Standard-Embedded-Lösungen, nicht nur von der Stange

| Redakteur: Margit Kuther

Norbert Hauser, Kontron: „Standards gewährleisten, dass Komponenten kompatibel zueinander sind. Das ist wichtig, etwa bei Ausschreibungen oder der Entwicklung neuer Designs.“
Norbert Hauser, Kontron: „Standards gewährleisten, dass Komponenten kompatibel zueinander sind. Das ist wichtig, etwa bei Ausschreibungen oder der Entwicklung neuer Designs.“ (Bild: Kontron S&T AG)

Kontron, Anbieter von Embedded-Computing- und IoT-Lösungen, ist Mitglied in sieben Gremien und Organisationen. Warum, erläutert Norbert Hauser, Vice President Marketing, im Interview mit der ELEKTRONIKPRAXIS.

ELEKTRONIKPRAXIS: Herr Hauser, Kontron ist in zahlreichen Standardisierungsgremien und Organisationen vertreten. Warum?

Norbert Hauser, Kontron: Als langjähriger Anbieter von Embedded-Computing- und IoT-Technologien müssen wir bei Weiter- und Neuentwicklungen bestehende Standards berücksichtigen, damit unsere Kunden, unsere Produkte schnell und einfach in ihre Designs integrieren können. Das ist ohne Standards nicht möglich. Umgekehrt arbeiten wir an der Definition zahlreicher Standards mit, um zu gewährleisten, dass Innovationen einerseits bestehende, erfolgreiche Standards einhalten, andererseits technologische Weiterentwicklungen in neue Standards einfließen.

Was sind die wichtigsten Standards für Kontron?

Wir prüfen sehr genau, bei welchen Organisationen wir Mitglied werden und in welchen Gremien es sich lohnt, sich zu engagieren – immer mit dem Blick auf die Anforderungen unserer Kunden. Man darf nicht vergessen, dass Standardisierung einen enormen Aufwand erfordert. Unsere Mitarbeiter müssen viel Zeit investieren, damit wir angemessen vertreten sind. In der PICMG unterstützen wir neben COM Express auch CompactPCI mit den verschiedenen Formfaktoren sowie die standardisierte Middleware EAPI, welche wir bei Kontron mit einem erweiterten Funktionsumfang unter Kontron EAPI (KEAPI) führen.

Kontron hat beispielsweise als Pionier der Standard Computer-on-Modules (COMs), und langjähriges Executive-Mitglied seit der Gründung der PICMG, den COM Express Type 7 Standard für den COM Express Basic Formfaktor mit auf den Weg gebracht. Kontron unterstützt alle COM Express Formfaktroen wie Basic, Compact und Mini mit einem breiten X86-Produktportfolio und bietet neben den COMs auch Standard und kundenspezifische Carrier Boards an. Bereits 2016 wurde die neue Version 2.0 des SMARC-Standards von der SGET verabschiedet, in der Kontron ein Gründungs- und Vorstandsmitglied ist. SMARC 2.0 öffnet Anwendern das Tor zum Internet der Dinge (IoT) und trifft somit den Nerv der Zeit. Viele Embedded Systeme basieren auf SMARC, einem Standard-Formfaktor für Computer-on-Module (COMs) vor allem für kompakte SoCs und Low Power Prozessorarchitekturen. Neben COM Express und SMARC unterstützt Kontron seit Januar 2018 auch den Q7 Standard für COMs mit ARM und X86-Produkten und deckt somit alle global führenden COM Standards für die verschiedenen Applikationsbereiche ab.

Daneben sind wir in der VITA aktiv in den Bereichen VME und VPX, welche vorallem für Ruggedized Computing Einsatz finden. Für die Interfaces wie PCI, PCIe sind wir Mitglied der PCI-SIG.

Wie entscheiden Sie, welche neue Standards Kontron unterstützt?

Aufgrund seiner langjährigen Markterfahrung und Marktpräsenz kennt Kontron die Anforderungen seiner Kunden sehr genau. Wir erfahren sehr früh, was neue Themen sind und können gemeinsam mit den Kunden und unseren Experten einschätzen, ob es sich um einen kurzfristigen Hype oder einen echten, langfristigen Trend handelt. Danach entscheiden wir, ob es für uns, auf der grundlegenden Technologieebene, wichtig ist, dass wir von Beginn an dabei sind. Zwei Beispiele für Aktivitäten im Bereich IoT: Seit Juli 2017 sind wir Mitglied der LoRa Alliance (TM), der am schnellsten wachsenden Allianz mit über 500 Mitgliedern für die Entwicklung eines globalen Low Power Wide Area Network (LPWAN) Standards für Internet of Things (IoT). LPWAN ermöglichst IoT, Machine-To-Machine (M2M) Kommunikation, Smart City und industrielle Applikationen. Wir unterstützen diesen Standard auf EN50155 zertifizierten Systemen für die Bahntechnik mit unseren Kontron TRACe Produkten und der Kontron KBox-Familie für industrielle Anwendungen.

Ein weiteres Beispiel: Zur Zeit bilden sich zahlreiche Interessenverbände für Industrial IoT und Industrie 4.0. Die Branche und die Themen sind für uns immens wichtig, da hier unsere Zukunftsmärkte liegen. Wir beobachten sehr genau, was in diesen Verbänden diskutiert wird. Unabhängig davon ist der IEEE 802.1 TSN Standard für Time Sensitive Networking für uns enorm wichtig, denn hier müssen wir mit unseren Geräten technisch immer aktuell sein und alle Spezifikationen bis ins Detail kennen.

TSN ist die Basis für neue Industrie-4.0-Technologien, deshalb engagieren wir uns hier intensiv. TSN ermöglicht konvergente Ethernet-basierende Netzwerke, auf denen parallel zum IT-Datenverkehr auch zeitsynchronisierte, deterministische Kommunikation möglich ist, wie sie bei zeitkritischen Maschinensteuerungen und Prozessen unabdingbar sind. Kontron engagiert sich im Industrial Internet Consortium (IIC) im Rahmen einer „Associate Participation“ und konnte bei einem „Plugfest“ im März erfolgreich die Interoperabilität der Kontron TSN-Produkte mit den Geräten anderer Hersteller im IIC Testbed unter Beweis stellen.

Gleichzeitig ist Kontron Mitglied der OPC UA Foundation und unterstützt den globalen Interoperabilitätsstandard IEC62541 für die Datenkommunikation vom Sensor bis zum ERP-System. Diese ist ein wichtiger Bestandteil für die notwendige digitale Vernetzung aller Systeme, die durch Industrie-4.0-Prozesse entsteht. Auch die SGET eignet sich hier als Beispiel: Der Universal IoT Connector (UIC) der SGET ist ein praxisorientierter, offener Software-Standard für IoT-Lösungen und Industrie-4.0-Anwendungen, der auf bestehenden Strukturen fußt. Der mehrstufige Aufbau unterstützt dabei die fortlaufende Weiterentwicklung; der modulare Ansatz ermöglicht eine ausgewogene Kombination aus Abstraktion und Ease-of-Use.

Kontron unterstützt einerseits OSADL im Bereich Open Source Echtzeit-Linux sowie OPC UA, setzt aber bei OPC UA auch auf eine enge Partnerschaft mit Microsoft, wie passt das zusammen?

Das passt sehr gut zusammen, denn Microsoft unterstützt viele Open-Source-Projekte und bietet selbst Implementationen als Open-Source-Software ant. Wir denken, dass es darüber hinaus für die Verbreitung eines Standards wie OPC UA hilfreich ist, wenn mehrere alternative Open-Source-Plattformen angeboten werden. Dafür engagieren wir uns bei OSADL und Microsoft um den Standard möglichst schnell und breit im Markt zu etablieren.

Standards sorgen zwar für Einheitlichkeit, machen Produkte aber auch austauschbar; wie kann sich ein Unternehmen differenzieren?

Auch innerhalb der Standards gibt es noch mehr als genug Möglichkeiten, sich zu differenzieren: Ein wettbewerbsfähiger Preis ist natürlich ein wichtiges Kriterium, aber nicht das einzige. Die Qualität der Komponenten spielt eine Rolle, aber im industriellen Umfeld auch die Frage, wie lange Unternehmen Wartung, Service und Ersatzteile im Rahmen des Product-Lifecycle Managements oder über spezielle individuelle Langzeit-Vereinbarungen garantieren können. Nicht zuletzt werden Software und Services auch im Hardware-Umfeld immer wichtiger. Hier kann Kontron neben individuellen BIOS Anpassungen und Middleware im Verbund mit S&T und S&T Technologies Kunden Software Consulting und Lösungen aus einer Hand für IIoT anbieten, wie es die meisten Embedded/IoT Anbieter nicht können, dazu gehören auch Cloud-Integrationslösungen über die flexibel konfigurierbare IoT-Plattform SUSiEtec, die für die Verbindung von IoT und Prozessen sorgt.

Welche Rolle spielt das Partner-Ökosystem, wenn Kontron doch standardisierte Produkte verkauft?

Unsere Kundenliste ist so differenziert wie unser Produktportfolio, wenn nicht sogar noch mehr. Das heißt, wir haben große OEM-Kunden, die hohe Stückzahlen von Produkten „von der Stange“ oder , „off-the-Shelf“ abnehmen, wie es in der Branche heißt. Hier sind Standards enorm wichtig, denn diese Kundengruppe vertraut darauf, dass unsere Komponenten, gegebenenfalls nach Zertifizierung, ohne Schwierigkeiten und weitere Prüfung über viele Jahre verbaut werden können. Hier sind Partner oft für die Logistik wichtig, aber nicht für die Technologie. Im Gegensatz dazu gibt es Kunden, die nach standardisierten Produkten verlangen, um sich in Bezug auf bestimmte Spezifiaktionen auf Kompatibilität verlassen zu können, gleichzeitig brauchen sie jedoch bestimmte Individualisierungen um unsere Komponenten verbauen zu können. Diese Individualisierungen bieten wir zum Teil selbst an, im Falle von kundenspezifischen Carrierentwicklungen und deren Fertigung sowie Integration unserer COMs ergänzen uns weltweit 20 Certified Design Partner in den jeweiligen Regionen.

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