UNICEF-Pi Syrische Flüchtlingskinder lernen mit Raspberry Pi

Autor: Margit Kuther

Raspberry Pi ist ein preiswerter PC-Ersatz. Doch bis die Mini-Platine als vollwertiger Rechner in Schulen eingesetzt werden kann, sind etliche Hürden zu meistern, wie das UNICEF-Projekt im Libanon zeigt.

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Raspberry Pi for Learning: Der UNICEF-Rechner mit HDMIPi-Display und integriertem Raspberry Pi
Raspberry Pi for Learning: Der UNICEF-Rechner mit HDMIPi-Display und integriertem Raspberry Pi
(Bild: Alex Eames)

Nelson Mandela sagte 2003 in seiner Rede „Lighting your way to a better future“: „Education is the most powerful weapon we can use to change the world ...“.

Doch für eine gute Ausbildung sind Schulen Voraussetzung. In Krisenregionen vermitteln diese Kindern und Jugendlichen aber nicht nur Bildung, sondern bringen ihnen auch etwas Normalität und Sicherheit in ihren aus den Fugen geratenen Alltag. Doch Unterrichtsmaterialien, insbesondere teuere Computer, sind in Krisenregionen ohne ausreichend Wasser und Grundnahrungsmitteln rare Luxusgüter.

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Unicef startete deshalb 2014 das Projekt Raspberry Pi für syrische Schüler, die im Libanon Zuflucht gefunden haben. Denn im Libanon ist die Situation besonders prikär: Das kleine Land mit rund vier Millionen Einwohnern bietet etwa 1,2 Millionen Kriegsflüchtlingen allein aus Syrien Zuflucht.

Ein komplettes PC-System, basierend auf dem Raspberry PI

James Cranwell-Ward ist UNICEF Innovation Specialist für den Libanon und arbeitet direkt mit syrischen Flüchtlingen im Libanon zusammmen. Er und seine Mitstreiter suchten nach einer preiswerten Technologie, die sich zum Unterrichten der syrischen Flüchtlingskinder im Libanon eignen könnte.

Das UNICEF-Team setzte dabei von Anfang an auf e-Learning. Denn ihre Intention ist, Kinder ortsunabhänig unterrichten zu können und ihnen neben den herkömmlichen Unterrichtsfächern wie Mathematik auch Einblick in die zukunftsträchtige Informationstechnik zu geben. So sollen die Schüler beispielsweise lernen, ihre eigenen Spiele zu programmieren.

Rasch stieß er auf den Raspberry Pi, eine Mini-PC-Platine, die für rd. 30 Euro alles bietet, um im Internet surfen, Büroanwendungen nutzen, HD-Videos sehen und Musik hören zu können. Doch der Linux-basierende Raspberry Pi Modell B+ für Open-Source-Anwendungen hält selbst für manch versierten PC-Nutzer den ein oder anderen Stolperstein bereit – und erst recht für Schüler und deren Lehrer, die teilweise zum ersten Mal in die digitale Welt eintauchen. James Cranwell-Ward und sein Team standen also vor der Herausforderung, ein komplettes PC-System mit Tastatur, Monitor und spezieller Unterrichtssoftware für PC-Einsteiger zu kreieren – und das alles zu einem günstigen Preis.

James Cranwell-Ward wurde auf das Crowdfunding-Projekt HDMIPi von Alex Eames auf Kickstarter aufmerksam. Dabei handelt es sich um ein hochauflösendes HDMI-LC-Display und die ideale Ergänzung für den Raspberry Pi.

Crowdfunding-Projekt HDMIPi – ein Bildschirm für Raspberry Pi

Wie bereits beim Raspberry Pi hatten die Erfinder des HDMIPi das Ziel, einen leistungsfähigen aber preiswerten Bildschirm zu fertigen. Das Panel im Plastikgehäuse hat eine Bildschirmdiagonale von 9 Zoll (rd. 23 cm) und eine Auflösung von 1280 × 800 Bildpunkten.

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Der Raspberry Pi wird auf der Rückseite des Display-Gehäuses befestigt. Das Duo Raspberry Pi / HDMIPi benötigt lediglich 8 Watt, das Display allein 5 Watt. Damit ist es prädestiniert für Entwicklungsländer oder Krisenregionen, in denen unter Umständen nur Solarstrom zur Verfügung steht.

Den HDMIPi gibt es in verschiedenen Varianten. Das Standardmodell kostet 75 Pfund (plus rd. 9 Pfund Versandgebühren). Ein User Guide ist verfügbar.

Für das UNICEF-Projekt wurde der HDMIPi jedoch etwas modifiziert, beispielsweise mit Standfüßen am Gehäuse, teilweise wurden mangels Geräten . Die Raspberry Pis und HDMIPis erreichten den Libanon auch nicht als Einheit, sondern jeweils separat. Die Verkabelung, Anschluss einer Tastatur, etc. wurden von einer Firma vor Ort vorgenommen.

Pi4L, der Pi for Learning, ausgestattet mit Hard- und Software

Die fertige Hardware, der UNICEF-Raspberry-Pi-Rechner, wurde anschließend mit Software ausgestattet, passend zur Alltagssituation der Kinder: das Komplettsystem läuft unter der Bezeichnung Raspberry Pi for Learning (Pi4L). Zum Einsatz kamen spezielle E-Learning-Programme die teilweise für den Unterrichtseinsatz für die syrischen Kinder im Libanon entwickelt wurden.

An Unterrichtsmaterialien kommt beispielsweise Khan Academy Lite in arabischer Sprache zum Einsatz, entwickelt von der Foundation for Learning Equality. KA Lite bietet einige Vorzüge: Die Open-Source-Software ist offline nutzbar. Wird KA Lite beispielsweise auf einem Laptop als lokaler Server eingesetzt, können etwa Übungsaufgaben und Videos der Khan Academy sowie die Fortschrittskontrolle der Schüler ohne bestehende Internetverbindung zu und von den Pi4Ls übermittelt werden und zwar über lokale Wi-Fi-Netzwerke.

Neben den gängigen Unterrichtsfächern stellte das Libanon-UNICEF-Team auch ein Programm bereit ‘learning to code and coding to learn’. Das Programm war folgendermaßen konzipiert: Während die Schüler eigene Spiele entwickelten, erhielten sie gleichzeitig Informationen zu alltagsrelevanten Themen wie Polio-Prävention, Hygiene, aber auch, welche Rechte sie als Kinder haben.

Zusätzlich zu den Unterrichtseinheiten für die Schüler wurden auch Schulungen für die Lehrer entwickelt, so dass diese den Schülern bei der Nutzung der Programme tatkräftig unterstützen konnten. Entwickelt wurden die Schulungen unter anderem auch von der International Education Association in Libanon.

Natürlich müssen die Pi4Ls auch regelmäßig gewartet und an unterschiedlichen Orten aufgebaut werden. Hierfür wurde eine im Libanon ansässige Non-Profit-Organisation gefunden, die bereits Erfahrungen mit Rasperry Pis im Schuleinsatz hatte.

Das Pilotprojekt wurde erfolgreich abgeschlossen

In der Testphase gab es drei unabhängige Lerneinheiten für Schüler sowie eine vierte für Lehrer. Über 300 Kinder und Jugendliche nahmen an dem Projekt Pi4L teil, 55% davon waren Mädchen. Die Teilnahmequote des vierwöchigen Kurses lag bei 88%. Ein beachtenswerter Erfolg wenn man bedenkt, dass viele der Schüler (bis zu 40% an einem Standort) nebenbei noch arbeiteten.

Tipp: Sie interessieren sich für weitere UNICEF-Projekte? Dann lohnt ein Blick in die Broschüre „Innovation at UNICEF“.

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Über den Autor

 Margit Kuther

Margit Kuther

Redakteur, ELEKTRONIKPRAXIS - Wissen. Impulse. Kontakte.