Erfolgstory

Stets am Puls der Zeit – 93 Jahre Conrad

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Conrad liefert Bauteile für Grundigs Radio „Heinzelmann“

Darunter hatte nicht nur Werner Conrad zu leiden, sondern auch ein anderer: Max Grundig. Der Fürther Radiohändler wollte wie Werner Conrad so schnell wie möglich wieder Radios verkaufen. Dagegen sprachen die Gesetze der Alliierten. Also musste Grundig andere Lösungen finden.

Er fand sie mit Werner Conrad als Zulieferer. Der hatte nämlich in seinem Rucksack, den er aus Berlin gerettet hatte, Drehkondensatoren des italienischen Herstellers Ducati. Genau diese Komponenten fehlten Grundig, um seinen legendären Radio-Bausatz „Heinzelmann“ zu vervollständigen. Denn die Besatzer hatten zwar den Handel mit Fertigradios verboten, Einzelteile durften jedoch frei verkauft werden.

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Über das Geschäft wurden Grundig und Conrad Freunde. Der eine lieferte die Drehkondensatoren, der andere bekam dafür komplette Heinzelmann-Bausätze zum Verkauf. Werner Conrad erkannte den Standortvorteil von Hirschau: Überdurchschnittlich treue und engagierte Mitarbeiter.

Der Versandhandel fördert Conrads Aufschwung

1954 trat Klaus, der 18jährige Sohn von Werner Conrad, der gerade eine Banklehre erfolgreich abgeschlossen hatte, in das Unternehmen ein. Es war die Zeit der Röhrenradios, des grün leuchtenden magischen Auges und der Musiktruhen. Das Geschäft ließ sich gut an.

Werner Conrad betrieb laut Prospekt bereits wieder eine „Rundfunk-Elektro-Großhandlung mit Auslieferungslagern in Berchtesgaden, Berlin, Düsseldorf und Nürnberg“. Die Basis dieses Aufschwungs lag jedoch im Versandhandel, der für „Gräulinge“ wie die Conrads zum Tummelplatz wurde. Gräulinge hießen jene Händler, die die damals noch geltende allgemeine Preisbindung mehr oder weniger geduldet unterliefen.

Wegen dieser Preisbindung kostete ein Radio in der ganzen Republik dasselbe. Eine komfortable Situation für Hersteller und Händler. Aber über den Conrad Katalog waren die Geräte billiger zu bekommen als im stationären Verkauf. Der Versandhandel lief gut.

Dank EDV-Unterstützung zu einem sprunghaften Wachstum

Doch Klaus konnte sich mit all dem nicht recht anfreunden. Er schied Mitte der fünfziger Jahre aus der Firma aus, um seine eigenen Wege zu gehen. Und er wusste bereits, was er wollte. Er baute in den folgenden Jahren eine Kette von 18 „Technischen Kaufhäusern“ im süddeutschen Raum auf. Während der Vater sein Versandgeschäft Stück für Stück vorantrieb, sammelte der Sohn jahrelang Ideen, Kräfte und Erfahrung im Stationärhandel.

Erst 1973 kam es zur Fusion. Der Vater nahm den 37jährigen Klaus als Gesellschafter auf.

1976 starb Werner Conrad. Klaus Conrad realisierte die Weichenstellung für die Zukunft: Statt 150 Pakete sollten bald schon 1000 Päckchen das Firmengebäude verlassen. Das ging aber nur mit einer modernen EDV, die die mechanische Adressverwaltung ablösen sollte.

Für 200.000 Mark zuzüglich monatlich anfallender Wartungskosten von 4800 Mark erwarb Klaus Conrad die erste EDV-Anlage. Der Junior hatte es rechtzeitig erkannt: Ohne Computer war ein sprunghaftes Wachstum nicht mehr zu bewältigen.

Immer an die Zukunft denken und bei all dem Erfolg nie übermütig werden, ist das Naturell von Klaus Conrad. Der Blick für das Machbare und der Mut zu Visionen – das ist wohl das Geheimnis der Firma Conrad Electronic. Diesen Namen legte sich das Unternehmen 1976 nach dem Tod von Werner Conrad zu, mit dem auch die Firma WERCO verschwand.

Der Nachfolger wusste, dass man nicht auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen kann. „Weiße Ware“, sprich Haushaltsgeräte, oder Artikel für Tüftler und Bastler verkaufen? Entweder weiter auf den Stationärhandel setzen oder ein modernes Versandhaus betreiben? Das waren hier die Fragen.

Mit der Entscheidung für die Adressverwaltung per Computer war die Entscheidung für den Versandhandel gefallen. Jetzt musste sie sich als richtig erweisen. Doch zunächst erntete Klaus Conrad nur Kopfschütteln. Wie kann man mit dem personal- und kostenintensiven Versand von elektronischen Kleinteilen überhaupt Geld verdienen und dafür sämtliche „Technischen Kaufhäuser“ bis auf zwei Ausnahmen zusperren, höhnte die Versandbranche und die Konkurrenz.

Weil sich Klaus Conrad und seine Leute etwas zugetraut und den richtigen Riecher für den Markt hatten, lautete die Antwort. Tatsache war, dass 1976 mit der neuen EDV neben einem Informationssystem für Absatz, Beschaffung, Finanzierung, Investition, Personal und Kontrolle erstmals eine professionelle Kundenkartei mit 20.000 Adressen erstellt wurde. Vorher lief das Versandgeschäft lediglich über Inserate in Fachzeitschriften, durch die potenzielle Kunden angesprochen wurden.

Und der Katalog, zunächst für zwei Jahre herausgegeben und rund 400 Seiten stark, wurde allmählich zum Selbstläufer, der längst über Elektronikerkreise hinaus Kultstatus erreicht hat. „Nobody does it better“, bilanzierte im Januar 1998 das Jugendmagazin „ jetzt“ der Süddeutschen Zeitung.

1982 platzte das Betriebsgebäude aus allen Nähten. Auf dem Gelände der alten Keramikfabrik in Hirschau entstanden innerhalb eines Jahres ein Verwaltungs- und Lagerneubau mit rund 15.000 Quadratmetern Fläche. Die Mitarbeiterzahl wuchs 1983 von 376 auf 422. Rund 3000 Pakete veschickte das Haus inzwischen. Kaum war dieses Projekt beendet, wurde es in Hirschau schon wieder zu eng, es folgten weitere Anbauten. Parallel zu diesen Investitionen stieg Conrad wieder ins Filialgeschäft ein.

Seit 1982 führt der Multichannel-Anbieter Conrad unter dem Markennamen VOLTCRAFT technische Geräte, die nicht nur den Heimwerker, sondern auch Profis begeistern. Denn viele VOLTCRAFT-Produkte, hatten und haben bei ihrer Markteinführung technische Merkmale, die bei den Artikeln der Mitbewerber erst viel später zu finden waren. Entwickelt werden die Geräte mit dem Conrad Technologie Center in Hirschau.

Bis 1985 unterhielt die Firma lediglich in München, Hamburg und Berlin Ladengeschäfte. In den folgenden zwölf Jahren wurden daraus 17 stattliche Elektronik-Center in weiteren deutschen Großstädten.

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