Mehr Souveränität gefordert So abhängig ist die deutsche Wirtschaft von Digital-Importen

Redakteur: Katharina Juschkat

Deutsche Unternehmen beziehen die meisten digitalen Technologien aus dem Ausland – wie abhängig die Unternehmen sind, und was das bedeutet, zeigt eine aktuelle Bitkom-Studie.

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KI-Software, digitale Endgeräte, Hardware-Komponenten: Deutsche Unternehmen beziehen einen Großteil ihrer digitalen Technologien aus dem Ausland.
KI-Software, digitale Endgeräte, Hardware-Komponenten: Deutsche Unternehmen beziehen einen Großteil ihrer digitalen Technologien aus dem Ausland.
(Bild: ©greenbutterfly - stock.adobe.com)

Digitale Technologien sind für deutsche Unternehmen existentiell wichtig – das Problem: Der Großteil der deutschen Wirtschaft ist dabei auf Importe aus dem Ausland angewiesen und wäre nur kurzzeitig überlebensfähig, wenn digitale Technologien und Dienstleistungen nicht mehr aus dem Ausland bezogen werden könnten. Das ergab eine aktuelle, repräsentative Bitkom-Studie unter 1.100 Unternehmen aller Branchen in Deutschland.

Es gibt praktisch kein Unternehmen, das nicht Hardware, Software oder digitale Dienstleistungen im Ausland einkauft.

Bitkom-Präsident Achim Berg

Die Befragung fand unter mehr als 1.100 Unternehmen aller Branchen in Deutschland ab 20 Mitarbeitern im Auftrag des Digitalverbands Bitkom statt. Fast alle Unternehmen (95 %) sind sich demnach einig, dass Deutschland unabhängiger werden und vermehrt auf eigene technologische Fähigkeiten bauen sollte.

Was deutsche Unternehmen importieren

Digital-Importe sind für die Wettbewerbsfähigkeit extrem wichtig. Folgende Importe sind deutschen Unternehmen am wichtigsten:

  • 77 %: Digitale Endgeräte
  • 66 %: Bauteile / Hardware-Komponenten
  • 57 %: Software-Anwendungen / Module
  • 42 %: Digitale Dienstleistungen (z.B. Cloud Services)
  • 12 %: Digitale Expertise (z.B. IT-Beratung)
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Deutschland besonders abhängig von Digital-Importen

Der eigene Standort wird im Vergleich zu anderen Wirtschaftsregionen als besonders abhängig von Digital-Importen eingeschätzt. Acht von zehn Unternehmen (80 %) halten Deutschland für abhängig vom Import beziehungsweise vom Bezug digitaler Technologien, Dienstleistungen und Expertise aus anderen Ländern. Das ist der höchste Wert im Vergleich der untersuchten Wirtschaftsräume.

Jeweils zwei Drittel sehen die restliche Europäische Union (68 %) und das Vereinigte Königreich (68 %) als abhängig an, bei Russland (51 %), den USA (48 %) und Japan (46 %) ist es etwa jedes zweite.

Wo Deutschland am abhängigsten ist

In diesen Bereichen schätzen die Unternehmen die Abhängigkeit Deutschlands am größten ein:

  • 81 %: IT- / Kommunikationsgeräte und -systemen
  • 71 %: 5G-Technologie
  • 68 %: Künstliche Intelligenz
  • 67 %: Virtual / Augmented Reality
  • 65 %: Quantencomputer
  • 65 %: Blockchain
  • 56 %: Drohnen
  • 55 %: IT-Sicherheitstechnologien

Vertrauen zu USA wankt

Das Vertrauen in die globalen Wirtschaftsräume fällt sehr unterschiedlich aus. Als besonders verlässlich gelten die EU-Länder, in die neun von zehn (89 %) großes Vertrauen haben. Ebenfalls groß ist das Vertrauen in Japan (61 %) und das Vereinigte Königreich (59 %).

Indien (41 %) rangiert dabei noch vor den USA (39 %), die nur knapp vor China (31 %) landen. In Russland hat nur jedes siebte Unternehmen (15 %) großes Vertrauen. Bitkom-Präsident Achim Berg erläutert: „Die USA haben in der deutschen Wirtschaft in den vergangenen Jahren massiv Vertrauen verspielt und werden aktuell nur bedingt als verlässlicher Handelspartner gesehen. Eines der zentralen Anliegen der neuen US-Regierung sollte sein, dieses verloren gegangene Vertrauen wiederaufzubauen.“

Stärkerer Wettbewerb durch Corona

Mit der Corona-Krise hat sich das digitale Ungleichgewicht nach Einschätzung der Unternehmen weiter verschärft. Acht von zehn Befragten (81 %) erwarten, dass die führenden Technologiekonzerne ihre Vormachtstellung weiter ausbauen. Drei von vier (74 %) sehen durch die Corona-Pandemie verschärfte internationale Ungleichheiten im Wettbewerb um digitale Technologien. Vier von zehn (41 %) gehen sogar davon aus, dass der technologische Vorsprung anderer Länder für Deutschland nicht mehr aufzuholen ist.

Die wichtigsten Handelspartner für Einfuhren sind vor allem die EU-Länder, aus denen acht von zehn Unternehmen (80 %), die importieren, digitale Technologien oder Services beziehen – gefolgt von den USA (74 %) und China (62 %). Aus Japan importiert jedes dritte Unternehmen (32 %) IT oder digitale Dienstleistungen.

Unterstützung durch die Politik gewünscht

Neun von zehn Unternehmen (91 %) fordern die Verstärkung der öffentlichen Forschungsförderung von Schlüsseltechnologien. Ebenso viele (91 %) meinen, dass die Bundesregierung eingreifen sollte, wenn eine Übernahme wichtiger deutscher Technologieunternehmen durch ausländische Investoren droht. Acht von zehn Unternehmen (79 %) sagen, die Bundesregierung sollte verhindern, dass Deutschlands Infrastrukturen in die Hand von Nicht-EU-Unternehmen geraten.

Jedes vierte Unternehmen (25 %) hingegen meint, der Staat sollte sich grundsätzlich aus der Wirtschaft heraushalten.

Einseitige Abhängigkeit vermeiden

Ungeteilte Einigkeit herrscht darüber, dass einseitige Abhängigkeiten bei digitalen Technologien zu vermeiden sind: Ausnahmslos jedes Unternehmen sagt, Deutschland müsse mehr digitale Souveränität erlangen. Allgemein wünschen sich die Unternehmen mehr Selbstbestimmung. Acht von zehn (81 %) sind der Ansicht, dass die deutsche Wirtschaft generell zu stark vom Ausland abhängig ist. Zwei Drittel (64 %) meinen, dass Deutschland und Europa in globalen Handelsstreitigkeiten zu passiv auftreten.

Eine übergroße Mehrheit (94 %) wünscht sich, Deutschland solle sich dafür einsetzen, dass die EU im Handel auf Augenhöhe mit China und den USA agiert. Beim internationalen Handelsstreit zwischen den beiden wirtschaftlichen Schwergewichten befürworten die meisten Unternehmen (85 %) hingegen Neutralität.

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