Vor 40 Jahren

Sommer 1977: Die Revolution der Heimcomputer

| Autor: Sebastian Gerstl

Der Apple II begründete 1977 den Ruf Apples als innovatives Tech-Unternehmen und trug – als einer der drei ersten kompletten Heimcomputer – dazu bei, die Geräte massentauglich zu machen.
Der Apple II begründete 1977 den Ruf Apples als innovatives Tech-Unternehmen und trug – als einer der drei ersten kompletten Heimcomputer – dazu bei, die Geräte massentauglich zu machen. (Bild: Apple)

„Es gibt keinen Grund, warum eine Person einen Computer in seinem Zuhause haben wollen möchte“, soll Ken Olsen, CEO der Digital Equipment Corporation, im Jahr 1977 gesagt haben. Zu diesem Zeitpunkt war DEC einer der größten und wichtigsten Computerhersteller der Welt – doch die in diesem Jahr beginnende Heimcomputerrevolution sollte die althergebrachten Firmen regelrecht überrollen.

In den 60er Jahren waren Computer noch große, teure Anlagen, die sich meistens nur für Lehr- und Forschungseinrichtungen eigneten. Doch die Erfindung des integrierten Schaltkreises machte auch kleinere Systeme möglich, die sich für den Einsatz in Unternehmen eigneten. Sogenannte Kleincomputer kamen, meist in Form von Terminalsystemen ohne echte eigene Rechen- oder Speicherkapazität, Anfang der 70er Jahre zunehmend auch im Banken- und Bürowesen zum Einsatz.

Die Erfindung des Mikroprozessors sollte das alles ändern. 1971 hatte Intel mit dem 4004 den ersten kommerziell erhältlichen 4-Bit-Mikroprozessor präsentiert – ein Produkt, das vorrangig für den zu diesem Zeitpunkt aufblühenden Taschenrechnermarkt interessant war.

Vier Jahre später präsentierte das Fachmagazin Popular Electronics auf Basis eines solchen Bausteins, dem seit 1974 erhältlichen 8-Bit-CPU Intel 8080, mit dem Altair 8800 erstmals ein Bastelkit, mit dem sich technisch versierte Nutzer einen eigenen Computer für zu Hause bauen konnten. Der Altair verfügte nicht über einen Bildschirm oder eine Tastatur – Eingaben mussten über Kippschalter, Ausgaben über rote Lämpchen erfolgen – doch das System zeigte, auch dank seines im Vergleich zu anderen Systemen günstigem Anschaffungspreis (439 US-$ als Bausatz, 621 US-$ in vorgefertigter Form), dass ein Computer für den privaten Einsatz durchaus denkbar war.

Dennoch konnten sich selbst die großen Computerhersteller dieser Zeit nicht vorstellen, dass jemand einen solchen Rechner auch zu Hause einsetzen würde. Als etwa ein junger Ingenieur des Computerherstellers Hewlett-Packard seinen Vorgesetzten den Entwurf eines Mikrocomputers vorlegte mit dem Vorschlag, diesen als eine Art Computer fürs Eigenheim – einen Heim-Computer sozusagen – zu produzieren, wurde dieser mehrere Male abgelehnt. Eine durchschnittliche Person könne mit einem Computer nichts anfangen, lautete das Argument. In den Augen von Hewlett Packard, so erinnerte sich der Ingenieur später, besaß jeder, der einen Computer kaufen würde, in den 1970ern bereits einen Computer – und HP produzierte ausschließlich 10.000 US-$ Systeme für den Firmenmarkt.

1976 überzeugte ein Freund diesen Ingenieur, sich mit der Erfindung selbstständig zu machen und mit ihm zusammen eine Computerfirma zu gründen. Der Name des Ingenieurs war Steve Wozniak, der Freund hieß Steve Jobs und die Firma, die entstand, tauften sie Apple Computer.

Die heilige Dreifaltigkeit der Heimcomputer

Die Mikroprozessor-basierten Bausatzrechner der Jahre 1975 und 1976 zeigten zwar, dass ein solches System grundsätzlich möglich war, fanden allerdings jenseits eines kleinen, überschaubaren Hobbyistenkreises relativ wenig Aufmerksamkeit. Wozniaks und Jobs Apple I - Bausatz verkaufte sich beispielsweise nur um die 200 mal. Selbst der erste Heimcomputer überhaupt, der Altair 8800, setzte bis Jahresende 1976 je nach Quellenlage gerade einmal 10.000 Exemplare ab – Bausätze und fertig zusammengebaute Geräte mit eingerechnet.

Dennoch waren sich mehrere Hersteller sicher, dass der Markt reif war für ein Massenprodukt: Im April 1977 wurden auf der CES in Las Vegas nicht nur ein, sondern gleich drei komplette Heimcomputersysteme präsentiert, die einen vollkommen neuen Markt begründen sollten.

Ab dem Sommer 1977 konnten kleine Büros und private Anwender erstmals eigene, komplett zusammengebaute Computer erwerben; mitsamt Monitor für eine leicht verständliche Ausgabe, Kassettenlaufwerk als Wechselspeicher zum Laden und Sichern von Programmen und Tastatur für die bequeme Eingabe, zu einem für damalige Verhältnisse auch noch erschwinglichen Preis: All diese Computer kosteten bei Markteinführung in ihrer Grundausstattung jeweils umgerechnet etwa 3000 DM.

Dabei waren es eben nicht die großen Computerfirmen wie IBM, HP oder DEC, die diesen 1977 noch vollkommen brach liegenden Markt erschlossen. Stattdessen wurde die Heimcomputerrevolution getragen von zwei College-Abbrechern, einem Elektronik-Distributor und einem Hersteller von Taschenrechnern: Die damals kleine Garagenfirma Apple präsentierte den Apple II, die amerikanische Elektronikkette Radio Shack stellte den TRS-80 in seine Regale, und Büromaschinenproduzent Commodore platzierte sich vor allem in europäischen Büros und Schulen mit seinem PET 2001.

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Übrigens: Dass sich sein Zitat auf den Heimcomputer beziehen sollte, bezeichnete DEC-CEO Ken Olsen in späteren Interviews als absurd – Jahre später beteuerte er, dass er damit nicht den Computer zuhause zum Arbeiten meinte. Statt dessen wollte er sich darauf beziehen, dass er sich nicht vorstellen könne, dass jemand mit einem Computer sein Eigenheim kontrollieren und steuern möchte. Mit anderen Worten: Olsen meinte, kein Mensch möchte ein Smart Home haben!

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