Aus Krisen lernen Studie zeigt Maßnahmen für mehr Resilienz in Unternehmen

Von Sebastian Gerstl

Gerade kleine und mittelständische Unternehmen haben unter den Corona-Maßnahmen der letzten beiden Jahre besonders gelitten. Doch eine Reihe empfehlenswerter Maßnahmen kann helfen, künftig die Resilienz zu steigern. Dies belegt eine jüngst veröffentlichte Studie des Fraunhofer IPA.

Firmen zum Thema

Anhand von 60 kleinen und mittelständischen Unternehmen der verarbeitenden Industrie hat das Fraunhofer IPA erarbeitet, welche Faktoren in Krisenzeiten eine gute Resilienz ausmachen. Das Ergebnis: Gerade kleine Unternehmen sind oft anfälliger. Die Gründe liegen unter anderem in der Flexibilität, den Vertriebsnetzen und dem Vorhandensein eines Krisenstabs.
Anhand von 60 kleinen und mittelständischen Unternehmen der verarbeitenden Industrie hat das Fraunhofer IPA erarbeitet, welche Faktoren in Krisenzeiten eine gute Resilienz ausmachen. Das Ergebnis: Gerade kleine Unternehmen sind oft anfälliger. Die Gründe liegen unter anderem in der Flexibilität, den Vertriebsnetzen und dem Vorhandensein eines Krisenstabs.
(Bild: Fraunhofer IPA)

Welche Resilienzfaktoren erlauben es Unternehmen, die aktuelle Krise besser zu meistern als andere? Um diese Frage zu beantworten haben Forschende des Fraunhofer Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA), gefördert durch das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg, 60 verarbeitende Unternehmen der deutschen Industrie befragt. Alle Teilnehmer der der Erhebung zur Identifikation von Resilienzfaktoren bei KMU des produzierenden Gewerbes“ genannten Studie, kurz „INFORM“, sollten auf Fragebögen diverse Angaben umfassend dokumentieren: wie ihr Stand zu Ausbruch der Krise war, welche Maßnahmen getroffen wurden, und wie sie die Krise gemeistert haben.

Das Ergebnis: Größe scheint ein wesentlicher Faktor zu sein. So ist die Resilienz kleiner Unternehmen deutlich geringer als die großer Mittelständler mit mehr als 250 Mitarbeitern. „Die Corona-Krise hat insbesondere die vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen im Land hart getroffen, und dies in einer Phase des massiven digitalen Strukturwandels in der Wirtschaft,“ erklärt Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut, Wirtschaftsministerin des Landes Baden-Württemberg, anlässlich der Veröffentlichung der Studie. Gleichzeitig lehre gerade die aktuelle Krise, dass Unternehmen schon heute an die Risiken von morgen denken müssen, um beständig zu bleiben.

Gerade KMUs durchlaufen Anpassungsschwierigkeiten

Als Resilienz bezeichnen Wissenschaftler die Fähigkeit eines Systems, auf eine Störung zu reagieren: Ein Unternehmen ist umso resilienter, je flexibler es sich an unerwartete Störungen anpassen kann, um seinen Geschäftsbetrieb aufrecht zu erhalten. Es reagiert schneller, lernt aus einer Krisensituation und ist für zukünftige Herausforderungen gestärkt.

Die nun seit bald zwei Jahren andauernde Corona-Krise lieferte nun einen auf die breite Wirtschaft anwendbaren Hintergrund, um wesentliche Resilienzfaktoren während einer längeren Krisenzeit eingängig zu studieren: die Studie untersuchte, wie gut sich Unternehmen an veränderte Situationen anpassen können. Daraus werden Faktoren für eine resiliente Unternehmensausrichtung ermittelt.

Dabei zeigen die Ergebnisse, dass die Anpassung an die sich rapide verändernde Lage gerade für kleine und mittlere Unternehmen schwierig war: Sie mussten häufig die Produktion stoppen, weil Mitarbeiter nicht zur Arbeit kommen konnten, Lieferanten in Verzug gerieten oder Kunden wegbrachen. Auftragsstopps größerer Unternehmen machten sich hier auch stark bemerkbar. In der Folge kam es zu Umsatzeinbußen, Entlassungen und sogar Insolvenzen.

Im Vergleich dazu hatten große mittelständische Unternehmen hingegen geringere Umsatzeinbußen zu verzeichnen. Diese konnten ihre Mitarbeiterzahl meist konstant halten und in einigen Ausnahmen sogar neue Absatzmärkte gewinnen.

Ursachen niedrigerer Resilienz

Laut Jonas Lips, Leiter der Studie am Fraunhofer IPA, konnten eine Reihe kritischer Faktoren identifiziert werden, die die Resilienz eines Unternehmens während einer solchen Krisenphase ausmachen. So ist der Vertrieb ein wesentliches Merkmal: Kleine Unternehmen sind oft nur von einzelnen Lieferanten abhängig und haben ein einfach gestaltetes Vertriebsnetz. Ein Ausfall macht sich hier schlagartig und oft dramatisch bemerkbar. Dem gegenüber sind große Mittelständler sind meist breiter aufgestellt. Größere Unternehmen haben zudem meist schon Strategien zur Krisenbewältigung und einen Krisenstab auf Abruf oder waren in der Lage, einen solchen kurzfristig zusammenzustellen. Das erlaubte den Unternehmen, schneller und unbürokratischer reagieren, wenn neue Auflagen wie AHA-Regeln oder Home-Office-Pflicht umgesetzt werden mussten.

Als einen weiteren entscheidenden Resilienzfaktor haben die Forschenden der Studie die Digitalisierung und Automatisation der Prozesse identifiziert. In kleinen Unternehmen müssen Mitarbeiter häufig vor Ort sein, Dokumente in Papierform einsehen und auswerten. Quarantänen oder Home-Office-Pflicht führten da schnell zu Engpässen. Bei größeren Unternehmen hingegen sind die Prozesse – von der Verwaltung über die Logistik bis hin zur Produktion und Auslieferung – oft schon weitgehend digitalisiert. Viele Mitarbeiter konnten daher problemlos von zu Hause arbeiten. Mangelnde Digitalisierung in Deutschland machte sich hiermit vor allem in kleinen Betrieben stark bemerkbar.

„Das Ziel muss es sein, kleine und mittelständische produzierende Unternehmen dabei zu unterstützen, sich resilienter aufzustellen,“ fasst Lips die Erkenntnisse der Studie zusammen. Politik und Forschung müssten hier aktiver werden. Hilfreich können hier gezielte Fördermaßnahmen sein, Fahrpläne für den Krisenfall, eine verstärkte Prozessdigitalisierung und -automatisierung aber auch die Anpassung von Beschaffungs- und Vertriebsstrategien. Auf Basis der Studienergebnisse wollen die IPA-Expert:innen nun Best-Practice-Beispiele herausarbeiten und Roadmaps entwickeln, die Unternehmen helfen, sich für künftige Krisen zu wappnen.

Die Studie „Erhebung zur Identifikation von Resilienzfaktoren bei KMU des produzierenden Gewerbes“ steht auf Anfrage kostenlos auf den Seiten des Fraunhofer IPA zur Verfügung.

(ID:47894151)