Taiwan nämlich auch in der Vergangenheit nicht gewesen. Denn die Insel, die von portugiesischen Seefahrern mit dem poetischen Namen Formosa – die Schöne – belegt worden war, stand zwischen 1895 und 1945 unter japanischer Oberhoheit.

Wirtschaftswunder dank hohem Bildungsniveau

Dadurch kamen die Taiwan-Chinesen in den Genuss eines höheren Lebensstandards als ihre Landsleute auf dem chinesischen Festland. Und nachdem 1949 die Kommunisten unter Mao in China die Macht ergriffen, flohen Teile der chinesischen Elite auf die Insel.

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Beste Voraussetzungen für ein Wirtschaftswunder hat auch das hohe Bildungsniveau geschaffen, wie Walter King, Technikvorstand bei dem Münchner Elektronik-Distributor und Systemintegrator Data Modul AG, weiß. Data Modul arbeitet bereits zehn Jahre eng mit taiwanischen Unternehmen zusammen, und King schätzt seine asiatischen Partner sehr: „Taiwan hat in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren eine große Zahl an hochqualifizierten jungen Menschen ausgebildet, die nun sowohl technisch als auch kaufmännisch zu den führenden Nationen aufgeschlossen haben.“ Darüber hinaus attestiert King den Taiwanern Innovationsfreude, Mut zum Risiko sowie eine hohe Investitions- und Lernbereitschaft.

In diesem Klima konnten große Computer- und Elektronikunternehmen wie Acer, Asus oder HTC entstehen, die ihre Computer, Notebooks und Smartphones weltweit vertreiben. Diese Unternehmen, die auf große Stückzahlen setzen, fertigen allerdings schon längst in der Volksrepublik China. Auch Foxconn, der Auftragsfertiger, der in China unter anderem für Apple und andere Handy-Hersteller produziert und durch problematische Arbeitsbedingungen sowie durch Selbstmorde seiner Mitarbeiter in die Schlagzeilen kam, ist ein taiwanisches Unternehmen.

Viele Firmen setzen auf Industrie-PCs und -Boards

Aber für viele der Elektronik- und Computerhersteller, die selbst in Taiwan fertigen, ist Massenfertigung nicht der richtige Weg. Diese Unternehmen setzen stattdessen auf Industrie-PCs (IPCs) und Mainboards, die in enger Zusammenarbeit mit Kunden aus Europa entwickelt werden.

Den Hintergrund dieses Trends erläutert Roger Lo, Direktor der Distribution & Sales Division bei Avalue, einem Produzenten von Motherboards für Industrie-PCs. Lo arbeitete früher bei Asus und Foxconn und kennt daher auch den Alltag bei den Massenfertigern: „Für die Großen wird es zunehmend schwieriger", sagt er: „Im Bereich der Consumer Electronic ist es sehr schwer, auf Dauer profitabel zu sein.“ Denn auch in Chinas Boomregion an der Ostküste steigen der Lebensstandard und damit die Löhne, sodass einige große PC-Hersteller inzwischen ihre Fertigung in das ärmere Zentralchina verlegen.

Im Bereich der IPCs und Industrie-Boards, die auf Projektbasis in enger Abstimmung mit den Auftraggebern entstehen, entscheiden laut Roger Lo jedoch neben dem Kostenaspekt auch noch andere Kriterien – so etwa die Flexibilität und die Fähigkeit, die Vorstellungen der Kooperationspartner umzusetzen.

Ein weiterer Punkt, den Lo hervorhebt, sind Dienstleistungen rund um das Produkt: „Der Service ist genauso wichtig wie die eigentliche Herstellung. Wir fokussieren uns auf Qualität und Service und darauf, die Anforderungen des Kunden zu verstehen und ihn zu unterstützen.“

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